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Art Cologne : Die Macht am Rhein

Es gibt eine charmante Gouache und einen archaischen stählernen „Helmkopf“ (Auflage 3; 160.000 Euro): Ist der Garten groß genug, kann der wirken! Handlicher sind bei Friese aus Stuttgart schön-schräge Zeichnungen und Mixed-Media-Arbeiten von Saul Steinberg (12.000 Euro aufwärts) oder überhaupt ein unfrommes „Last Supper“ des ungezogenen William N. Copley (der im Lauf der Zeit auch nicht günstiger wird: 160.000 Euro). Das alles passt in die Tendenz des aktuellen Interesses.

Die Lehrerin weiterdenken

Auch in der zweiten Messe-Etage, die stärker der Gegenwart gewidmet ist, geht es ausgesprochen gesittet zu; auch dort dominiert, was Spötter gern „Flachware“ nennen - also Wandtauglichkeit. Kühl konzipierte Stände machen die Zeitgenossenschaft attraktiv. Sprüth Magers etwa zeigen den Rosemarie-Trockel-Schüler Michali Pirgella mit „Platform“, einer weißlackierten Aluminiumfläche, die zeigt, wie sich die Lehrerin in anderem Material weiterdenken lässt.

Gegenüber demonstriert Bärbel Grässlin, dass die Meister der Gegenwart weiterschaffen, wie Imi Knoebel mit seinem an die suprematistische Tradition anknüpfenden „Bild 20. 10. 2013“ (120.000 Euro) oder Andreas Slominski, in dessen aufgeschnittene Sarg-Skulptur „Coffin Cadmium Green Yellow“ der Messebesucher direkt blicken darf (18.000 Euro). Auch so kann man sich mit Raum künstlerisch auseinandersetzen. Rosemarie Schwarzwälder, Chefin der Wiener Galerie Nächst St. Stephan und Gewinnerin des diesjährigen Art Cologne-Preises, legt eine schillernd-elegante Plastik von Ernst Caramelle in ihren Stand.

Mutig in den Dimensionen treten die Gebrüder Lehmann an: Sie haben Tatjana Dolls Großleinwand „RIP - Im Westen nichts Neues II“ von 2009 mitgebracht, eine Kontrafaktur in zerlaufender Lackfarbe zu Picassos „Guernica“ (72.000 Euro). Noch mehr Platz, ungefähr so viel wie eine Schrankwand des Gelsenkirchener Barocks, braucht Joep van Lieflands „Video Palace Nr. 38“, eine beinah melancholische Installation aus Technologieträgern, die erst jüngst ausgedient haben, aber schon nicht mehr wahr zu sein scheinen (68.000 Euro).

Auch einst war nicht alles abstrakt

Die Berliner Contemporary Fine Arts haben sich eine Art großzügiger Zweiraumwohnung eingerichtet: das eine Kompartiment für Gert und Uwe Tobias mit sieben großformatigen Drucken (Auflage je 2; 38.000 Euro - und Obacht, an der Außenwand hängen noch fünf psychedelische Gemälde der Erfolgsbrüder für je 15.000 Euro); das andere für neue Bilder des phantasievollen Dänen Tal R (bis 54.000 Euro), der auch gleich die sehr individuellen Sitzmöbel dazu verfertigt hat (von 25.000 Euro an). Arbeiten von Ai Weiwei dürfen nicht fehlen, Alexander Ochs hat sie aus Berlin mitgebracht, wie auch ein Werk des ebenfalls drangsalierten chinesischen Künstlers Zhao Zhao, das aus den Splittern einer vergoldeten Edelstahlplatte besteht.

Bei Hauser & Wirth stößt eine elektrisch bewegte Figur ständig in das Spundloch eines mannshohen Fasses als „Alpine Man“ - ganz so schlimm ist es mit dem Wiederholungszwang in der Kunst noch nicht bestellt, wie das der arg spottlustige Paul McCarthy damit anregt. Und bei David Zwirner hängt, ganz bescheiden an einer Innenwand, ein supercooler Konrad Klapheck aus dem Jahr 1962 mit dem sprechenden Titel „Die Qual der Lust“. Auch damals war eben nicht alles abstrakt.

Noch wichtiger aber ist, dass sich die Art Cologne - wieder - zur einzigen Messe für moderne und zeitgenössische Kunst in Deutschland mit internationalem Format emporgearbeitet hat und nicht nur das vielbeschworene Territorium rheinischer Kauflust bespielt. Köln im April ist wieder ein fester Termin im europäischen Messekalender.

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