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Art Karlsruhe : In welcher Größe hätten Sie das Bild gern?

  • -Aktualisiert am

Stagnation bekommt Kunstmessen nicht. Doch genau das zeichnet die aktuelle Ausgabe der Art Karlsruhe aus. Nach Jahren stetiger Verbesserungen kann sie das Niveau nur noch halten. Doch die Highlights können beeindrucken.

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          Tradition pflegen heißt nicht Asche aufbewahren, sondern Glut am Glühen halten, sagte einst der französische Politiker und Historiker Jean Jaurès. Den Veranstaltern der Art Karlsruhe, der Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst, sei dieses Zitat ans Herz gelegt, stagniert doch das Niveau der Aussteller im achten Jahr. Bislang zeichnete das Angebot eine stetige Verbesserung aus. Das Zentrum der Messe, die sich insgesamt über vier Hallen verteilt, liegt wie 2010 in Halle 3.

          Dort versammeln sich wieder die wichtigen Galerien: Michael Werner aus New York, Ludorff aus Düsseldorf, Henze & Ketterer aus Wittrach/Bern, Holtmann aus Köln, Schlichtenmaier aus Grafenau, Maulberger aus München und Rotermund aus Hamburg bilden den harten Kern. Hier finden wir auch das teuerste Werk der Messe: Es ist Kirchners Gemälde „Harem“ aus dem Jahr 1922 für 3,2 Millionen Euro.

          Es hängt wie 2010 am Stand von Kirchner-Galerist Henze & Ketterer. Ludorff hat auch ein Werk von Kirchner mitgebracht: „Alpenveilchen zu Weihnachten“ von 1917 für zwei Millionen Euro. Das bekannte Problem der Art Karlsruhe konnte auch dieses Jahr nicht behoben werden: Der Qualitätsstandard der insgesamt 212 Aussteller aus zehn Ländern, die rund 1600 Künstler präsentieren, variiert stark.

          In Halle 1, wo Fotografie, Editionen und Installationen das Gesamtbild bestimmen, fällt die Galerie Matthias Hauser aus dem spanischen La Coruña auf, die Werke der brasilianischen Künstlerin Regina Silveira mitgebracht hat. Auf einer 35 Meter langen Klebefolie an der Fassade in der Eingangshalle zeigt sie die Abbildung einer Nähnadel, deren Öhr einen überdimensionalen Schatten wirft. 3,5 Meter groß zeigt die Galerie die Nadel auch an ihrem Stand. Die einmalige Lizenz zum Druck kostet 38.000 Euro, die Größe ist dann variabel.

          Als Lockmittel, allerdings unverkäuflich, präsentiert die Galerie Schwind aus Frankfurt in Halle 2 das 2010 im Auftrag des Vatikans entstandene Papstporträt vom Leipziger Künstler Michael Triegel. Für Interessenten ist eine Studie des Gemäldes, 105 Zentimeter mal 79 Zentimeter groß, für 20.000 Euro zu haben.

          Ein kleineres Blatt mit Rotstich, das angeblich die letzte Version vor Beginn des Hauptwerks sein soll, ist bereits am Eröffnungstag für 22 500 Euro verkauft. Schwind zeigt außerdem Werke von Arno Rink, dem Lehrer von Neo Rauch. Entgegen beharrlichen Gerüchten pflege Rink einen guten Kontakt mit seinem berühmten Meisterschüler, sagt Galerist Karl Schwind.

          Land-Art in der Messehalle

          Eines der Bilder von Rink zeigt in surrealer Wüstenlandschaft die Rückenansicht einer blonden Frau im grünen Kleid, das sich eng anlegt und ihre Rundungen hervorhebt, neben zwei asiatischen Tempelfiguren in erotischer Pose. „Kajuhar - die erotische Mauer“ von 1982 (verkauft für 36 800 Euro) entstand im Anschluss an eine Indienreise des Künstlers.

