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Lempertz in Köln : Manche Überraschung

  • -Aktualisiert am

Das zweite Halbjahr 2020 bei Lempertz in Köln: Die wichtigen Zuschläge bei Alter und Neuer Kunst.

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          Für eine besondere Überraschung sorgte ein „Vierhändiges Klavierspiel“ in der Auktion mit Alter Kunst und 19. Jahrhundert bei Lempertz in Köln: In einer gemütlichen Stube spielen ein alter Mann und eine alte Frau tief versunken im Spiel Klavier, ein Schoßhund lauscht den beiden andächtig. Die marktfrisch aus Berliner Privatbesitz stammende kleine Holztafel von Konstantin Makowski aus dem Jahr 1880 war auf 6000 bis 8000 Euro taxiert – und stieg bis auf 85.000 Euro.

          Weniger gut erging es den Toplosen des 19. Jahrhunderts: Jacob Philipp Hackerts 1793 entstandene Landschaft mit Blick auf den Golf von Pozzuoli (Taxe 220.000/260.000 Euro) blieb ebenso unverkauft wie Adolph von Menzels schöne kleine Gouache „Vor der Kirche“ von 1890 (150.000/180.000) und das virtuose Salongemälde von Conrad Kiesel, der zwei junge Damen „Nach dem Tanz“ in ihren pompösen Gewändern festhielt (130.000/140.000). Zum Spitzenstück avancierte Anselm Feuerbachs romantische Szene „Jacob freit um Rahel“, die von 1969 bis 1979 als Leihgabe im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld hing: Deutscher Handel konnte sich das Ölgemälde erst bei 100.000 Euro (40.000/50.000) sichern. Eugène Boudins Seestück „Schiffe im Hafen von Trouville“ schaffte seine untere Taxe von 70.000 Euro (bis 90.000); die „Mühle im Eichtal“ von Ernst Ferdinand Oehme blieb mit dem Ergebnis von 70.000 Euro (80.000/100.000) unter ihrer Erwartung.

          Bei der Offerte Alter Kunst am selben Termin triumphierte Giovanni Battista Tiepolo mit seiner Darstellung eines sterbenden Kapuzinermönchs: Die Auftragsarbeit für den Grafen Francesco Algarotti entstand zwischen 1733 und 1753, befand sich einst in der Sammlung des Treuhänders vom British Museum in London – und erreichte mit dem Zuschlag bei 400.000 Euro (bis 450.000) ihre Untertaxe. Die beiden Stillleben mit Süßwasser- und Seefischen von Pieter van Schaeyenborgh gehen für 270.000 Euro, deutlich über Taxe (150.000/200.000), zurück in die Niederlande. Je ein Stillleben von Frans Snyders und Abraham Brueghel reüssierte bei 115.000 Euro (90.000/110.000) und 100.000 Euro (bis 120.000). Philip Wouwermans zwischen 1650 und 60 entstandene „Elegante Gesellschaft und eine Kutsche am Flussufer“ (300.000/ 350.000) blieb liegen, ebenso wie Jacob Jordaens’ lebensgroße Liebende „Venus und Adonis“ von 1655/60 (160.000/200.000). Dagegen sorgte bei den Skulpturen eine 73 Zentimeter hohe „Maria lactans“ aus Sandstein mit 70 000 Euro (12.000/14.000) für Aufsehen – dem Fünffachen ihrer oberen Schätzung. Insgesamt setzte die Versteigerung von Alter Kunst und 19. Jahrhundert 4,6 Millionen Euro inklusive Aufgeld um, gegenüber einer Erwartung von 3,9 Millionen.

          Im Dezember auktionierte Lempertz dann Moderne und Zeitgenossen in einem „Evening Sale“: Das Toplos bei der Gegenwart blieb Donald Judds kadmiumrote Skulptur „Half Solid Tube Piece“ von 1990, die für ihre untere Schätzung von 400.000 Euro (bis 450.000) von europäischem Handel übernommen wurde. Marcel Broodthaers’ neunteilige Arbeit mit Typographien „Gestalt-Bild-Abbildung“ von 1973 wurde mit 320.000 Euro (350.000/400.000) knapp unter Taxe zugeschlagen; sein „Socle“ aus farbigem Sperrholz wechselte für 95.000 Euro (100.000/150.000) den Besitzer. Karel Appels 130 Zentimeter breiter „Nue“ von 1961 erreichte seine untere Taxe von 180.000 Euro (bis 220.000); Appels großformatige, unbetitelte Badende (200.000/220.000) blieben unverkauft. William Copleys überdimensionales Acrylbild „Trust Love“ aus dem Jahr 1989 erstand ein deutscher Sammler für stattliche 170.000 Euro (80.000/120.000). Joannis Avramidis’ marktfrische, 1964 entstandene und 161 Zentimeter hohe Bronze „Mittlere Zweifigurengruppe“ reüssierte bei 140.000 Euro (bis 160.000; Exemplar 3), und Christos Arbeit „Mein Kölner Dom, Wrapped“ von 1992 blieb mit 95.000 Euro (100.000/150.000) knapp unter seiner Schätzung.

          Bei der Moderne überzeugten Emil Noldes „Tosendes Meer“ von 1930/35 mit dem Zuschlag bei 220.000 Euro (100.000/130.000) und seine hübsch aquarellierten „Tulpen und Amaryllis“ mit 180.000 Euro (90.000/120.000). Alexej von Jawlenskys um 1918 entstandene „Variation: Purpurgold (Herbst)“, das ursprüngliche Spitzenlos der Moderne-Offerte, blieb mit 100.000 Euro (120.000/150.000) unter seiner Taxe. Die „Drei Arbeiterköpfe“ von Franz Wilhelm Seiwert aus dem Jahr 1926 erreichten 85.000 Euro (90.000/120.000). Für stolze 95.000 Euro (30.000/40.000) wechselte Otto Ritschls Darstellung eines „Betrunkenen“, die zwei Jahre vorher entstand, den Besitzer. Ernst Ludwig Kirchners Lithographie „Tanzende Akte“ (80.000/120.000; Auflage 7) blieb unverkauft, ebenso wie Erich Heckels Ölgemälde „Frauen im Wald“ (90.000/120.000) und Gert Heinrich Wollheims 1928 entstandenes, markantes Porträt vom Schauspieler Heinrich George (60.000/80.000). Die große, erotisch anmutende Szene „Les Adelphes“ von Leonor Fini brachte es auf 110.000 Euro (80.000/100.000) und kommt in eine deutsche Sammlung. Insgesamt setzten der Evening Sale und der Day Sale mit Moderne und Zeitgenossen 9,5 Millionen Euro um, erwartet waren 9,2 Millionen.

          Der Höhepunkt des Auktionsherbsts bei Lempertz war die Sonderauktion mit 22 Werken aus der bedeutenden Sammlung des Bremer Luftfahrtunternehmers Hinrich Bischoff, ebenfalls Anfang Dezember. Die Versteigerung spielte 8,4 Millionen Euro inklusive Aufgeld ein, gegenüber einer Erwartung von 4,4 Millionen. Einen Rekordzuschlag von 3,6 Millionen Euro gab es für Georges de la Tours Nachtstück „La fillette au braisier“ (Mädchen, in ein Kohlebecken blasend); die Schätzung hatte bei drei bis vier Millionen gelegen. Gekauft hat das Ölgemälde nach Auskunft des Hauses ein, ungenanntes, Museum.

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