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Arcomadrid 2009 : Erst wird begutachtet, dann gehandelt

  • -Aktualisiert am

Weniger Verkäufe in den ersten Stunden, dafür ausgesprochen gute Stimmung: Die 28. Arco Madrid hält gegen das Krisengejammer.

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          Gleich der erste, den Sammlern und geladenen Gästen vorbehaltene Tag ließ sich besser an, als viele befürchteten. Zwar wurde mehr reserviert, begutachtet und gehandelt als gekauft; doch das Gros der Galeristen ist optimistisch. „Alles wird gut“ - wie es auf dem figurativen Großgemälde des Künstlerteams Asgar/Gabriel steht, bei Ernst Hilger aus Wien (38.500 Euro) - mag zwar übertrieben sein, doch die breiten Gänge und großzügigen Kojen gelten allgemein als gelungen.

          Die Qualität der gezeigten Kunst von der klassischen Avantgarde bis zur aktuellen Produktion ist hoch. Wieder sämtlich ebenerdig, verteilt auf drei Hallen, zeigen 238 Galerien aus vier Kontinenten (Australien fehlt) viel Malerei, großformatige Fotografie und Skulptur. Bei Marlborough hängt das wohl teuerste Werk der ganzen Messe: Francis Bacons „Study of the Human Body“ in Gelb wartet für 15,7 Millionen Euro auf einen Interessenten, der sich vielleicht von der aktuellen Bacon-Ausstellung im Prado verführen lässt.

          Handeln ist in Mode

          Diesmal leuchteten nicht schon nach wenigen Stunden rote Punkte an den Wänden. Es werde zäher verhandelt, erklärt die Madrider Galeristin Helga de Alvear. Sie ist begeistert vom Niveau: gute Kollegen, gute Künstler. Es mache Spaß, einkaufen zu gehen; in Krisenzeiten müsse man sich gegenseitig unterstützen. Zwar seien einige Galerien abgesprungen, doch andere heben das Niveau deutlich. Auch Victor Gisler von der Galerie Mai 36 in Zürich ist erfreut über das interessierte, gar nicht deprimierte Ambiente: Noch sei man etwas zurückhaltend, doch die Sammler schauen vorbei.

          Bei Gisler hängt Thomas Ruffs riesige, verzogene Aufnahme des Forums, das Herzog und de Meuron in Barcelona errichtet haben (85.000 Euro). Marian Goodman (Paris/New York) kommt, nach Jahren der Abwesenheit, mit viel Fotografie zur Arco: Lothar Baumgartens Gelatin-Silver-Prints seiner schwarzweißen Amerika-Serie kosten je 25.000 Euro (Auflage 3).

          Von Thomas Struth ist ein großer C-Print aus der Serie „Museo del Prado, Madrid 2005“ (Auflage 10) für 150.000 Euro noch zu haben. Bescheidener geht es bei Rolf Hengesbach aus Köln zu; er lockt mit digital behandelten Großfotos, die Michael Reisch 2008 von Inseln oder vom Matterhorn gemacht hat (9000 bis 11.000 Euro).

          Ein Barceló für Madrid

          Aus New York ist Jason McCoy eingeflogen und trug gewissermaßen gemalte Eulen nach Athen: Miquel Barcelós „Gran animal de 35 ans“, eine bräunliche, dick aufgetragene Mischtechnik von 1992 (650.000 Dollar), konkurriert an seinem Stand mit einem ähnlichen Werk des mallorquinischen Malers in Grün, „Anguila“ von 1996, das die Galerie Edward Tyler ebenfalls aus New York mitbrachte (250.000 Euro).

          Von dort kommen auch Alexander and Bonin mit Willie Cole: Eine Teufelsmaske aus kompakt zusammengeschobenen Second-Hand-Schuhen des Afroamerikaners hängt für 14.700 Euro an der Außenwand ihrer Koje.

          Die Galerie hat bereits an europäische Sammler verkauft und ist, wie in den vergangenen Jahren schon, über das Ambiente der Madrider Messe begeistert. Allerdings sind amerikanische Galerien deutlich weniger als in den Vorjahren vertreten, auch aus Lateinamerika, für das die Arco als künstlerische Brücke zu Europa dienen soll.

