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Manaf Halbouni : Unter arabischem Schutz

  • -Aktualisiert am

Wie aus Trümmern geborgen: Manaf Halbouni: „Fragments Nr. 10“, 2020, Beton, Stahl, Glas, 140 mal 45 mal 30 Zentimeter. Bild: Manaf Halbouni and Zilberman/Chroma/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wie sähe Westeuropa unter arabischer Besatzung aus? Die Galerie Zilberman in Berlin präsentiert Manaf Halbouni mit einer subversiven Dresdner Kartographie.

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          Für einen politisch denkenden Künstler aus Damaskus muss Dresden als Lebensmittelpunkt ein, gelinde gesagt, interessantes Objekt der Befassung darstellen, gar ein Brennglas für die gespaltene Gesellschaft der Gegenwart. Bündeln sich hier doch alle – auch gegen ihn selbst gerichteten – fremdenfeindlichen Ressentiments in einer Bewegung, die regelmäßig auf die Straße geht. Manaf Halbouni hat sich dieser Herausforderung unerschrocken gestellt, nachdem er 2009 nach Sachsen gekommen war, um an der Hochschule für Bildende Künste Dresden zu studieren. Den Nachweis erbrachte er vor vier Jahren mit einer schlicht „Monument“ getauften Intervention im öffentlichen Raum.

          Seine Omnibus-Intervention ist schwer zu überbieten

          Am Neumarkt vor der Frauenkirche richtete der Künstler, Jahrgang 1984, drei Omnibusse hochkant zu einer monströsen Skulptur auf, wofür ihm ein Pressefoto mit eben einer solchen provisorischen Schutzmauer in den Straßen von Aleppo als Vorlage diente. Halbouni setzte den Energien von Menschen im syrischen Krieg ein Denkmal und schlug zugleich eine Brücke nach Dresden, das 1945 ebenfalls traumatisch in Schutt gelegt wurde. Ob das „Monument“ tatsächlich noch ans Brandenburger Tor touren musste, um auch dort aufzurütteln, sei dahingestellt; vor der einst zerstörten, schließlich wieder aufgebauten Frauenkirche aber war es punktgenau gelandet und traf dort einen Nerv –nicht zuletzt derjenigen, die das Abendland vor der Islamisierung glauben retten zu müssen. Eine Intervention, die für Halbouni bis auf Weiteres schwer zu überbieten sein dürfte.

          Alternative Vergangenheit: Manaf Halbouni: „Rampische Straße in Dresden mit Blick auf die Augustus Moschee“, Papier auf MDF-Platte, Epoxidharz, 52 mal 22  Zentimeter.
          Alternative Vergangenheit: Manaf Halbouni: „Rampische Straße in Dresden mit Blick auf die Augustus Moschee“, Papier auf MDF-Platte, Epoxidharz, 52 mal 22 Zentimeter. : Bild: Manaf Halbouni and Zilberman/Chroma/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          Jenseits der Frauenkirche ragt nun ein Minarett in die Höhe, so jedenfalls in einer Collage in seiner Ausstellung in der Berliner Galerie Zilberman. Das mit Epoxidharz überzogene Foto erscheint in historischem Sepia und suggeriert ein „Protektorat Sachsen“ im Jahr 1920; der Künstler geriert sich in einem Video als General Youssuf Hadid in voller Montur, der Westeuropa mit seinem Regiment unter arabischen „Schutz“ gestellt hat – womit Halbouni in einem Gedankenspiel die politische Landkarte des 20. Jahrhunderts aus der Warte durchaus unerwünschter „Befreier“ neu vermisst. Zurück bleiben Fragmente von Kirchenfenstern, die, wie Bruchstücke aus Ruinen geborgen, mit Beton und Armierungsstahl eingefasst sind. Beim Tagebuch des Generals lässt sich Halbouni von Aufzeichnungen britischer Militärs inspirieren, die im Ersten Weltkrieg in den Nahen Osten vorrückten und allerlei Klischees über die osmanischen Widersacher zu Papier brachten.

          Als „subversiver Kartograph“, wie ihn die polnische Kunsthistorikerin Marta Smolińska im kleinen, lesenswerten Katalog nennt, interessiert sich Halbouni auch für reale Grenzen und wie sie verschoben werden. Aus betagten Radiorekordern lässt er die Hymnen von nicht weniger als 21 Staaten tönen, die im vorigen Saeculum gegründet und wieder vom Atlas getilgt wurden. (Preise 2000 bis 17.800 Euro; bis zum 17. April).

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