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Art Cologne : Die Macht am Rhein

Überraschung im Westen: Die Art Cologne setzt bei ihrer 48. Ausgabe auf Nachkriegsmoderne. Außerdem beweist die Schau, dass sie in Deutschland die einzige Kunstmesse von internationalem Rang ist.

          Wenn man an gar nicht so lang zurückliegende Zeiten denkt, lässt sich nur staunen, wie aufgeräumt die Art Cologne aussieht, nachdem sie in den neunziger Jahren völlig aus dem Ruder gelaufen war und fast an ihrer unkontrollierten Fülle zugrunde gegangen wäre. Jetzt herrscht Ordnung auf den beiden Ebenen der Halle 11, die rund zweihundert Teilnehmer aus 25 Ländern sind bestens sortiert in oft sehr geräumigen Kojen, die wiederum in Räume unterteilt sind. Daniel Hug hat als Direktor den Laden wieder aufs Gleis gestellt; man könnte sagen: Er ist jetzt auf sehr gepflegtem Department-Store-Niveau angekommen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dabei wäre eine etwas verfeinerte Angebotsabstimmung unter den Teilnehmern wünschenswert - anders gesagt, diese Messe ist, natürlich auch angesichts des hundertsten Geburtstags des Künstlers, ein veritables K.-O.-Götz-Festival geworden: Es dominieren seine charakteristischen Schwünge an den Wänden, gern auch in unerwartet bunten Überlagerungen, gemalt und gedruckt (das heißt dann „Giverny“, nach Monets Gartenparadies).

          Das geht von Henze & Ketterer - die ihr klassisch-modernes Angebot mit den alten „Neuen Wilden“ Elvira Bach, Fetting oder auch Salomé (sehr schöne „Seerosen“ für 40.000 Euro) aufpolstern - über Hans Strelow - Seite an Seite mit den Recken Schumacher und Knoebel - bis zur Götz-Phalanx bei Marianne Hennemann, zu der das attraktive Mittelformat „Mare“ von 1973 gehört (300.000 Euro), außerdem hübsche kleine Gouachen (von viertausend Euro an).

          Vergnügen an dekorativem Gestus

          Im Ganzen bleibt die Wiederkehr der Fünfziger und Sechziger einmal mehr zu konstatieren, die Nachkriegsabstraktion zieht an, auch preislich. Der Grund dafür ist einfach: Es ist eine Generation herangewachsen, die frei auf diese „informellen“ Arbeiten sehen kann, ohne Innerlichkeitspathos, eher mit Vergnügen an dekorativem Gestus, wie zum Beispiel bei Peter Brüning, Gerhard Hoehme oder auch Bernard Schultze.

          Ein Dorado für brandaktuelle Entdeckungen ist diese 48. Art Cologne nicht, eher kehrt die Messe noch weiter zu ihren Wurzeln als „Kölner Kunstmarkt“ zurück, will heißen: Sie ist ein Verkaufsschaufenster der - auch optisch - deutlich überwiegenden deutschen Galerien. Allzu Raumgreifendes, Geräuschintensives oder sonstwie Bewegtes kommt kaum vor, es geht um gediegene Werke und Werte für eine erfahrene Sammlerschaft.

          Teuer kann das durchaus sein. So gönnt sich die Münchner Galerie Thomas zur Fünfzigjahrfeier vor rotem Grund eine Ein-Bild-Schau: Franz Marcs Querformat „Die Angst des Hasen“ (auch schon bei Tefaf in Maastricht präsentiert) ist noch immer mit 9,4 Millionen Euro beziffert - ein für den Künstler erstaunlich kantiges Bild mit wasserdichter Provenienzkette.

          Neue Offenheit anstelle von Platzhirsch-Struktur

          Die Preisvorstellung rangiert übrigens hinter den beiden höchsten Auktionszuschlägen für Marc. Auch nicht oft im Handel gesehen ist der eigenwillige Amerikaner Philip Guston. Ein Gemälde von ihm hat Aurel Scheibler mitgebracht; immerhin 1,65 Millionen Dollar ruft er auf für das unbetitelte Werk von 1979. Dabei sollte man Feinheiten nicht übersehen wie bei Remmert und Barth Hannah Höchs Mischtechnik „Ewiger Kampf“ von 1924; das schlimme Gewimmel des Zwischenkriegs hält sie beklemmend fest auf dem Blatt (45.000 Euro).

          Längst ist die frühere Platzhirsch-Struktur verschwunden, und die angenehme Offenheit fängt schon auf dem Platz vorm Eingang Süd zur Halle an, der diesmal nicht verbaut ist mit einer Großskulptur; dort ragen kantig und schlank zwei spielend-leicht wirkende Stahlplastiken Joel Shapiros empor (Galerie Karsten Greve). Utermann aus Dortmund gibt Horst Antes, Jahrgang 1936, einen Auftritt, dem Vater der „Kopffüßler“ und legitimen Spross des Informel am Übergang zum Figürlichen.

