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Londoner Auktionen : Gesprächsstoff und Glanzpunkte

Die Londoner Auktionen mit Altmeistern und Alter Kunst bei Sotheby’s und Christie’s beweisen den Kunstverstand der kaufkräftigen Kunden.

          3 Min.

          Die Sorge über austrocknende Quellen, die in dürren Zeiten Zukunftsängste im Altmeistermarkt schürt, wird in fetteren Jahre widerlegt, in denen unerwartete Funde und die Wechselfälle des Lebens für Nachschub sorgen. Das beweist das Angebot der Londoner Auktionshäuser in diesem Sommer wieder einmal: Ob es sich um die Jahrezehnte lang in einer Schublade verwahrte altnordische Schachfigur handelt, für die ein Antiquitätenhändler in Edinburgh 1965 fünf Pfund bezahlte, ohne zu ahnen, dass sie eines Tages von Sotheby’s dem im 19. Jahrhundert auf der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden entdeckten Elfenbeinschatz zugeordnet werden würde, um bei 600.000 Pfund den Zuschlag zu bekommen. Ob es die umstrittene Tutanchamun-Büste aus der deutschen Sammlung Resandro ist, deren Versteigerung bei Christie’s die ägyptische Regierung zu verhindern suchte; ob eine spektakulär lebenssprühende Canaletto-Zeichnung bei Sotheby’s, die 2,6 Millionen Pfund erforderte, oder ein Paar edler frühklassizistischer Konsolen aus Rothschild-Besitz bei Christie’s. Es fehlte bei den Versteigerungen dieser Woche nicht an Glanzpunkten und Gesprächsstoff.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Besonders befriedigt zeigte sich die Altmeister-Abteilung bei Sotheby’s, die in der ungewöhnlich barocklastigen Abendauktion mit Gemälden neun Rekorde verbuchen konnte – und mit mehr als 56 Millionen Pfund den höchsten Gesamterlös seit 2014 verbuchen konnte. Das verdankte sich vor allem fünf – mit Garantien und durch unwiderrufliche Gebote gesicherten – Werken, die fast die Hälfte des Ertrags stellten, obwohl sie ihre unteren Schätzwerte nicht übertrafen. Die Lose kommen aus dem Besitz von Graham Kirkham, dem ins Oberhaus avancierten Adoptivsohn eines Bergarbeiters aus Yorkshire, der durch dem Verkauf von Polstermöbeln zum Milliardär wurde. Beraten von Alan Hobart von der Pyms Gallery hat er seit den neunziger Jahren eine beachtliche Gemäldesammlung angelegt, die auch die als Dauerleihgabe in der Londoner Nationalgalerie hängende „Auffindung des Mosesknaben“ von Orazio Gentileschi umfasst. Weitere Verkäufe lassen darauf schließen, dass Kirkham jetzt andere Prioritäten setzt, wie er selbst nach einer überstandenen Krankheit andeutete.

          Das Metropolitan Museum in New York sicherte für 4,8 Millionen Pfund die „Versuchung der heiligen Maria Magdalena“, in der der Holsteiner Maler Johann Liss nordische und italienische Einflüsse zu einer prachtvoll dynamischen Synthese bringt. Jusepe de Riberas caravaggeske junge „Tamburinspielerin“, die den Betrachter trotz faulendem Gebiss und dreckigen Fingernägeln bezaubert, ging für fünf Millionen Pfund an einen Telefonbieter, Das Kleinod der Öl-auf-Kupfer-Darstellung des Utrechter Manieristen Joachim Wtewael mit „Diana und Aktaion“ reüssierte bei vier Millionen Pfund und der schwungvoll ausgeführte Jünglingskopf von Rubens bei 2,5 Millionen. Das höchste Gebot in diesem Konvolut galt mit sieben Millionen Pfund dem frühmorgendlichen Marktgang einer Bauerngesellschaft von Thomas Gainsborough, der – wie auch der Wtewael – für eine amerikanische Sammlung bestimmt sein dürfte, da der New Yorker Sotheby’s-Experte George Wachter die Anweisungen der erfolgreichen Bieter am Telefon entgegennahm. Der Preis für den Gainsborough reflektiert die Qualität und die Seltenheit des Landschaftsmotivs bei dem Maler.

          Mit dem Spitzenlos, einer ätherisch leuchtenden Landschaft aus dem Spätwerk von Turner, die einer Bieterin im Saal für sieben Millionen Pfund zugeschlagen wurde, bekräftigt das Ergebnis die Nachfrage für englische Gemälde. Dass diese Kundschaft weniger vom Fieber der Trophäenjagd als von Kunstverstand beflügelt ist, beleuchtet das Beispiel der Goldgrundtafel mit der Madonna des sogenannten Dritten Meisters von Anagni, die, um 1235 datiert, das älteste Altemeistergemälde ist, das Sotheby’s je angeboten hat. Mehrere Bieter bewarben sich um das Los, das schließlich mit 600.000 Pfund seine obere Schätzung verdoppelte.

          Das deutlich schwächere Angebot bei Christie’s findet im Gesamtergebnis der Abendauktion seinen Niederschlag, die zwar mehr Lose umfasste, jedoch mit knapp fünfzehn Millionen Pfund weit hinter Sotheby’s zurückfiel. Dafür wurde die Tutanchamun-Büste in weniger als einer Minute für vier Millionen Pfund über das Telefon verkauft, während draußen auf der Straße eine Gruppe von Demonstranten mit der ägyptischen Fahne gegen die illegale Ausfuhr von Antiken demonstrierte. Trost boten auch das Paar, Pierre Deumier zugeschriebener, Louis-XV-Konsolen nach einem Entwurf von Victor Louis, vom dem sich ein Gegenstück im Getty Museum in Los Angeles befindet: Auf bis zu 600.000 Pfund geschätzte, erbrachte es 2,25 Millionen Pfund.

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