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Arco : Die Rückkehr des spanischen Kunstritters

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Gegen Windmühlen hat man bei der Arco lange genug gekämpft. Jetzt beweist die krisengeschüttelte Kunstschau: Totgeglaubte leben länger. Madrids Traditionsmesse für zeitgenössische Kunst feiert unter neuer Leitung ihr dreißigjähriges Bestehen.

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          Kaum öffneten sich die Messetüren der Arco, füllten sich auch schon die Hallen am ersten der beiden „Professional Days“. Und schon nach dem ersten Rundgang drängte sich auf: Es herrscht großes Interesse, die Erwartungen sind ungewohnt hoch, und es gibt ein verjüngtes Angebot. Im Hauptprogramm sind zwanzig Galerien weniger aufgenommen worden; insgesamt sind es aber immer noch fast 200 Aussteller.

          In zwei statt drei Hallen sind kleine und große Kojen vereint, und auch der Ehrengast Russland präsentiert sich nicht in einem separaten Bereich, sondern inmitten der anderen Galerien. Hundertfünfzig Sammler hat die Messe einfliegen lassen: Das Programm „First Collectors“ richtet sich erstmals an diejenigen, die mit dem Sammeln beginnen.

          Neu an der Arco, die dieses Jahr ihre dreißigste Ausgabe feiert, ist der Direktor: Carlos Urroz, der in Rekordzeit diese konzentrierte Arco auf die Beine gestellt hat. Urroz verzichtet auf traditionelle Sektionen wie Performance oder elektronische Kunst und setzt neue Schwerpunkte: Der Bereich „Opening“ zeigt junge Galerien aus Europa, die maximal acht Jahre im Geschäft sind. „Solo Projects“ mit lateinamerikanischen Kuratorinnen widmet sich der Produktion jenseits des Atlantiks.

          Wie immer sind von den Galerien im Hauptprogramm sechzig Prozent aus dem Ausland angereist, vierzig Prozent spanisch. Die Messe zeigt von der historischen Avantgarde bis zu jüngsten Zeitgenossen Bilder, Fotografie, Skulptur; also alle Genre, die einem einfallen, nur weniger Videokunst. Der Schwerpunkt liegt eindeutig bei der zeitgenössischen Kunst. Und wie im vergangenen Jahr bilden die deutschen Galerien nach den Spaniern die zweitgrößte Gruppe.

          Marlborough Fine Art ohne Bacon

          Der Verzicht auf den bislang flächendeckenden, grauen Teppichboden sorgt für eine angenehme Atmosphäre; die früher oft störenden „Chill-outs“ sind jetzt in die Nähe der Restaurants verbannt. Und Tobias Rehberger hat das „Café Illy“ entworfen: Nach Berlin, Istanbul und Turin ist sein durchdesignter Ort „Everything happens for a reason Version 4“ nun auch in Madrid angekommen. Die kontrastreiche schwarz-weiße Linienführung mit einzelnen Farbakzenten lädt allerdings mehr zum angeregten Austausch als zum Entspannen nach langen Märschen über die Messe ein.

          Doch das Hauptaugenmerk liegt natürlich bei den Beiträgen der Galerien: Die international agierenden Kunsthändler von Marlborough Fine Art haben dieses Mal kein Werk von Francis Bacon mitgebracht, trotzdem bewerben sie sich mit ihrem Angebot um das teuerste Bild der Messe: Es ist Antonio López' Ansicht Madrids vom „Torres Blancas“ aus; ein monumentales Ölbild, an dem der Maler zwischen 1976 und 1982 saß.

          Ein roter Punkt für Angela de la Cruz

          Marlborough hat es 2008 bei Christie's in London für 1,75 Millionen Euro erworben. Die Galerie bietet es jetzt für fünf Millionen Dollar an. Die Madrider Galeristin Helga de Alvear hatte im vergangenen Jahr ausgesetzt, ist jetzt in alter Frische wieder da und sogar Mitglied des neuen Auswahlkomitees. Bei ihr ist ein bewegtes Bild von Katharina Grosse aus dem Jahr 2010 bereits verkauft - für 35.000 Euro.

          Bei Grimes aus Santa Mónica warten zwei ruhigere Großformate der deutschen Künstlerin für 33 500 Euro. Doch noch einmal zurück an den Stand von Alvear: Dort zeigt die Turnerprize-Finalistin Angela de la Cruz „Deflated 13 Red“ aus dem Vorjahr für 24.000 Pfund - auch das Bild weist schon den begehrten roten Punkt auf. Die zerbrochene, schwarze Öl-Leinwand „Clutter 1“ auf dem Boden, ein zentrales Stück der Turner-Präsentation, ist bei Krinzinger aus Wien für 70.000 Euro noch zu haben. Auch Krinzinger hat ein Jahr ausgesetzt und ist jetzt froh, wieder dabei zu sein.

          Ein papiernes Gespinst von Nadja Schöllhammer

          Diese Meinung teilt auch Eigen + Art aus Leipzig und Berlin, die erstmals ihr Glück auf der Arco versuchen. Innerhalb kürzester Zeit war ein monumentales Gemälde von Neo Rauch für 480.000 Euro an ein nicht genanntes Museum verkauft. Ein attraktiver Blickfang sind auch drei Arbeiten von Marine Hugonnier bei Max Wigram aus London. Die geometrischen Seidenschnitte in Schwarz, Blau und Grün von 2010 kosten je 24.000 Euro. Lelong aus Paris, Zürich, New York hatte „All Sounds“ (Lusambo), eine Mischtechnik von 2010, von Jane Hammond bereits an einen Sammler verkauft. Die plastische, mit Schmetterlingen besetzte Landkarte des Kongo kostete 27.000 Euro.

          Besonders auffällig ist die Standgestaltung der jungen Berliner Galerie Alexandra Saheb. Die Berliner Künstlerin Nadja Schöllhammer zeigt ein Gespinst von ausgeschnittenen, bemalten und ineinander verwobenen Papierstreifen, das sich bis über den Boden ausbreitet. Ihre filigranen Papierkompositionen in weißen Kästen kosten 4400 Euro, Zeichnungen zwischen 870 und 950 Euro.

          Abstraktionen von Esteban Lisa

          Mit fragilen und leichten Papierstreifen befasst sich auch der junge Spanier Albert Corbi. Jalousien aus Klebestreifen, gespannt, zusammengefallen, geknäult als gerahmte Fotos in verschiedenen Formaten bestücken auch hier - allerdings wohlgeordnet - eine ganze Wand. Das Ensemble aus siebzehn Arbeiten kostet 30.000 Euro. Der Maler und Architekt Mathias Goeritz ist mit konstruktivistischen Siebdrucken in der Madrider Galerie Caja Negra zu sehen: Die 1972 entstandenen Arbeiten in Gelb, Schwarz und Orange (Auflage 100) kosten 5000 Euro.

          Harmonische Pendants dazu bilden die intimen Ölbilder von Esteban Lisa bei Guillermo de Osma aus Madrid. Der Spanier war in jungen Jahren nach Argentinien ausgewandert. Seine abstrakten Farbspiele erleben eine verdiente Entdeckung, nachdem er zeit seines Lebens seine Bilder weder ausstellen noch verkaufen wollte (6500 bis 60.000 Euro). Gast der Arco sind acht russische Galerien: Die Moskauer Galerie M & J Guelman hat ein Acrylbild von Valery Koshlyakov, das aus der Ferne deutlich das Antlitz von Leo Tolstoi erkennen lässt, in den ersten Stunden verkauft.

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