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Max Pietschmann : Der Riese aus Dresden

  • -Aktualisiert am

Max Pietschmann, „Fischzug des Polyphem“, 1892, Öl auf Leinwand, 380 mal 260 Zentimeter. Bild: Grisebach

Das lange verschollene Hauptwerk: Max Pietschmanns „Polyphem“ taucht bei Grisebach auf.

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          Monströs erhebt sich ein Zyklop aus dem vom Licht der Mittelmeersonne bestrahlten, azurblauen Wasser. In seiner linken Hand hält er am erhobenen Arm eine Nymphe mit orange-goldenem Haar empor, die ohnmächtig zu sein scheint. Seine rechte Hand zieht ein Netz, in dem zwei andere Nymphen gefangen sind, ihre Leiber winden sich überm Wasser. Max Pietschmanns Hauptwerk ist szenisch und, trotz der Anlehnung an die antike Sagenwelt, tief in der Gegenwart des 19. Jahrhunderts verhaftet. Die Körperproportionen der Frauen wirken modern, Assoziationen an den Film „King Kong und die weiße Frau“ von 1933 werden wach.

          Der „Fischzug des Polyphem“, den der aus Dresden stammende Symbolist Pietschmann 1892 in Italien auf 3,8 mal 2,6 Meter Leinwand bannte, ist durchaus ein Fund: Über Jahrzehnte lag das Ölgemälde – eingerollt – auf dem Dachboden eines Dresdner Stadthauses. Es befand sich in Privatbesitz, mit weiteren Werken und Fotografien des in Vergessenheit geratenen Erneuerers der Dresdner Kunstakademie. Das Auktionshaus Villa Grisebach in Berlin hat das verschollen geglaubte Hauptwerk aufgespürt und präsentiert es nun in einer Verkaufsausstellung mit dem Titel „King Kong kommt aus Dresden – Die Wiederentdeckung des Malers Max Pietschmann“. Nach der Restaurierung entfaltet es jetzt seine volle Pracht, neben dem Zyklus der Vorstudien dazu und weiteren Zeichnungen und Fotografien aus dem Nachlass des Künstlers. Ein Teil des restlichen Konvoluts aus Dresden wurde inzwischen an die Staatlichen Dresdner Kunstsammlungen übergeben. (Der Preis für den „Polyphem“ liegt bei 120.000 Euro.)

          Max Pietschmann, Fotografische Studie zum „Polyphem“, Sizilien, ca. 1891, Original-Abzug.
          Max Pietschmann, Fotografische Studie zum „Polyphem“, Sizilien, ca. 1891, Original-Abzug. : Bild: Grisebach

          Allerdings war Pietschmann kein gänzlich Unbekannter. Geboren 1865 in Dresden, entwickelte er sich schnell zu einem der stilprägenden Künstler der vorvorigen Jahrhundertwende und markierte mit seinem Schaffen den Übergang von der Romantik zu Impressionismus und Jugendstil. Als Mitglied des „Goppelner Kreises“ brachte er die Pleinairmalerei nach Dresden und bereitete die Gründung der Dresdner Sezession im Jahr 1893 maßgeblich mit vor. Gemeinsam mit Oskar Zwintscher, Richard Müller und Hans Unger gehörte er zur einflussreichen „Phalanx der Starken“, wie der Kunsthistoriker Kuno von Hardenberg den Dresdner Freundeskreis nannte.

          Erst vierundzwanzig Jahre alt, erhielt Pietschmann 1889 den großen Preis der Dresdner Kunstakademie und ein Stipendium, das ihn von Paris und der Académie Julien über Rom nach Sizilien führte, wo er zwei Jahre verbrachte und eine seiner produktivsten Phasen durchlebte. Die bei Grisebach ausgestellten Fotografien lassen erkennen, wie frei sich die Dresdner Künstlergruppe in Italien gab – unbeschwert, zwischen nackten Jünglingen und schönen Italienerinnen, fernab der strengen, sonst geltenden Konventionen. Sinnlichkeit und Eros, aber auch die tiefe Sehnsucht nach der Sonne des Südens spiegeln sich in den Aufnahmen wider und finden ihren Niederschlag im Hauptwerk, das 1893, auf dem Höhepunkt von Pietschmanns Karriere, bei der Weltausstellung in Chicago ausgestellt wurde und mehrere Auszeichnungen erhielt.

          Ein anderes Gemälde von ihm hatte Ende des vorigen Jahrs Aufmerksamkeit im Kunstmarkt erregt: Bei den Grisebach-Herbstauktionen 2019 kam das Porträt „Tommy Todtmann“ für 60.000 Euro unter den Hammer, weit über der Schätzung von 6000 bis 8000 Euro. Pietschmann malte 1885 das schwarze Akademiemodell, das in der Malerklasse von Leon Pohle arbeitete, mit nacktem Oberkörper und einem um die Lenden geschlungenen Tuch. Sein athletischer Körper schimmert im Licht. Im Frühjahr 2020 tauchte das Bildnis bei „The European Fine Art Fair“ in Maastricht am Stand der Galerie Jack Kilgore aus New York wieder auf; dort wurde es für einen sechsstelligen Dollarbetrag angeboten.

          In der Villa Grisebach bis zum 24. Oktober.

           

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