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Moderne-Auktionen in London : Abkühlung an der Themse

  • -Aktualisiert am

Für die Ukraine: Jeff Koons’ monumentaler „Balloon Monkey (Magenta)“, ein Exemplar von fünf, spielte bei Christie’s 8,6 Millionen Pfund ein. Bild: Christie’s

Ernst Ludwig Kirchner fällt durch, der gehypte Nachwuchs reüssiert: Ergebnisse der Abendauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst bei Christie's, Sotheby's und Phillips.

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          Den Londoner Sommerauktionen mit Moderne und Zeitgenossen fehlte der große Glanz. Gefragte junge Zeitgenossen schnitten weiterhin gut ab, doch nach reihenweise im Mai in New York erreichten Superlativen wurden an der Themse kaum neue Höchstmarken gesetzt.

          Die Enttäuschung bei Sotheby’s war Ernst Ludwig Kirchners marktfrisches „Selbstbildnis mit Pfeife“ aus dem Jahr 1907, das unverkauft blieb.

          Christie’s machte den Auftakt mit einem überzeugenden „20th/21st Century: London Evening Sale“. Simone Leigh, die Gewinnerin des Goldenen Löwen von Venedig, stellte das erste Los. Ihr Frauenkopf aus Terracotta mit Bastrock, „Untitled V (Anatomy of Architecture Series)“ (Taxe 300.000 bis 500.000 Pfund) stieg auf 575.000 Pfund. Monets Spitzenlos „Waterloo Bridge, effet de brume“ (22/32 Millionen) und seine „Nymphéas, temps gris“ (20/30 Millionen) wurden bequem innerhalb ihrer Taxen demselben Telefonbieter bei je 26 Millionen Pfund zugeschlagen. Zum Vergleich: Im Mai erzielte Monets „Le Parlement, soleil couchant“ mit 66 Millionen Dollar den Rekord für eine London-Ansicht bei Christie’s in New York. Yves Kleins Abdrücke nackter Frauenkörper auf blauem Grund in „Anthropométrie de l’époque bleue (ANT 124)“ blieben mit 23,5 Millionen knapp unter der Erwartung. „Ingrid with Flowers“ (150.000/250.000) von der angesagten Nachwuchsmalerin Anna Weyant stieg auf 320.000 Pfund. Im Mai erzielte eines ihrer Gemälde in New York die Rekordsumme von 1,3 Millionen Dollar. Ein Riesenformat von Dana Schutz war zurückgezogen worden.

          Ging bei 26 Millionen Pfund an einen Telefonbieter: Claude Monets „Waterloo Bridge, effet de brume“, taxiert auf 22 bis 32 Millionen Pfund bei Christie’s.
          Ging bei 26 Millionen Pfund an einen Telefonbieter: Claude Monets „Waterloo Bridge, effet de brume“, taxiert auf 22 bis 32 Millionen Pfund bei Christie’s. : Bild: Christie`s

          Der ukrainische Mega-Sammler und Stahlunternehmer Victor Pinchuk und seine Frau Olena hatten die monumentale Stahlskulptur „Balloon Monkey (Magenta)“ (6/10 Millionen) von Jeff Koons eingereicht. Sie stieg auf 8,6 Millionen durch den Kopenhagener Kunstsammler Jens Faurschou im Saal. Der Erlös soll der medizinischen Versorgung und Rehabilitierung von ukrainischen Bürgern und Soldaten zugutekommen. Auf Magritte bleibt Verlass: Sein kleiner Apfel aus Stein im Gemälde „Souvenir de voyage“ (5/7 Millionen) stieg auf 13,8 Millionen. Ernie Barnes’ „Main Street Pool Hall“ aus dem Jahr 1978 kletterte auf 1,2 Millionen Pfund, das Zehnfache der oberen Taxe. Mit 55 von 61 Losen im Angebot spielte Christie’s stolze 180,9 Millionen Pfund ein.

          Bei Sotheby’s fanden sich fast wieder so viele Besucher wie vor der Pandemie im Saal ein. Zunächst stand „British Art: The Jubilee Auction“ an. John Constables kleine „Cloud Study“ (100.000/150.000) von 1822 schnellte gleich zu Beginn auf 580.000 Pfund. Es folgte Magdalene Odundos bauchige Terracotta-Vase „Untitled“ (60.000/80.000) aus dem Jahr 1984 mit 240.000 Pfund. Richtig rund ging es, als Flora Yukhnovichs zeitgenössische Ro­koko-Interpretation „Boucher’s Flesh“ (200.000/300.000) zum Aufruf kam. Ein Bieter sprang von 350.000 Pfund gleich auf eine Million, doch das schüchterte die Konkurrenz nicht ein: bei 1,9 Millionen fiel der Hammer. „Head of Gerda Boehm“ (2/3 Millionen), ein melancholisches Porträt von Frank Auerbach, ehemals im Besitz von David Bowie, erzielte 3,4 Millionen – einen neuer Rekord. Der Einlieferer zahlte 2016 bei Sotheby’s mit Aufgeld 3,78 Millionen Pfund. Die Taxe für das Spitzenlos, Francis Bacons marktfrische, wichtige „Study for Portrait of Lucian Freud“ aus dem Jahr 1964 lag bei „mehr als“ 35 Millionen Pfund. Bei 37,5 Millionen fiel der Hammer. Mit Aufgeld fallen 43,3 Millionen Pfund an. Nur große, mehrteilige Gemälde von Bacon sind teurer.

