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Ladenhüter? : Traut Euch! Die Händlerauktion „The Dealer's Eye“ bei Sotheby's in New York

  • -Aktualisiert am

Viele Händler geben Werke, die sie selbst nicht verkaufen konnten, schließlich an ein Autkionshaus, in dessen Katalog die Information der Händlereinlieferung dann verschleiert wird, als handle es sich bei dem Stück um eine sitzengebliebene Braut. Jetzt macht Sotheby's in New York einen Schritt, um das Tabu zu schleifen.

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          Ladenhüter? Es ist ein Rätsel, warum manche Kunstwerke sich nicht verkaufen, genauso wie es ein Rätsel ist, daß manche tollen Frauen noch nicht unter die Haube gekommen sind. Zwar ist in vielen Fällen der Mangel an Interesse verständlich. Vielleicht ist es eine Stilfrage. Oder Bilder sind schlecht erhalten, schlecht gemalt oder zu teuer, sie haben unattraktive Motive oder sind zu groß, zu empfindlich oder zu anspruchsvoll für den normalen Haushalt. Oder simpler - kaum einer bekommt sie zu sehen. Ähnlich ist es ja auch mit manchen Frauen.

          Andere jedoch müßten Anklang finden, sie sind schön, kommen aus gutem Haus, sprechen den gebildeten Connaisseur sowie den aufgeschlossenen Laien an - und doch bleiben sie liegen oder sitzen. Wie die Liebe wird auch der Kunstmarkt nicht nur von rationalen Faktoren bestimmt: Immer wieder passiert es bei Auktionen, daß sich bei einem erlesenen Stück mit moderatem Preis kein Finger rührt. Kommt dasselbe Los im nächsten Jahr zum Aufruf, geht es auf einmal wunderbar, manchmal wird gar die Taxe verdreifacht.

          Unverdaute Brocken

          Viele Galeristen und Händler haben Werke im Inventar, die sie jahrelang nicht verkaufen können. Als Notlösung steht am Ende das Auktionshaus. Dann werfen die Händler den Auktionshäusern den Brocken zu, den sie selbst nicht verdauen können, und hoffen auf deren große Kundenkartei sowie deren kostspielige Produktion und Verteilung von Katalogen. Daß Kunsthändler Werke bei Auktionshäusern einliefern und einkaufen, ist üblich. Sie brauchen einander. Es heißt auch nicht, daß die Bilder schlechter sind als andere, die schnell an den Mann gebracht wurden.

          Trotzdem wird die Information, daß ein Händler einliefert, im Katalog verschleiert, als handle es sich bei dem Stück um eine sitzengebliebene Braut. Als Provenienz wird einfach die letzte Sammlung genannt, in der sich das Werk zuvor befand. Oder ein Händler sieht sich auch als Sammler, und die Herkunft des Werks wird als „American Collection“ angegeben: Die Grenzen zwischen dem Inventar eines Händlers und seiner Privatsammlung sind schwammig.

          Tabubruch mit Qualitätsgarantie

          Jetzt macht Sotheby's in New York einen Schritt, um das Tabu der Händlereinlieferungen zu schleifen. Das Haus hat einen Katalog mit Alten Meistern zusammengestellt, die allein von Händlern eingeliefert werden. Anstatt diese Provenienz zurückzuhalten, wird sie groß wie ein Aushängeschild dazugeschrieben.

          Qualität und Stil sind hier Bedingung. Die Sotheby's-Auktion schmückt sich mit einem eleganten Titel, der die Expertise und den Geschmack der Fachleute beschwört - „The Dealer's Eye“, in schwarzer Prägung auf dunkelbraune Leinenoptik gedruckt, wie um zu sagen: „So genau schauen Kenner hin.“ Siebenundzwanzig altehrwürdige Händler aus London, New York, Wien, Paris, Holland, Italien und der Schweiz haben dreiundsiebzig Lose eingeliefert, die am 26. Januar versteigert werden. Ein „Vetting Committee“ prominenter, unabhängiger Experten bürgt für die Qualitätskontrolle.

          Die Aussteuer des Königs von Maastrich

          Hier findet sich Jean-Baptiste Mallets Gouache „Junges Paar in leidenschaftlicher Umarmung“ aus dem Inventar von French & Company (Taxe 30 000/50 000 Dollar) zusammen mit einem Pudelporträt des Jahres 1795 von Jakob Philipp Hackert, eingeliefert von Artemis (50 000/70 000). Allein acht Lose hat Robert Noortman, der König von Maastricht, beigesteuert; es ist bestimmt kein Zufall, daß ausgerechnet bei dieser Auktion Noortmans Sohn William als Experte für Alte Meister im New Yorker Team von Sotheby's auftaucht. Nur um beim Thema zu bleiben - vielleicht eine Art Aussteuer? Unter diesen acht Losen befindet sich übrigens auch das Spitzenlos, ein kleines Gemälde auf Kupfer von Philips Wouwermans mit der entzückenden Darstellung einer Gesellschaft bei der Falkenjagd, taxiert auf 400 000 bis 600 000 Dollar.

          New York wird unter Händlern als Standort betrachtet, der stärker als London die Kreise der Privatsammler einschließt. Hier sind sie eben, die Männer mit den dicken Geldbeuteln und dem guten Geschmack. Robert Noortman läßt verlauten, es sei doch praktisch für die Sammler, daß die Gemälde professionell „gesäubert, restauriert und neu gerahmt sind, so daß die Kunden sie gleich mit nach Hause nehmen können, um sie an die Wand zu hängen“: Das ist es doch, was wir hören wollen: „Ja, ich will!“

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