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Art Cologne 2010 : Informel, so weit das Auge reicht am Rhein

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Die Art Cologne, Kölns gute alte Messe für Moderne und Gegenwartskunst, hat sich wieder vorne etabliert. Jetzt heißt es, Ausdauer zu beweisen.

          Einige Hotelbetten blieben leer. Der rauchige Vulkan in Island verfehlte auch auf der Art Cologne seine Fernwirkung nicht und hinderte fliegende Galeristen an ihrem Auftritt - und mit sicher größerem Schaden internationale Sammler am Besuch. Die Frankfurter Galeristin Parisa Kind beispielsweise musste spontan umdisponieren und den Gemeinschaftsstand mit Gazonrouge aus Athen allein bestücken. Dort füllen jetzt Marcus Gundlings wächserne Farbgemische reichlich Raum aus: Auf der Leinwand tauchen menschliche Figuren aus einem dichten Dschungel auf; der Künstler behauptet hartnäckig, vier Personen versteckt zu haben.

          Solche Versenkungs- und Ablenkungsspiele sind auf der Art Cologne aber völlig unnötig: Die Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst hält ein Jahr nach dem Relaunch und der Übernahme durch Daniel Hug einem kritischen Blick souverän stand. Internationalität ist zwar nicht das primäre Aushängeschild dieser 44. Ausgabe mit ihren knapp mehr als 200 Galerien aus 23 Ländern - davon sind gut hundert aus Deutschland -, aber die wiedererstarkte Anziehungskraft lässt sich besonders an der hohen Zahl an Rückkehrern ablesen: Allein 46 Galerien sind aus Berlin dabei, darunter Sprüth Magers, Eigen + Art, Johnen, Johann König und Giti Nourbakhsch. Sprüth Magers wurde dann auch gleich für die Entscheidung belohnt: Trockel-Schüler Michail Pirgelis wurde zum Besten der Kategorie „New Positions“ gewählt.

          Eigen + Art lockt die alten und vielleicht bald auch neuen Anhänger von Neo Rauch an, der in diesen Tagen mit seinen Ausstellungen in Leipzig und München Schlagzeilen macht. Sein Großformat „Kontrolle“ von 2010 gibt einen Vorgeschmack - für 600.000 Euro. Auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst hat sich also Erhebliches getan. Das einzige - den rheinischen Vorlieben geschuldete - Manko ist in Halle 11.2. zu finden, dem Ort für Klassische Moderne und Nachkriegskunst: Die Kunsthändler machen sich dort mit Werken der Zero-Gruppe und des Informel erheblich Konkurrenz. Die Vielfalt leidet darunter. Der Liebhaber allerdings kann sich an einer eindrucksvollen Auswahl erfreuen und sich in der Ausstellung des Zentralarchivs des Internationalen Kunsthandels weiterführend informieren.

          Anlässlich von Günther Ueckers achtzigstem Geburtstag hatten sechs Galerien Werke von ihm angekündigt; nicht nur gefühlt sind es viel mehr: Hans Mayer aus Düsseldorf hat für Uecker eine eigene Wand eingezogen, auf der er das Nagel-Relief „Hommage für ein unbekanntes Kammerkonzert, an einen unbekannten Komponisten“ von 1977 zeigt. Schon auf der Berliner Messe Art Forum 2009 hoffte Mayer damit auf Erfolg. Damals kostete es 420.000 Euro; nun soll es 480.000 Euro bringen. Bei Schwarzer aus Düsseldorf schaut Uecker angesichts dieser Fülle fast mitleidig auf seinem Foto-„Selbstporträt“, das er 1967 mit einem Nagelmeer überzogen hat (450.000 Euro).

          Wim Delvoye ist domestiziert

          Maulberger aus München verkaufte am Eröffnungstag bereits ein Gemälde von Conrad Westphal für 12 800 Euro; die charakteristischen Schraffuren drängen auf diesem Gemälde in die linke obere Bildecke. Gotthard Graubners Farbraumkörper, eine Kissenarbeit von 1984, soll dort 88.000 Euro bringen, und ein monumentales, gelb-schwarzes Pinselstrichgemälde von Karl Otto Götz schließt diesen beispielhaften Informel-Reigen ab.Die Münchner Galerie Thomas beweist, dass der Schweinehaut-Tätowierer Wim Delvoye endgültig domestiziert ist: Im weißgetünchten Raum präsentiert sie sein „Cement Truck“ von 2008 auf weichem weißen Teppich.

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