https://www.faz.net/-gyz-sgj9

Back to the Future : Die 137. Art Basel im Jahr 2106: Unsere Kritiker sondieren die Lage - Was ist noch übrig von den großen Künstlern der Gegenwart?

  • -Aktualisiert am

Bitte loggen Sie sich rechtzeitig ein. Denn wenn 2106 die mit dreizehntausend Screens und Plottern größte „AldiBaselArtFusionFair“ (ABAFF) aller Digitalzeiten eröffnet, wird Henri Matisse ausverkauft und Jonathan Meese in den Adelsstand erhoben sein, während auf der Isla larga bei Nueva York ein großes Schnabel-Museum steht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Henri Matisse: Künstler des Lichtes, Künstler der Angst

          Entgegen ihrem Ruf sind Messen keine treuen Spiegel des Kunstgeschmacks. Das können sie gar nicht sein, schließlich zeigen sie nur, was für Geld noch zu haben ist. Am höchsten verehrt wird aber stets das Unerreichbare, das sich von der Sphäre des schnöden Mammons längst verabschiedet hat.

          Kurz: Die allergrößten Künstler sind immer schon ausverkauft. Nun sind die Zeiten, als im exklusiven Club der Ausverkauften nur Altmeister versammelt waren, längst vorbei. Im 21. Jahrhundert begannen die Großmeister des 19. Jahrhunderts, sich vom Markt zu verabschieden. Zuerst verschwand Seurat aus dem Angebot der Händler und Auktionatoren, und irgendwann waren auch der letzte Goya und Manet im Museum angekommen. Bald werden wohl Gauguin, Van Gogh und Caspar David Friedrich vom Kunstmarkt ihren Abschied nehmen.

          Nur die Vorratskammern der Klassischen Moderne schienen bislang unerschöpflich. Man konnte das Jahr für Jahr auf der Art Basel verfolgen, wo die Klassische Moderne stets einen starken Auftritt hat; das ist zum Glück bis heute so geblieben. Auf dieser 137. Art Basel des Jahres 2106 gibt es nun auf diesem Segment der Klassischen Moderne eine kleine Sensation: Zum ersten Mal ist ein Großmeister jener Epoche überhaupt nicht mehr im Basler Angebot, nämlich Henri Matisse, und wenn unsere Recherchen nicht trügen, ist er überhaupt weltweit vom Kunstmarkt verschwunden.

          Das wird manchen überraschen. Denn trotz der legendären Ausstellung „Matisse - Picasso“, die Anfang des 21. Jahrhunderts die Rivalen als ebenbürtig präsentierte, war das Klischee kaum auszurotten, Matisse sei doch bloß „dekorativ“. Heute wissen wir, daß er - wie Munch, wie Hitchcock - ein Künstler der Angst gewesen ist, und niemand käme noch auf die Idee, eine derart der Todesfurcht entrissene Schönheit dekorativ zu nennen. Es berührt merkwürdig, wie blind das Jahrhundert Sigmund Freunds manchmal gewesen ist. Nun darf Matisse als vorerst einziger sein Jahrhundert im Club der Ausverkauften repräsentieren. Wilfried Wiegand

          Jonathan Meese: Unser Mann in Berlin trug Jacke mit Streifen

          Wenn man sich heute an die Art Basel 2006 erinnert, dann auch an den damaligen Bestseller „Die Vermeesung der Welt“, der monatelang auf den Bestsellerlisten stand und der den Ruhm von Jonathan Meese mitbegründete. Meese selbst war damals im Werkverzeichnis erst bei Nummer 1767 angelangt - kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, daß er im Lauf seines Lebens dann noch 124893 weitere Werke geschaffen hat, aber schließlich war er auch erst mit 136 Jahren von uns gegangen, und das ja auch nur, weil er zu große Sehnsucht nach Ezra Pound, Kinski, Nietzsche und seiner Mutter hatte.

          Heute, wo Locken aus seinem Bart in den Altarräumen jedes wichtigen Museums für Alte Kunst verwahrt werden, kann man sich auch kaum vorstellen, daß in den Berliner Friseurläden der Jahrhundertwende nach dem Schnitt seine Haare schnöde von einer Auszubildenden zusammengefegt und dann weggeworfen wurden. Aber damals war noch längst nicht jedem bewußt, daß es sich bei Jonathan Meese um den wichtigsten deutschen Künstler des 21. Jahrhunderts handeln würde, selbst seine Erhebung in den Adelstand des Erzgrafen durch Bundespräsidentin Merkel und den Berliner Generaldirektor Max Hollein wurde ja erst 2016 feierlich vollzogen.

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Brexit-Streit : Boris Johnson und der „Hinterhalt“

          Während der Brexit-Streit jetzt auch den Supreme Court beschäftigt, empören sich viele Politiker und Medien über etwas anderes: die „Demütigung“ ihres Premiers auf der missratenen Pressekonferenz mit Luxemburgs Ministerpräsident Bettel.

          Wahlkampf in Amerika : Links unterm Triumphbogen

          Elizabeth Warren begeistert bei einem Auftritt Tausende New Yorker. Die Senatorin will für die Demokraten um das Präsidentenamt kandidieren – und die Macht in die Hände der Arbeiter legen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.