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Abu Dhabi Art : Die Kunst, die in die Wüste kommt

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Die Kunstmesse in Abu Dhabi hat sich noch einmal neu erfunden. Die Ziele sind ehrgeizig, es geht darum, Kulturstadt zu werden.

          „Zukunft“ ist das meistgehörte Wort auf der Abu Dhabi Art, der dritten Kunstmesse im vor fünf Jahren vollendeten Luxushotel „Emirates Palace“ am Golf: Wie werde sich erst ein Besuch dort lohnen, wenn die Museumsinsel Saadiyat bebaut ist, mit Zweigmuseen des Louvre und des Guggenheim. Damit all das überhaupt Bestand haben kann, fehlt noch ein Markt für westliche und östliche Kunst.

          Bislang wurde die Abu Dhabi Art von den Veranstaltern der französischen Messe Art Paris organisiert. Sie gaben im Sommer angesichts der Wirtschaftskrise auf. Jetzt ist die lokale Kulturbehörde verantwortlich. Ihr ist eine kleine edle Schau mit fünfzig Galerien gelungen. Das Rahmenprogramm mutet enorm an, zu ihm gehört auch die Ausstellung „The Making of a Museum“ mit abstrakter Kunst aus dem New Yorker Guggenheim: Die Besucher sollen langsam „auf die Kunst aus dem Westen vorbereitet werden“.

          Was glänzt, ist echtes Gold

          Wie also konnten jetzt einige der international bekanntesten westlichen Kunsthändler, die zum Teil noch nie im arabischen Raum ausgestellt haben, dazu bewegt werden, sperrige Skulpturen und andere aufwendige Werke an den Golf zu verschiffen, unter ihnen Gagosian, Hauser & Wirth, PaceWildenstein und White Cube? Die Gründe liegen auf der Hand: Täglich werden in Abu Dhabi 2,5 Millionen Barrel Öl gefördert - zum Vergleich: In Dubai sind es 84.000 Barrel. Rund 300 Milliarden Dollar umfasst das Vermögen des Staatsfonds von Abu Dhabi. Dubai ist nach seinem spekulativen Aufstieg auch in Sachen Kunstmarkt jäh abgestürzt und hoch verschuldet.

          Jeff Koons steht wie kaum ein anderer für den Kunstmarktboom der vergangenen Jahre. Seine zwei Meter hohe Skulptur eines „Diamantrings“ wirkt am Stand von Gagosian wie eine Persiflage auf das „Emirates Palace“ und passt zugleich wunderbar dorthin: Das Hotel ist doppelt so lang wie das Schloss von Versailles. Was glänzt, ist echtes Gold. Aus der Wüstenstadt Abu Dhabi soll eben eine Kulturstadt werden. Koons freute sich am Eröffnungstag über den feudalen Ort; er sitzt mit dem Entrepreneur François Pinault und dem Architekt Norman Foster im „International Patrons Committee“ der Messe.
          Acquavella, Gagosian, Richard Gray, L&M Arts und PaceWildenstein aus New York, Louis Carré und Malingue aus Paris haben sich, wie schon im Oktober auf der Pariser Fiac, zu einer Spezialschau zusammengetan: Calders „Portrait of Eduard Penkala“ von 1929 hat Gray dabei, Carré zeigt Légers „La Roue noire“ von 1944.

          Sägeblätter mit arabischen Schriftzeichen

          Das steht im spannenden Kontrast zu den arabischen Galerien für Gegenwartskunst: Bei The Third Line aus Dubai überraschen die humorvollen Collagen der Ägypterin Huda Lutfi zur Rolle der Frau in ihrem Heimatland (5000 Dollar) oder die „4 Triangles in1“ von 2008 des Iraners Monir Farmanfarmaian. Solche Arbeiten repräsentieren die arabische Formensprache in der zeitgenössischen Kunst, die vor allem dem Ornament und auch gesellschaftspolitischen Themen verpflichtet ist. B21, ebenfalls aus Dubai, zeigt zwei Videos von Leila Pazooki. In „Local Girl in Kish Island, Iran“ sieht man ein Mädchen in wehendem Tschador von hinten, und in „Scandinavian Girl in Tulum, Mexico“ schaut man einer jungen fröhlichen Frau mitten ins Gesicht (je 2700 Dollar).

          Bei der Galerie Paradise Row aus London/Istanbul prangt Mounir Fatmis „The Machinery“ von 2009, dreißig Sägeblätter in verschiedenen Größen, die mit arabischen Zeichen bemalt sind.
          Shirin Neshat gehört in Abu Dhabi zu den Stars; ihre Fotografie „Revolutionary Man“ aus diesem Jahr wurde viel bestaunt, aber noch nicht vermittelt. Thaddaeus Ropac aus Salzburg/Paris fand einen Käufer für Farhad Moshiris plakative Mischtechnik „Never“; der ungenannte, europäische Sammler lies sich das Großformat 180.000 Dollar kosten. Bei Ropac hängt auch ein charakterstisch-ornamentales Gemälde von Philip Taaffe, „Rose Triangle“ aus dem Jahr 2008.

          Subodh Guptas Schädel „Mind Shut Down“

          Über Preise sprechen jedoch nicht alle so offen: „Wir müssen uns erst auf diesen Ort einstellen“, erfährt man bei Hauser&Wirth aus Zürich/London. Dort schaut ein stolzer Falke von einem Bild, das Roni Horn 2003 fotografiert hat: In Abu Dhabi, dem Land der berühmtesten Falkner, dürfte diese Edition gewiß einen Käufer finden.
          Das Skulpturenareal im Garten des Hotels öffnet sich zum Strand, an dem in einer Halle die „Design Moments“ gezeigt werden, eine Präsentation von Designern aus dem Mittleren Osten. Im Park leuchtet ein blauer Frauenkopf von Ravinder Reddy, den die 1x1Gallery aus Dubai aufgestellt hat. Zum Star wird der Inder Subodh Gupta mit seinem Schädel „Mind Shut Down“ aus Stahlutensilien, aufgestellt von der Galerie Hauser& Wirth.

          Im Tausendundeine-Nacht-Ambiente des Palasts wird aber Alexander Calders dramatisch ausgeleuchtetes, sechs Meter hohes Stabile „Ordinary“ von 1969 zum atmosphärischen Höhepunkt. Abu Dhabi habe das größte Potential für den Aufbau eines Kunstmarkts, die Stadt werde ein Bindeglied zwischen Ost und West - darüber sind sich in diesen Tagen alle einig. So ganz ohne Lockmittel wären die Galeristen aber dann doch nicht erschienen: Ihnen wurden Käufe der Scheichfamilie fest angekündigt. Die kam und löste ihr Versprechen ein. An der vielbeschworenen Zukunft dieser Stadt wird nun weiter hart gearbeitet, damit im kommenden Jahr mehr lokale Sammler Spalier stehen und damit spätestens 2013 zur Eröffnung der Museen auf Saadiyat richtig durchgestartet werden kann.

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