          Bei 37,5 Millionen Pfund fiel bei Sotheby’s der Hammer: Francis Bacons „Study for Portrait of Lucian Freud“ aus dem Jahr 1964.
          Bei 37,5 Millionen Pfund fiel bei Sotheby’s der Hammer: Francis Bacons „Study for Portrait of Lucian Freud“ aus dem Jahr 1964. : Bild: Sotheby's

          Bei Sotheby’s „Modern and Contemporary Evening Auction“ im Anschluss war Gerhard Richters sublime Wolkenstudie „Study for Clouds (Contre-jour)“ (6/8 Millionen) das Glanzlicht. Vier Bieter trieben den Preis auf 9,5 Millionen. Dann kam Kirchners „Selbstbildnis mit Pfeife“ – im Original blasser als im Katalog – ohne Garantie zum Aufruf; weder Sotheby’s noch eine dritte Partei hatten eine solche bewilligt. Die Taxe lag bei acht bis zwölf Millionen Pfund. Offenbar waren die Einlieferer damit zu ambitioniert, was ein Grund für fehlende Garantiegeber sein kann. Die Auktionatorin, Helena Newman, wartete vergeblich bei sechs Millionen auf ein Mindestgebot. Monets sommerlicher Flusslandschaft „Vétheuil“ wurde zur unteren Taxe von zehn Millionen Pfund vermittelt. „Zwei Pappeln“ (800.000/1,2 Millionen) von Georg Baselitz, gemalt 1975, gingen für 580.000 Pfund weg. Das Spitzenlos, ein „Self-Portrait“ (12/18 Millionen) von Andy Warhol, wurde für ein Gebot von nur elf Millionen am Telefon von David Rothschild vermittelt. Beide Auktionen spielten zusammen mit 62 von 78 Losen im Angebot 149,2 Millionen Pfund ein. Damit blieb ein recht hoher Anteil unverkauft. Vor einem Jahr sorgte die gleiche Kombination mit 83 Losen für einen Umsatz von 156,2 Millionen.

          Überraschung bei Sotheby’s in London: Flora Yukhnovichs Ro­koko-Interpretation „Boucher’s Flesh“ übertraf die Taxe um ein Vielfaches und wurde für 1,9 Millionen Pfund zugeschlagen.
          Überraschung bei Sotheby’s in London: Flora Yukhnovichs Ro­koko-Interpretation „Boucher’s Flesh“ übertraf die Taxe um ein Vielfaches und wurde für 1,9 Millionen Pfund zugeschlagen. : Bild: AP

          Bei Phillips’ „20th Century & Contemporary Art Evening Sale“ konnten hauptsächlich Künstlerinnen die Schätzungen überrunden. Auf dem dritten Platz positionierte sich Flora Yukhnovich mit „Moi aussi je déborde“ (250.000/350.000) in Pastelltönen mit einem Hammerpreis von 1,4 Millionen Pfund durch einen Onlinegebot aus Kanada. Ein Onlinebieter aus Libanon bot bei sieben Werken mit und war zweimal erfolgreich – manchmal braucht es nur einen entschlossen auf die Jagd gehenden Unterbieter, um das Ergebnis einer ganzen Auktion nach oben zu treiben. Bei María Berríos Collage „The Riders II“ (150.000/200.000) wurde er von einem Telefonbieter aus Hongkong bei 650.000 Pfund aus dem Feld geschlagen. Unter Taxe blieb dagegen Simone Leighs Porträt-Skulptur „Clarendon“ (800.000/1,2 Millionen) mit 700.000 Pfund. Ein Gemälde in Öl auf Samt von der besonders in Asien gehypten Issy Wood, „Not Turned On“, wurde innerhalb der Taxe bei 120.000 Pfund zugeschlagen. Cy Twomblys Spitzenlos „Untitled“ (3/4 Millionen) von 1962, ging bei nur einem Gebot für 2,2 Millionen weg. Michelangelo Pistolettos garantierte „Ragazza in minigonna / Ragazza seduta per terra“ erzielte seine untere Taxe von 1,8 Millionen. Mit 31 von 33 Werken im Angebot erzielte Phillips insgesamt 17,5 Millionen Pfund.

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