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Manfred Heitings Fotosammlung : Die Wahrheit steht auf dem Schutzumschlag

  • -Aktualisiert am

Manfred Heiting besaß eine der wichtigsten Sammlungen für Fotografie. Dann stieg er auf Fotobücher um: 25.000 Bände kamen zusammen, die er nun verkauft. Was bleibt? Eine einzigartige Datenbank zur Geschichte der Fotografie.

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          Dass es mit seinen Sammlungen und den deutschen Museen nichts werden würde, ahnte Manfred Heiting schon früh. Vor elf Jahren verkaufte er seine erlesene Fotografiesammlung an das Museum of Fine Arts im texanischen Houston (MFAH): Vintage Prints von Drtikol und Sudek, Renger-Patzsch und Sander, Talbot und Baldus, Atget und Kühn, von Henri Cartier-Bresson und Gustave Le Gray, Man Ray und Alfred Stieglitz und von jenen Fotografen, die er während seiner langen Tätigkeit als Design-Direktor der Firma Polaroid kennengelernt hatte: Ansel Adams und Walker Evans, Minor White und Andy Warhol, Helmut Newton und Jürgen Klauke - insgesamt waren es rund 4000 Bilder.

          Dass sie einmal nach Deutschland gehen würden, sagt der Wahl-Kalifornier, habe nie zur Diskussion gestanden: „Für größere Fotosammlungen hatte man damals kein Geld oder kein Interesse - wenn nicht komplett gestiftet wird. Das geht bei mir leider nicht. Meine Sammlung ist gewissermaßen meine Altersversorgung.“ Im Gespräch zählt er auf, was diesem Land, in dem Museums- und Bibliotheksleiter wie Curt Glaser oder Carl Georg Heise schon in den zwanziger Jahren systematisch Fotografie gesammelt haben, inzwischen alles entgangen ist: etwa die Sammlungen Gernsheim nach Austin und Heidtmann nach Japan oder die Gesamtkorrespondenzen von Albert Renger-Patzsch und Jan Tschichold ans Getty Research Center nach Los Angeles.

          Weitergesammelt hat der heute Siebzigjährige auch nach dem Verkauf - nun allerdings keine Abzüge mehr, sondern Fotobücher: Seit den sechziger Jahren gelegentlich für die eigene Referenzbibliothek, seit Mitte der neunziger Jahre systematischer. Auch diese Sammlung - rund 25.000 Bände, Prospekte, Annoncen - geht nun, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, als Ankauf und als teilweise Schenkung, verteilt über die kommenden zehn Jahre, nach Houston. Dort wird ein eigener Forschungsbereich „Fotografie und Fotobuch“ entstehen. MFAH-Direktor Gary Tinterow sieht sein Haus dadurch schon jetzt auf eine „herausragende neue Ebene“ emporgehoben.

          Auf die Bedeutung des Buchs als autonome Präsentationsform von Fotografie hatte die Photokina 1984 erstmals eine breite Öffentlichkeit hingewiesen. Verschiedene Antiquare und Buchhändler, wie Markus Schaden in Köln, wagten später die Spezialisierung auf dieses Genre. Und spätestens seit Veröffentlichung des zweibändigen „Photobook“ von Gerry Badger und Martin Parr schien auch ein Kanon definiert, den viele Sammler gleich als Einkaufsliste benutzten. Seither steigen die Preise für Fotobuchklassiker stetig an: Die 1958 erschienene französische Erstausgabe von Robert Franks „Les Americains“ ist kaum mehr unter 4000, Bernd und Hilla Bechers „Anonyme Skulpturen“ von 1970 nicht unter 2500 und Karl Blossfeldts Pflanzenbuch „Wunder in der Natur“ mit Schutzumschlag kaum unter 2000 Euro zu bekommen. So stark ist die Wertschätzung für Fotobücher in den vergangenen Jahren gestiegen, dass manches von ihnen inzwischen mehr kostet als ein Vintage-Abzug des entsprechenden Fotografen.