          Deutsche Aussteller an zweiter Stelle

          Die dreißig deutschen Galerien stellen hinter den 75 spanischen das stärkste Kontingent. Und deutsche Künstler sind überhaupt viel zu sehen. So hat die Madrider Arco-Gründerin Juana de Aizpuru die Brüder Oehlen in ihrem großzügigen Stand - Albert Oehlens abstrakte verschwimmende Farbflächen von 2005 auf 2,8 mal 3,4 Metern (340.000 Euro) und Markus Oehlens Figur vor grünlicher Struktur von 2008 auf 2,5 mal zwei Metern (45.000 Euro).

          Bei Sabine Knust aus München hängen zwei kleinere Gemälde von Markus Oehlen aus diesem Jahr (je 38.000 Euro) und ein monumentales Triptychon von Katharina Sieverding (120.000 Euro). Ein großes Baselitz-Bild zieht das Interesse bei Thaddaeus Ropac (Salzburg/Paris) auf sich: „Sujet Point (Remix)“ von 2007 wird hier mit 425.000 Euro beziffert.

          Aus dem Rahmen gefallen

          Bei der Madrider Galerie Salvador Díaz fällt die zwei mal 1,57 Meter messende und dreißig Zentimeter tiefe Installation des österreichischen Künstlers und Dresdner Hochschulrektors Christian Sery buchstäblich aus dem Rahmen, denn Gummiplane rutscht, angetrockneter Farbe gleich, aus einem Aluminiumrand (18.000 Euro). Hauser & Wirth (Zürich/London), zum ersten Mal auf der Arco, haben als Blickfang mehrere Skulpturen des 2006 gestorbenen Kaliforniers Jason Rhoades ausgewählt; sie kosten je 95.000 Dollar, ein großer „Chandelier“ 250.000 Dollar.

          Den vom Wind geformten Drahtobjekten des Juan E. Correa widmet die Galerie Manuel Ojeda aus Gran Canaria eine Einzelschau: In kräftigem Rot windet sich ein Schlauch aus Fliegendraht, von filigranen Metallstäben gestützt, durch den Raum - „Red Air“ von 2009 für 30.000 Euro. Ojeda tut das Krisengejammer ab: Kunst sei immer in der Krise.

          Er nutzt die Messe, um seine Künstler vorzustellen, Kontakte zu knüpfen; das Geschäft entsteht daraus erst später. In der Regulierung des überhitzten Klimas liege womöglich ein Vorteil für den Kunstmarkt, so befindet auch Rüdiger Schöttle, der aus München nach Madrid gekommen ist; bislang habe gemeinhin diesen Spekulanten das Augenmerk gegolten und nicht den ernsthaft arbeitenden Galeristen.

          Einzelprojekte indischer Künstler

          Das Gastland Indien zeigt sich mit dreizehn Galerien und einer Sonderschau sehr zeitgenössisch in der Halle 6. Dort präsentieren sich auch die Projekte einzelner Künstler („Solo Projects“), elektronische Medienkunst und neue Technologien („Expanded Box“), außerdem verschiedene Institutionen, die ihr Kunst-Budget auf der Messe auszugeben pflegen. Übrigens fehlt in diesem Jahr erstmals das spanische Kulturministerium, das die kommerzielle Schau nicht länger mit seiner Präsenz beehren wollte.

          Dafür stellt die Galeristin Helga de Alvear ihre Stiftung mit einem Teil ihrer eindrucksvollen Sammlung zeitgenössischer Kunst vor, die demnächst in die Extremadura zieht, nach Cáceres. Lourdes Fernández hat vor drei Jahren die zwei „professional days“ zum Auftakt der Arco eingeführt; erst seit dem gestrigen Freitag darf jeder gucken. Die legendären früheren Besucherzahlen von knapp 200.000 werden so wohl nicht erreicht. Aber das liegt nicht an der Krisenstimmung.

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