          Es gibt eine charmante Gouache und einen archaischen stählernen „Helmkopf“ (Auflage 3; 160.000 Euro): Ist der Garten groß genug, kann der wirken! Handlicher sind bei Friese aus Stuttgart schön-schräge Zeichnungen und Mixed-Media-Arbeiten von Saul Steinberg (12.000 Euro aufwärts) oder überhaupt ein unfrommes „Last Supper“ des ungezogenen William N. Copley (der im Lauf der Zeit auch nicht günstiger wird: 160.000 Euro). Das alles passt in die Tendenz des aktuellen Interesses.

          Die Lehrerin weiterdenken

          Auch in der zweiten Messe-Etage, die stärker der Gegenwart gewidmet ist, geht es ausgesprochen gesittet zu; auch dort dominiert, was Spötter gern „Flachware“ nennen - also Wandtauglichkeit. Kühl konzipierte Stände machen die Zeitgenossenschaft attraktiv. Sprüth Magers etwa zeigen den Rosemarie-Trockel-Schüler Michali Pirgella mit „Platform“, einer weißlackierten Aluminiumfläche, die zeigt, wie sich die Lehrerin in anderem Material weiterdenken lässt.

          Gegenüber demonstriert Bärbel Grässlin, dass die Meister der Gegenwart weiterschaffen, wie Imi Knoebel mit seinem an die suprematistische Tradition anknüpfenden „Bild 20. 10. 2013“ (120.000 Euro) oder Andreas Slominski, in dessen aufgeschnittene Sarg-Skulptur „Coffin Cadmium Green Yellow“ der Messebesucher direkt blicken darf (18.000 Euro). Auch so kann man sich mit Raum künstlerisch auseinandersetzen. Rosemarie Schwarzwälder, Chefin der Wiener Galerie Nächst St. Stephan und Gewinnerin des diesjährigen Art Cologne-Preises, legt eine schillernd-elegante Plastik von Ernst Caramelle in ihren Stand.

          Mutig in den Dimensionen treten die Gebrüder Lehmann an: Sie haben Tatjana Dolls Großleinwand „RIP - Im Westen nichts Neues II“ von 2009 mitgebracht, eine Kontrafaktur in zerlaufender Lackfarbe zu Picassos „Guernica“ (72.000 Euro). Noch mehr Platz, ungefähr so viel wie eine Schrankwand des Gelsenkirchener Barocks, braucht Joep van Lieflands „Video Palace Nr. 38“, eine beinah melancholische Installation aus Technologieträgern, die erst jüngst ausgedient haben, aber schon nicht mehr wahr zu sein scheinen (68.000 Euro).

          Auch einst war nicht alles abstrakt

          Die Berliner Contemporary Fine Arts haben sich eine Art großzügiger Zweiraumwohnung eingerichtet: das eine Kompartiment für Gert und Uwe Tobias mit sieben großformatigen Drucken (Auflage je 2; 38.000 Euro - und Obacht, an der Außenwand hängen noch fünf psychedelische Gemälde der Erfolgsbrüder für je 15.000 Euro); das andere für neue Bilder des phantasievollen Dänen Tal R (bis 54.000 Euro), der auch gleich die sehr individuellen Sitzmöbel dazu verfertigt hat (von 25.000 Euro an). Arbeiten von Ai Weiwei dürfen nicht fehlen, Alexander Ochs hat sie aus Berlin mitgebracht, wie auch ein Werk des ebenfalls drangsalierten chinesischen Künstlers Zhao Zhao, das aus den Splittern einer vergoldeten Edelstahlplatte besteht.

          Bei Hauser & Wirth stößt eine elektrisch bewegte Figur ständig in das Spundloch eines mannshohen Fasses als „Alpine Man“ - ganz so schlimm ist es mit dem Wiederholungszwang in der Kunst noch nicht bestellt, wie das der arg spottlustige Paul McCarthy damit anregt. Und bei David Zwirner hängt, ganz bescheiden an einer Innenwand, ein supercooler Konrad Klapheck aus dem Jahr 1962 mit dem sprechenden Titel „Die Qual der Lust“. Auch damals war eben nicht alles abstrakt.

          Noch wichtiger aber ist, dass sich die Art Cologne - wieder - zur einzigen Messe für moderne und zeitgenössische Kunst in Deutschland mit internationalem Format emporgearbeitet hat und nicht nur das vielbeschworene Territorium rheinischer Kauflust bespielt. Köln im April ist wieder ein fester Termin im europäischen Messekalender.

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