          „Das deutsche Fotobuch ist einmalig in der Welt“

          Bevor seine Bildbände in Tranchen das Haus in Malibu verlassen, wertet Manfred Heiting sie systematisch aus. Gemeinsam mit dem in Hamburg und Berlin lebenden Kunsthistoriker Roland Jaeger arbeitet er seit Jahren an einer Datenbank, die Informationen über jene rund 35.000 Fotobücher gibt, die zwischen 1918 und 1945 in Deutschland erschienen sind. „Das deutsche Fotobuch ist einmalig in der Welt“, begründet der gelernte Schriftsetzer seine Entscheidung für Ort und Zeit: „Es gab in jenen Jahren auf der ganzen Welt nicht so viele wie hier - und schon gar nicht in dieser Druckqualität. In Deutschland gab es mit der Leica die beste Kamera, gab es das beste Papier und die besten Druckmaschinen.“ „Autopsie“ nennt Heiting das Projekt, und „Autopsie“ heißen auch die beiden voluminösen Bildbände, in denen Jaeger und er gemeinsam mit anderen Autoren und nach Themen geordnet Höhepunkte der deutschen Fotobuchgeschichte vorstellen. Der erste Band dieser einzigartigen Dokumentation ist bereits im vergangenen Jahr bei Steidl erschienen, der zweite folgt in diesem Herbst - wieder mit mehr als fünfhundert Seiten.

          Akribisch wie ein Pathologe und dennoch lustvoll seziert Heiting jeden einzelnen Band - und das immer am Original. Er beschreibt das Papier und die Drucktypen, den Einband und den Schutzumschlag, aber auch die Marketingmaßnahmen und die Bedeutung des einzelnen Buchs für die Geschichte des Genres. Sollte sich eine dieser Eigenschaften zwischen zwei Auflagen verändert haben, wird auch dies festgehalten und in allen Varianten abgebildet - mit Vorder- und Rückseite und dem Schutzumschlag, der Heiting besonders wichtig ist: „Er diente ja tatsächlich zum Schutz des Einbandes und wurde nach dem Kauf fast immer weggeworfen. Mir ist es aber wichtig, den Originalzustand zu zeigen. Gerade der Umschlag oder eine Bauchbinde haben manchmal zentrale Bedeutung für die Aussage oder das Marketing eines Buches.“ Dafür besucht er Antiquariate und Bibliotheken, andere Sammler und Verlagsarchive und schafft es meist sogar, die nie genannte Druckauflage der autopsierten Bände herauszufinden. Andere Publikationen, wie Badger und Parr für ihr „Photobook“, haben vergeblich versucht, die gesamte Breite der Produktion zu erfassen und mussten dafür zwangsläufig eine subjektive Auswahl treffen.

          Die Datenbank, die im Internet kostenlos und uneingeschränkt zugänglich sein wird, zeigt der Fotoforscher beim Treffen in Köln auf seinem eigenen Computer: „Sie ist zwar technisch fertig, aber noch nicht online geschaltet. Durch die ungeheure Menge an Informationen, die wir zur Verfügung stellen wollen, habe ich erst einen Teil der Titel ,autopsiert’ und die notwendigen Abbildungen eingefügt. Nach Erscheinen des zweiten Bandes soll sie einer kleinen Testgruppe zugänglich gemacht und dann, nach eventuell notwendigen Änderungen, freigeschaltet werden.“ Als sachliche Informationsquelle soll sie dienen: „Im Netz interessiert mich das Buch als solches, nicht seine Bilder. Die Datenbank ist auch keine Dokumentation meiner Sammlung. Dort wird viel mehr enthalten sein, als ich gesammelt habe.

          Heiting ist an weiteren Informationen und Austausch interessiert. Denn diese Arbeit wird niemals beendet: „Die Geschichte des Fotobuchs ist auch eine über Zeitgeschichte, über die verschiedenen Länder, in denen diese Bücher erschienen sind, was sie wollten und sollten - und natürlich über die Menschen dahinter.“ Und natürlich wüssten auch längst alle Spezialantiquariate auf der ganzen Welt, welche Bücher ihm noch fehlten. Viele seien es nicht. Aber da gebe es diesen einen Kurhessen-Band aus der Fotobuchserie „Das deutsche Volksgesicht“, die die Fotografin Erna Lendvai-Dircksen Anfang der vierziger Jahre im Bayreuther Gauverlag veröffentlicht hat. Obwohl er überall danach gesucht habe, sei es ihm in Jahrzehnten nicht gelungen, ein intaktes Exemplar mit Schutzumschlag zu finden. Kein Sammler, keine Bibliothek besitzt offenbar den Band in dieser Ausstattung. Trotzdem gibt Heiting auch nach dem Verkauf seiner Fotobuchsammlung die Suche nicht auf: „Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es diesen Schutzumschlag gegeben haben muss. Und ich werde ihn finden.“

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