          Die jüngste Leipziger Malergeneration ist ebenfalls in Karlsruhe bei Leuenroth aus Frankfurt vertreten: Im Werk von Mirjam Völker, Meisterschülerin von Neo Rauch, ist zwar noch sein Einfluss zu erkennen, doch wagt sie schon auffallende Emanzipationsschritte: Leuchtend grün-gelbe Zweige umranken auf dem Bild „Lager“ abgestellte Zelte und rostige Campingwagen (8000 Euro). Land-Art präsentiert die Galerie Harthan aus Stuttgart mit Fotografien der Konzeptkünstlerin Magdalena Jetelová.

          Im Jahr 1992 installierte und fotografierte die Tschechin in der Wüste von Island einen Lichtstreifen, der sich durch das karge Land zieht und vorgibt, den Erdboden wie ein Laserschwert aufschneiden zu können (14.000 Euro). Mit der Unerbittlichkeit der Natur beschäftigt sich Jürgen Brodwolf in seiner Installation „Monsunzelt“ von 1989/2011 bei Henze & Ketterer für 95.000 Euro: Auf fünf Liegen krümmen sich reduzierte Pappmaché-Figuren, als würden sie unter den harten Bedingungen leiden. Dieses graue Elend wird kontrastiert durch Schalen, gefüllt mit kräftigem Farbpulver in Blau, Rot und Gelb. Jeder Skulptur ist eine Farbe an die Seite gestellt.

          Von den Grenzen der Erkenntnis

          Norbert Frensch versetzt bei Hubert Schwarz aus Greifswald auf einer Leinwand eine dunkle Schale vor schwarzem Hintergrund in einen sakralen Lichtschein, der die metallene Oberflächenstruktur hervorhebt. (Die Schalen-Bilder gibt es in verschiedenen Größen, Preise von 3000 bis 7200 Euro.)

          Die Freiburger Galerie Albert Baumgarten präsentiert abstrakte Plexiglasskulpturen von Klaus Münch, von denen eine 2007 den Palazzo Fortuny auf der Kunstbiennale in Venedig schmückte: Die golden schimmernden Wandobjekte in Blau oder Rot imitieren die Form einer menschlichen Zelle. Sie versuchen dabei durch die Spiegelung des Betrachters im Corpus des Werks und durch die Absorption von Licht, unsere Grenzen der Erkenntnis aufzuzeigen (je nach Größe bis 18.500 Euro).

          Mensch und Tier in einem Körper

          Nach diesem subtilen skulpturalen Ansatz drängt sich die realistische Plastik aus Wachs der Österreicherin Deborah Sengl bei Deschler aus Berlin unverblümt und selbstbewusst ins Blickfeld: Mit abgekauten Fingernägeln, rot aufgeplatzten Adern am dicken Bauch und mit Haaren auf den Armen - sie stammen vom Brusthaar ihres Präparators - müht sich ein Männerkörper mit echtem Schweinekopf auf einem Fitnessgerät ab (55.000 Euro).

          Auch Johannes Grützke bringt Tier und Mensch zusammen. Doch wesentlich braver kombiniert er auf seinem Gemälde „Wildung mit Fuchs“ von 2010 bei Klaus Kiefer aus Essen eine Steinbüste des mittlerweile pensionierten Museumsdirektors Dietrich Wildung mit dem Fuchs (verkauft nach Frankfurt für 8500 Euro).

          Wer von der Art Karlsruhe ein individuelles Andenken mitnehmen möchte, sollte in Halle 4 beim Stand der Galerie Ferenbalm-Gurbrü Station aus Karlsruhe haltmachen. Maler aus dem ehemals besetzten Künstlerhaus „Musée Igor Balut“ im Zentrum von Paris verschönern dort mit individuellem Pinselstrich die traditionell rot-gelben Plakate der Art Karlsruhe, die sie vorab mit Botschaften wie „You may be rich in money, but you are poor in art“ bedruckt haben (Auflage 20; 100 Euro).

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