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Mehr als 80 Millionen Dollar : Dieser Jüngling kann teuer werden

Sandro Boticelli, „Porträt eines jungen Mannes mit einem Medaillon“, um 1480, Tempera auf Holz, 15. Jh., 58,7 mal 39,4 Zentimeter: Taxe „mehr als“ achtzig Millionen Dollar. Bild: Sotheby’s

Ein Porträt von Sandro Botticelli kehrt in den Markt zurück. Mit einer Erwartung von 80 Millionen Dollar wird dem raren Bildnis eine steile Karriere zugetraut.

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          Als die Kunsthandlung Trinity Fine Art im vorigen Jahr bei der Londoner Frieze-Messe das Porträt des Freischärlers und Dichters Michele Marullo anbot, hieß es, es sei das letzte Werk Botticellis in privater Hand. Nun kommt aus amerikanischem Besitz eine zweite Tafel auf den Markt. Es ist das gut erhaltene „Porträt eines jungen Mannes mit einem Medaillon“, eines von nur einem Dutzend dem florentinischen Renaissancekünstler fest zugeschriebenen Bildnissen. Sotheby’s hofft, dass es sich mit einem angestrebten Erlös von „mehr als“ achtzig Millionen Dollar zu den am teuersten versteigerten Porträtgemälden gesellen wird, wenn es im Januar in New York bei einer Abendauktion zum Aufruf kommt. Die Firma misst es an bisherigen Rekordhaltern wie Vincent van Goghs „Doktor Gachet“, der 1990 82,5 Millionen erzielte, und Gustav Klimts 2006 von Oprah Winfrey für 87,9 Millionen Doller ersteigertem Bildnis „Adele Bloch-Bauer II“, das die Fernsehmoderatorin zehn Jahre später für 150 Millionen Dollar wiederverkaufte, fünfzehn Millionen Dollar mehr, als der Kosmetikkonzernerbe Ronald Lauder sich 2006 die „Goldene Adele“, Klimts erstes Porträt der Wienerin Bloch-Bauer, angeblich kosten ließ.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Auf Botticellis mit Tempera auf Holz gemaltem Brustbild blickt der Jüngling in Dreiviertelansicht mit hellwacher Miene zum Betrachter. In eine schlichte malvenfarbene Tunika gekleidet, hält er ein gerahmtes Medaillon mit einem bärtigen Heiligen des Trecento, das in die Tafel eingelassen ist. Zwei feingliedrige Finger der linken Hand ragen über die Brüstung am unteren Bildrand hinaus, gemäß der in der Renaissancemalerei bewährten illusionistischen Manier, die Distanz zwischen Porträtiertem und Betrachter zu durchbrechen. Der junge Mann steht mit dem Rücken zum Fenster. Sein hochstirniger, von seinem langen, in der Mitte gescheitelten Haar gerahmter Kopf setzt sich vor dem Himmel ab, der von der die Bildtiefe steigernden Fensterzarge eingefasst ist. Mit ihren kühlen Blau- und Grautönen wirken diese Farbflächen im Hintergrund fast wie ein abstraktes Gemälde, eine Eigenschaft, die den modernen Geschmack des Crossover-Publikums ansprechen dürfte, auf den der Altmeistermarkt zunehmend setzt.

          Ein unbemerktes Meisterwerk

          Das aus stilistischen Gründen um 1480 datierte Porträt hing lange unbemerkt und scheinbar auch wenig geachtet in einem Vorzimmer des Anwesens des walisischen Adligen Lord Newborough, dessen Vorfahr es im späten 18. Jahrhundert in Florenz erworben haben könnte, als er sich dort in eine zwölfjährige Bühnendarstellerin verknallte, die er als seine zweite Frau nach Hause mitbrachte. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts fiel das Bild dem Londoner Händler Frank Sabin auf, der aus anderem Grund bei den Newboroughs zu Besuch war. Der Lord soll das früher im Jahrhundert mit rund zehn Pfund bewertete Porträt weniger geschätzt haben als die Kopie eines in der Nähe hängenden Gemäldes von Jean-Baptiste Greuze. Sabin erwarb den Botticelli für einen fünfstelligen Betrag und verkaufte ihn irgendwann vor 1941 an den Sammler Sir Thomas Merton. Dessen Nachfahren ließen das Bild 1982 für 810.000 Pfund bei Christie’s in London versteigern. Seitdem hat sein ungenannter amerikanischer Besitzer es mehrfach an Museen ausgeliehen, unter anderem an das Frankfurter Städel für die große Botticelli-Ausstellung vom Winter 2009/10.

          Die Zuschreibung zu Botticelli ist in der Vergangenheit mehrfach in Frage gestellt worden. Einige Fachleute neigten eher zu dem weniger begabten florentinischen Zeitgenossen Francesco Botticini. In der neueren Forschung wird die Zuschreibung jedoch nicht mehr angefochten. Das Medaillon gibt allerdings ein Rätsel auf: weil es sich – anders als bei dem Gipsabguss einer Medaille mit dem Kopf Cosimo de’ Medicis auf Botticellis berühmtem, zum Vergleich herangezogenen Männerbildnis in den Uffizien – um den Ausschnitt aus einem Goldgrundgemälde des 14. Jahrhunderts handelt, als dessen Urheber der Sieneser Künstler Bartolomeo Bulgarini genannt wird. Einige Kunsthistoriker, darunter Keith Christiansen, vertreten die Ansicht, das Medaillon könne später hinzugefügt worden sein als Ersatz für ein ursprüngliches Gipsrelief. Bei dem bärtigen Heiligen, der als Namenspatron des Porträtierten vermutet wird, tippen die einen auf Petrus, andere auf den Evangelisten Johannes – woraus, ohne Beweise, geschlossen worden ist, der von den Medici beschäftigte Botticelli könnte Piero de’ Medici, den Bruder Lorenzos des Prächtigen, oder dessen Vetter Giovanni di Pierfrancesco de’ Medici dargestellt haben. Die Kombination des im vollen Leben stehenden Jünglings mit dem gerahmten antiken Medaillon des greisen Heiligen ist als Variante des Vanitas-Motivs gedeutet worden, aber auch als Beitrag zu dem in der Renaissance flammenden Rangstreit zwischen Malerei und Plastik.

          Kenneth Clark, der Kunsthistoriker und damalige Direktor der Londoner National Gallery, der das Bild 1941 sah und schriftlich hervorhob, dass er nicht die geringsten Zweifel an der Authentizität habe, hielt es für eines der schönsten Porträts des 15. Jahrhunderts, die er je auf dem Markt gesehen habe. Im Januar wird sich weisen, ob der heutige Kunstmarkt ihm beipflichtet.

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