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Art Forum 2010 : Etabliert und ein bisschen unterkühlt

  • -Aktualisiert am

Das Berliner Art Forum ist kleiner als sonst, aber die Entdeckungen bei den osteuropäischen Galerien machen die Messe für Gegenwartskunst sehenswert.

          Was sieht man als Erstes, wenn man auf das Art Forum in den Berliner Messehallen geht? Ein Auto. Vor der Halle hat der Sponsor Audi einen erbost dreinschauenden Kleinwagen geparkt, vor dem eine Hostess auf und ab marschiert und nach möglichen Käufern Ausschau hält. So etwas ist nicht unüblich bei Messen - erstaunt ist man dann aber doch, wenn man auf der eigentlichen Kunstmesse, in der Halle gleich links, schon wieder ein Auto und daneben, auf Kundschaft wartenden Gebrauchtwagenhändlern gleich, die Berliner Galeristen Tim Neuger und Burkhard Riemschneider stehen sieht.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihr Stand erinnert entfernt an die Parkplätze westdeutscher Fähnchenhändler kurz nach der Maueröffnung - nur noch eine Schrottkarre da, die anderen Ladenhüter sind schon in die neuen Bundesländer verhökert. Bei dem Auto, einem Peugeot 205 XS (sprich, immerhin: „Exzess“), handelt es sich um das Privatfahrzeug des Künstlers Rirkrit Tiravanija, der den Wagen sieben Jahre lang fuhr und nun als beredtes Readymade seiner Berliner Existenz anbietet, mit orangegelber Glasgarage und zum Preis eines Supersportwagens.

          Ansonsten ist der ausladende Stand sehr leer, was symptomatisch ist für diese seltsam aufgeräumt wirkende Messe. Nur noch 110 Galerien, deutlich weniger als sonst, zeigen sich hier, was Skeptiker zur Frage veranlasst, ob es dem erfolgreichen, im Mai stattfindenden Gallery Weekend überhaupt noch etwas hinzuzufügen habe. Nun war das Art Forum arg gebeutelt worden in den letzten Jahren; aus Protest gegen die überbordende Drögheit des Angebots hatte sich mit der „abc“ eine schärfer konturierte, kleine Gegenmesse formiert, die dem Forum den letzten Glanz nahm - mittlerweile hat man sich aber versöhnt; die „abc“ gibt es zwar noch, aber nur noch als elegantes Beiboot im Marshall-Haus im Park hinter den Messehallen.

          Besucher werden von der einen zur anderen Messe mit Golfkarren transportiert, manchmal sieht man auch enthemmte Galeristen Beschleunigungsduelle austragen, bei denen es darum geht, wer zuletzt einer im Weg stehenden, albernen Skulptur ausweicht. Die Laune ist also so gut wie das Niveau. Natürlich wird, wie auf fast allen Messen, viel Schrott und Zeugs gezeigt, aber es gibt dann eben doch überraschend viele Entdeckungen und Wiederentdeckungen auf diesem Art Forum.

          Manche Enttäuschung

          Die Galerie Gebr. Lehmann holt den 1936 geborenen japanischen Künstler Keiichi Tanaami aus der Versenkung, einen Vorreiter der japanischen Pop Art, der vom Dadaismus eines Ushio Shinara ebenso beeinflusst war wie von Andy Warhol und 1975 Art Director des japanischen „Playboy“ wurde. Die wichtigste Wiederentdeckung dieser Messe sind aber die Arbeiten am Stand der ungarischen Galerie Kisterem: Dort werden die rätselhaften Fotografien von György Jovánovics gezeigt und die Zeichnungen und Aufnahmen des 1984 gestorbenen Universalgenies Miklós Erdély, der als Architekt zusammen mit seinem Vater eine Maurertechnik erfand, 1965 die gefeierte Novelle „Anarchistes à Paris“ veröffentlichte und danach mit seinen künstlerischen Arbeiten die europäischen Performance- und Konzeptkunst veränderte.

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