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Londoner Auktionen : Alles ist miteinander verbunden

  • -Aktualisiert am

Peter Doig, „Blue Mountain“, 1996, Öl auf Leinwand, 200 mal 274,9 Zentimeter, Taxe 5 bis 7 Millionen Pfund bei Sotheby’s. Bild: Sotheby's/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Auktionen in London beginnen schon am frühen Abend, denn wenn Zeitgenossen und Moderne Kunst zugleich versteigert werden, sollen die Ostküste und China mitbieten können.

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          Seit Beginn der Pandemie werden Abendauktionen bei Christie’s und Sotheby’s immer öfter aneinandergekoppelt – und das über Standorte oder Kategorien hinweg. Entsprechend folgt bei Sotheby’s der kombinierte Londoner „Modern and Contemporary Art Evening Sale“ am 29. Juni gleich auf den „British Art Evening Sale: Modern/Contemporary“. Und bei Christie’s geht es im Anschluss an den Londoner „20th/21st Century Art Evening Sale“ am 30. Juni direkt in Paris weiter. Spezialisten an den Telefonen an den anderen Standorten in Hongkong und New York werden, wie mittlerweile üblich, virtuell mitbieten. Die Abendauktionen finden außerdem am frühen Nachmittag statt, damit Kunden an den östlichen Küsten der Vereinigten Staaten und Chinas – schon oder noch – wach sind.

          Den Auftakt bei der Sotheby’s-Veranstaltung mit Moderne und zeitgenössischer Kunst – mit einem Angebot von sechzig Losen im Gesamtwert von 96,54 bis 136,12 Millionen Pfund – macht die 1993 geborene Londoner Malerin Jadé Fadojutimi. Ihr Gemälde „I’m pirouetting the night away“ (Taxe 80.000/120.000 Pfund) aus dem Jahr 2019 erinnert an den italienischen Futurismus und wurde aus einer amerikanischen Sammlung eingeliefert. Das Programm am Londoner Standort ist weniger stark auf junge Kunst getrimmt als die vorausgehende New Yorker Saison; fast die Hälfte der Werke stellt die Moderne. Das Spitzenlos ist ein besonderer Leckerbissen: Wassily Kandinskys „Tensions calmées“ ist eine abstrakte Komposition mit organischen und geometrischen Formen auf schwarzem Grund, die seit den sechziger Jahren nicht mehr öffentlich ausgestellt war; die Erwartung dafür liegt bei 18 bis 25 Millionen Pfund. Der Berliner Kunsthändler Karl Nierendorf lies das Werk 1938, ein Jahr nach seiner Entstehung, zu seiner neuen Niederlassung in New Yorker liefern, stellte es dort mehrfach aus und vermittelte es 1945 an die Solomon Guggenheim Foundation. Diese verkaufte es 1964 zusammen mit weiteren Arbeiten Kandinskys in der Londoner Sotheby’s-Auktion „Fifty Paintings by Vasily Kandinsky“. So gelangte es in die amerikanische Sammlung, von der es nun wieder bei Sotheby’s eingereicht wurde.

          Lucian Freud, „David Hockney“, Öl auf Leinwand, 40,6 mal 31,1 Zentimeter, 2002, Taxe 8 bis 12 Millionen Pfund bei Sotheby’s. Bilderstrecke
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          Die teuersten Lose in der Auktion stellen daneben Picasso, gleich sieben Mal vertreten, Andy Warhol und Cy Twombly. Passend zur Fußball-EM hat Sotheby’s eine Fußball spielende Nonne von der österreichischen Malerin Maria Lassnig im Programm; „Kampfgeist I“ 350.000/450.000) war 2005/06 im Berliner Martin-Gropius-Bau in der Fußballausstellung „Rundlederwelten“ zu sehen.

          Die Auktion mit moderner und zeitgenössischer britischer Kunst wird angeführt von Lucien Freuds Porträt seines Malerkollegen „David Hockney“ (8/12 Millionen) aus dem Jahr 2002. Es kommt, mit Garantie und unwiderruflichem Gebot versehen, marktfrisch unter den Hammer. Peter Doig ist gleich zweimal mit Gemälden aus den neunziger Jahren vertreten: „Blue Mountain“ (5/7 Millionen) und „Bomb Island“ (3/5 Millionen). Beide Werke kommen aus derselben New Yorker Familiensammlung wie das Bild von Maria Lassnig. Die Auktion mit britischer Kunst soll mit 35 Losen zwischen 31,94 und 46,77 Millionen Pfund einspielen.

          Für die Abendauktion zum 20. und 21. Jahrhundert bei Christie’s am 30. Juni liegt die Gesamttaxe für 53 Lose zwischen 94,25 und 139,4 Millionen Pfund. Das teuerste Los ist Alberto Giacomettis „Homme qui chavire“ aus dem Jahr 1950/51, mit einer Schätzung von zwölf bis 18 Millionen Dollar; es ist die filigrane Gestalt eines Mannes, der zugleich im Fall und im Absprung begriffen scheint. Im Jahr 1984 entstanden sowohl Basquiats grün umgebene, transparente „Untitled“-Figur (4/6 Millionen) wie auch Keith Harings typisch kleinteilige „Untitled“-Komposition auf gelbem Grund (3,9/4,5 Millionen), auf der eine Gottheit mit Computer als Kopf ein Universum von Engeln, Ufos und tanzenden Menschen zu regieren scheint. Für Harings Werk darf, passend zum Motiv, auch in Kryptowährung bezahlt werden. Auch Christie’s hat einen Kandinsky aus den dreißiger Jahren im Programm; „Noir bigarré“ ist mit einem Preisschild von acht bis zwölf Millionen Pfund versehen. In Berlin getanzt wird sowohl bei Ernst Ludwig Kirchner als auch bei Andreas Gursky. Kirchners „Pantomime Reimann: Die Rache der Tänzerin“ (6/9 Millionen) entstand 1912 und befand sich seit 1985 in derselben Sammlung. Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 2001, dokumentierte Gursky mit seiner Kamera das von 1989 bis 2003 im Tiergarten stattfindende Techno-Festival „Love Parade“ (200.000/ 300.000).

          Von London wird der Hammer dann virtuell an den Christie’s-Auktionssaal in Paris weitergereicht, zur Abendauktion „Paris vente du soir“ mit Nachkriegs- und Gegenwartskunst und mit 16 Losen im Wert von 14,06 bis 20,35 Millionen Euro. Sie wird angeführt von Basquiats „The Elephant“ (3,7/5,5 Millionen Euro), gefolgt von Arbeiten von Jean Dubuffet, Nicolas de Staël und Pierre Soulages, mit Taxen oberhalb der Millionengrenze. Davor findet eine separate Sektion mit 24 Werken aus der Sammlung des 1992 gestorbenen Unternehmers Francis Gross statt, die zusammen 14,1 bis 21,43 Millionen Euro erbringen sollen. Das Spitzenlos ist René Magrittes „La vengeance“ (6/10 Millionen Euro), gemalt 1936, auf dem Wolken einem Landschaftsgemälde zu entfliehen scheinen. Aus dem Besitz des surrealistischen belgischen Dichters Paul Colinet gelangte das Bild in den sechziger Jahren in die amerikanische Sammlung, von der Gross es Mitte der achtziger Jahre übernahm.

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