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Art Basel Miami Beach : Wenn du kein Auge hast, benutze dein Herz

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Auch Verstand schadet nicht beim Kunstkauf. Die Art Basel Miami Beach bietet jedenfalls vielfältige Gelegenheiten. Der Ort hat sich zur Teilzeit-Kunststadt entwickelt: Eine Besichtigung der Messe.

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          Die Art Basel Miami Beach dauert nur fünf Tage. In dieser Zeit reden alle nur von the event. Die Kunstmesse bringt Geld in die Stadt. Zwanzig Nebenmessen verwandeln Miami für wenige Stunden im Jahr in ein Kunstzentrum. Wie schnell diese Hochzeit wieder passé sein wird, hält die Künstlerin Siebren Versteegs mit einer Live-Abflugtafel vom Flughafen Miami am Stand von Rhona Hoffman im Bewusstsein (35.000 Dollar). Der Besucher wird daran erinnert: Miami Beach ist kein Platz zum Bleiben, sondern zur kurzen Rast im dauernden Kunstmessen-Hustle.

          258 Galerien aus 31 Ländern nutzen im Convention Center die Chance. Wie viele es auf den zwanzig Nebenmessen sind, kann man nur schätzen. Künstler, Kuratoren, Sammler, Art Advisors - die Liste der Protagonisten ist lang, die alle ein Stück vom Kuchen haben wollen. The Event muss man erlebt haben, um sich ein Bild davon machen zu können. Die Messe ist sagenumwoben und klischeebeladen, doch der Wirklichkeit kommt 2013 nur eine Feststellung nahe: Sie ist in den vergangenen Jahren zu einer etablierten Station geworden; sie ist ein seriöser Pflichttermin. In Miami sind mittlerweile die wichtigsten Künstler in den besten Galerien vertreten. Sind sie weg, bleiben Meer, Strand, Bars und hohe Hotels. Verständlich also, dass die Sorge groß war in den vergangenen Monaten, die Art Basel könnte sich aus Miami zurückziehen. Gerüchte gab es allerhand. Doch jetzt hat Marc Spiegler, der Direktor der Messe, ein mutiges Versprechen abgegeben, an das er noch oft erinnert werden wird: „Die Art Basel bleibt in Miami.“

          Wo ist der Esprit, das Ungewöhnliche, die Spannung?

          Die Art Basel tut gut daran. Es ist eine wirtschaftlich durchaus erfolgreiche Messe. Die ersten Verkäufe können sich jedenfalls sehen lassen: David Zwirner gibt gleich sechs im sechsstelligen Bereich an, eine Jeff-Koons-Skulptur sei sogar für acht Millionen Dollar vermittelt worden. Werke der Documenta-Künstler Christian Marclay und Theaster Gates kamen bei White Cube aus London an, „Actions: Smak Splash Squish (No. 3)“ von 2013 wurde verkauft für 325.000 Dollar und „A Modest Development“, ebenfalls aus diesem Jahr, für 175.000 Dollar. Tracey Emins Neon-Arbeit „The Last Great Adventure is you“ brachte 65.000 Pfund. Die Münchner Galerie Thomas hatte Erfolg mit Archipenko und Botero. Bärbel Grässlin aus Frankfurt würdigt an ihrem Stand Günther Förg, der am Donnerstag gestorben ist. Sie hatte schon am Eröffnungstag alle Arbeiten vermittelt und musste umhängen. Sprüth Magers aus Berlin und London meldeten etliche sechsstellige Verkäufe, darunter John Baldessaris „Hands with Money, Hands with Rope and Observer“ von 1995 für 280.000 Dollar.

          Trotzdem fehlt es der Messe etwas an Esprit, an Ungewöhnlichem, an Spannung. Der Stand von David Zwirner sieht aus wie Gagosian vor ein paar Jahren. Jeff Koons - überall. Eine diebische Freude scheint Gagosian wiederum daran zu haben, Koons’ mit Schleife geschmücktes Osterei im Riesenformat in den Weg zu stellen („no price, sorry“) und ganz entspannt die Höchstpreise in New York für den Künstler zu zitieren. Belebt hier Konkurrenz wirklich das Geschäft? Die Preise jedenfalls sind saftig - überall.

          Ein Po wie ein Kuss

          Fehlendes Geld ist nicht das Problem. Dazu passen Robin Rhodes Fotografien bei Lehman Maupin, auf denen er versucht, eine Dollarmünze aufzufangen, die er hochgeschnipst hat. Man sieht den Schatten des kleinen Geldstücks näher kommen. Kurz vor dem Aufprall ist die Münze riesengroß geworden - und kaum zu halten (55.000 Euro). Also wird in Kunst investiert.

          Da wird es dringend nötig, in weniger laute Ecken zu wandern. Manche machen richtig Spaß: Edwyn Houk aus New York zeigt Harry Callahans Po von „Eleanor, Chicago“ aus dem Jahr 1947 (gedruckt vom Fotografen in den fünfziger Jahren; 65.000 Dollar). Der Künstler hat ihn aus nächster Nähe fotografiert und abstrahiert ihn so weit, dass man denken könnte, man habe es mit Brancusis „Der Kuss“ zu tun. Öffnet man die Tür zum Lagerraum der Galerie, taucht dort ein weiteres Werk Callahans auf, das die Form zitiert, nun ist es aber nur auf den ersten Blick ein Frauenhintern: Es sind fein verzweigte Äste eines Baums (Preis nur auf Anfrage). Kicken aus Berlin zeigt an einem berührenden Stand, wie leidenschaftlich und humorvoll die subjektive Fotografie des 20. Jahrhunderts trotz ihrer Schwarzweiß-Präzision ist.

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