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Meret Oppenheim in Basel : Ihr eigener Weg durch die Kunst

Kämpferin gegen Klischee: Meret Oppenheim bei der Basler Galerie Knöll.

          3 Min.

          Mit dem Namen Meret Oppenheim verbinden sich vor allem zwei sehr unterschiedliche Werke. Das eine ist Man Rays um 1933 entstandene berühmte Fotografie „Èrotique voilée“, auf der sie nackt hinter dem Rad einer Druckerpresse steht, den linken Unterarm und die Hand tintenverschmiert wie abwehrend erhoben, den Bedienungshebel des Rads in unzweideutiger Position vor ihren Unterleib gerückt. Das Foto ist ein Schlüsselbild des Surrealismus, es inszeniert die Ambiguität der Geschlechter und manifestiert zugleich den Status der schönen Frau als Modell und Muse. Das andere Werk schuf Oppenheim selbst, als führende Künstlerin der surrealistischen Bewegung um André Breton: Es ist „Le déjeuner en fourrure“, als „Pelztasse“ in die Kunstgeschichte eingegangen. Alfred H. Barr, der mächtige Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, kaufte die Skulptur in ihrem Entstehungsjahr 1936 direkt aus der „Exposition surréaliste d’objets“ in der Pariser Galerie Ratton; dieses Original darf heute, als eine Ikone, das MoMA nicht mehr verlassen. Allzu simpel wurde die „Pelztasse“ zu lange auf das Verständnis als Fetisch weiblicher Sexualität heruntergebrochen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Meret Oppenheim, geboren 1913 in Berlin, Tocher eines Deutschen und einer Schweizerin, starb 1985 in Basel. Sie schloss sich als junge Frau Anfang der Dreißiger den Surrealisten in Paris an, wandte sich aber bald ab, suchte eher den Weg in einen individuellen Feminismus, vereinbar mit der Utopie der prinzipiellen Androgynität des Künstlers. Zuletzt waren Zeugnisse ihres Œuvres in der Schau „Fantastische Frauen“ in der Frankfurter Schirn zu sehen. Jetzt macht die ungewöhnliche, intime Ausstellung „Meret Oppenheim – Hier wohnt die Hexe“ eine Fortsetzung dieser Betrachtung möglich in der Basler Galerie Knöll im historischen Erasmushaus: mit knapp sechzig Arbeiten insgesamt, entstanden von 1933 bis 1985, Gemälden, Collagen, Skulpturen und grafischen Blättern. Die Werke kommen aus Privatsammlungen, nicht wenige sind verkäuflich und manche auch schon verkauft.

          Frühestes Zeugnis ist ein Aquarell, „Taureau transportant une stèle“ von 1933, den Phantasmagorien des Surrealismus noch verpflichtet (52.000 Franken). Das „Tischchen, Bergün“ von 1939, wohl in Graubünden entstanden, ist eine kleine Bleistiftzeichnung, die ihr Geheimnis, scheinbar harmlos, unterm Tischtuch bewahrt (8000 Franken). Von süffisantem Witz zeugen zwei je nur achtzehn Zentimeter hohe „Modelle für Gartenlampe“ von 1974 – gebaut aus Zuckerwürfeln, eines in Weiß, eines rot angemalt (Preis auf Anfrage). Datiert auf 1976 ist die Skizze für „Windbäume“ in Tusche und Buntstift auf Papier (16.000 Franken). Und es gibt eine ganze Anzahl hübscher Drucke.

          Das am höchsten bezifferte Werk ist eine 170 Zentimeter breite „Mondlandschaft“ von 1963 in Öl auf Leinwand; solche raren großformatigen Gemälde liegen im Bereich von 170.000 Franken. Wie eine ironische, alltagstaugliche Reminiszenz an jene „Pelztasse“ gibt es ein „Pelz Armband“, entworfen um 1936, aus achtzehnkarätigem Gold (Auflage 6/15+3AP; 45.000 Franken). Oppenheim machte Schmuck für Elsa Schiaparelli, so einen Armreif trug sie selbst.

          Nein, es gibt keine Kontinuität bei Meret Oppenheim, immer wieder geriet sie in schöpferische Krisen. Ihr Schaffen ist von Brüchen gekennzeichnet, von Wiederaufnahmen verworfener Skizzen, vielleicht zerstörter, dann wiederaufgenommener Träume und Gedanken. Es folgt einem unruhigen Fluss immer wieder stockender Imagination. Es richtet sich, nach den Anfängen mit ihren surrealistischen Objekten, nicht mehr an Wirkung aus, trachtet nicht nach oberflächlicher Originalität. Manche der in der Galerie gezeigten späteren Bilder erinnern deutlich an ihre frühe Zeitgenossenschaft als Künstlerin in Paris, an den Kubismus, an Braque oder Picasso vielleicht. Dann freilich bringt die genaue Betrachtung die Nuancen und Fallen, die Scherze und die Abgründigkeiten, die sie einbaut, zutage. Nein, es gibt keinen Fortschritt bei Meret Oppenheim. Entsprechend gibt es keine künstlerische Entwicklung, die nachvollziehbar wäre, sich als eine Geschichte erzählen ließe. Es gibt bloß diese Anschauung – für den, der sich darauf einlässt.

          Die Galerie von Carlo Knöll in der Basler Bäumleingasse ist ein Ort für solche Geschichten. Und für andere „Dissonanzen“, wie der zweite Schauraum heißt, ein überraschendes Crossover für Liebhaber; von Pierre Puvis de Chavannes über ein hinreißendes Frauenporträt Arnold Böcklins bis hin zu Blättern Picassos. In Basel kann so etwas gedeihen, in dieser ebenso beschaulichen wie reichen Stadt zu Füßen des herrlichen Münsters, die seit fünf Jahrzehnten, immer im Juni, aufgeweckt wird vom globalen Tross der Art-Basel-Messe; nur nicht in diesem Covid-19-Jahr. Derweil gibt es ja feinen Ersatz.

          Beide Ausstellungen bis 31.Oktober. Katalog „Meret Oppenheim. Hier wohnt die Hexe“, 15 Franken.

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