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Messe für Medienkunst : Digital ist, was aus Nullen und Einsen besteht

  • -Aktualisiert am

Die Premiere der Messe für Medienkunst „Unpainted“ in München beweist: Es ist der Zeitpunkt da für die Kunst aus dem Computer.

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          Es gibt eine neue Messe für Gegenwartskunst in München. Eigentlich hat das internationale Galeristen-Karussell ja schon ausreichend damit zu tun, Messe um Messe zu bespielen. Und die Gegenwartskunst ist traditionell in Köln auf der Art Cologne im Frühjahr zuhause. Brauchen wir also noch eine Messe? Ja. Im Münchner Postpalast hat an diesem Wochenende eine Veranstaltung Premiere, die neues will: Die „Unpainted“ versteht sich als „Media Art Fair“. Medien? Dazu könnte man alle Kunst seit Jahrhunderten zählen. Doch hier sind Digitale Kunst und Medienkunst gemeint: Net Art und Software Art, Video Kunst oder digitale Malerei. Die Veranstalter wollen den oft nur auf Servern liegenden Werken eine reale Öffentlichkeit verschaffen und natürlich Sammler an diese Kunst heranzuführen.

          Noch vor fünf Jahren wäre eine solche Unternehmung wohl schnell gescheitert. Doch in der Diskussionshitze um Big Data, Netzneutralität, Facebook und Twitter scheint sich die Marktszene zu öffnen. Rund sechzig Aussteller zeigen nun in einer Rotunde und unter lichter Kuppel (diese Messe widerlegt wieder, dass Videokunst ausschließlich in Black Boxes gezeigt werden kann) auf filigranen Bildschirmen, auf realem Papier oder auch in surrealistischen 3D-Verwandlungen, was derzeit entsteht. Beim Rundgang fällt leider ins Auge, dass den Veranstaltern das professionelle Vorab-Marketing in der virtuellen Welt mehr liegt als die liebevolle Gestaltung einer Messe. Da muss sich dringend etwas ändern. Man läuft zu oft an hässlichen freien weißen Stellwänden vorbei und schaut bei Filmprojektionen auf die Risse und Flecken.

          Das klingt nicht gut. Es ist aber nur das übliche Anfangsgerumpel einer neuen Aktion. Denn diese Veranstaltung schafft eine Setzung, die lange hat auf sich warten lassen. Es ist an der Zeit, dass diese Künstler endlich auch von einem größeren Publikum wahrgenommen werden. Die algorithmischen Plotterzeichnungen der siebziger Jahre haben zum Beispiel für das zeitgenössische Auge etwas spröde-genialisches, wie strenge Schreibmaschinenarbeiten von Peter Roehr.

          In einer kleinen Ausstellung zeigt der Galerist Wolf Lieser von DAM Gallery in Berlin und Frankfurt fast vierzig Jahre der Entwicklung von Digitaler Kunst. Die Definition ist eindeutig: Das Kunstwerk muss in digitaler Form entstehen und kann also elektronisch als eine Folge von Nullen und Einsen beschrieben werden. Die wenigsten wissen: Schon im Jahr 1968 fand in London eine große Ausstellung mit Computerkunst statt, diese Kunst erlebte 1970 einen ihrer ersten Höhepunkte. Arbeiten von damals, zum Beispiel von Vera Molnar, sind heute nur noch schwer zu bekommen, kosten aber – wenn man etwas findet – trotzdem nur von 5000 bis 10000 Euro. Erst langsam fangen die Museen an, sich für diese Kunst zu interessieren. Die Tate Modern hat gerade investiert, sagt Wolf Lieser.

          Die Netzwelt selbst wird auf der Messe sonst nur in Kunst bearbeitet. Aram Bartholl, Jahrgang 1972, lässt bei DAM das Internet aus den Händen gleiten: Einen Neonschriftzug, den man von Internetcafés kennt, lässt er in Erinnerung an Ai Weiweis Keramik-Zerstörungsvideo fallen. Es zerschellt. In kleinen Nischen der Rotunde präsentieren sich einige Künstler ohne Galeriebetreuung. Eva Paulitsch und Uta Weyrich sammeln Handyfilme von Jugendlichen und zeigen sie auf vielen kleinen Projektionsflächen. „True Fiction“ kostet als Multiscreenprojektion 60000 Euro.

          Thomas Hubers und Wolfgang Aichners „Powerwalk“ hat Ähnlichkeit mit Heinz Macks Wüstenexpedition im Silberanzug Ende der sechziger Jahre. Die beiden Münchner Künstler bewandern den isländischen Gletscher Vatnajökull. Allerdings tragen sie auf ihren Rücken nicht nur ihr Gepäck und kurze Skier, sondern auch ein blaues Windrad, mit dem sie Energie gewinnen wollen auf ihrer Reise. Neben dem genial-absurden Trip durch die karge Landschaft mit Kämpfen gegen Wind und Wetter zeigt ein zweites Video die beiden Künstler stoisch vor zwei sich langsam drehenden Waschmaschinen, in denen ihre Reisekleidung gereinigt wird. Beide Filme laufen exakt zwölf Minuten. Genauso viel Energie hatten sie mitgebracht. Dann war Schluss. Die Videoinstallation (Auflage5+1) kostet 7500 Euro und gehört zu den Höhepunkten der Messe. Doch zeigt sich in diesem Film auch ein Problem: Dem Video, so ambitioniert und aufwendig es inhaltlich und filmisch ist, seinem Schnitt, seiner Musik und Technik fehlt es an Eigensinn. Das langanhaltende Laufen der Männer durch die Ebene durch Ausblendungen zu betonen, wirkt künstlerisch völlig uninspiriert und die Musik weckt zunächst Assoziationen an Kraftwerk, nervt aber dann mit schlichtem Klimbim.

          Es gibt sie aber, die richtig gute Kunst. Felix Weinold und das Lab Binaer haben gemeinsam ein Werk geschaffen, das auch ästhetisch-künstlerischen Ansprüchen genügt, sich mit Materialien, Oberflächen beschäftigt. „White Noise“ besteht aus einem riesenhaften Grammophon-Lautsprecher aus Holz, einer unbespielten weißen Schallplatte und einer Projektion, die visualisiert, was gespielt oder eben nicht gespielt wird. Die leere Platte nimmt nach und nach die Geräusche von Staub und Erschütterung von ihrer Umgebung auf: als Knistern zu hören, als Strichcodes in Echtzeit projiziert (22000 Euro). Neben den Künstlern, die visuell noch ungewohnte Wege gehen, finden sich auch bekannte Galerien auf der „Unpainted“. Seit Jahrzehnten setzen sich Rüdiger Schöttle, Anita Beckers oder Nusser& Baumgart für Videokunst und ähnliches ein. Anita Beckers zeigt Videos von Peter Weibel und seinen Schülern: Sie beweisen in München, dass zu überzeugender Kunst mehr gehört als nur technische Raffinesse. Haptischer, visueller Genuss darf in digitalen Zeiten nicht fehlen.

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