https://www.faz.net/-gqz-abgvh

Yayoi Kusama bei Bonhams : Im Anfang war der Punkt

Kosmischer Proto-Polka-Dot: Yayoi Kusama, „Sun“, 1953, Öl, Gouache und Pastell auf Papier, 26,6 mal 31 Zentimeter: Taxe 40.000/60.000 Dollar Bild: Bonhams

Yayoi Kusama gilt als bedeutendste Gegenwartskünstlerin Japans. Bonhams in New York versteigert frühe Werke von ihr. Sie erzählen die Geschichte einer besonderen Freundschaft.

          3 Min.

          Bevor das Bild-Universum der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama in New York regelrecht explodierte und seine von zahllosen Polka Dots bestirnte, immer noch andauernde Expansion begann, setzte sie als junge Frau in Kyoto tastend erste Punkte mit dem Pinsel auf Papier. „Sun“ heißt ein frühes abstraktes Werk, das dort entstand. Es zeigt eine flammend rot gefüllte Kreisform, zentral platziert in himmlischem Azur, umgeben von einer helleren Aureole mit gleichfalls roten, länglichen Flecken. Vielfältig sind die Assoziationen, die diese nur 26,6 mal 31 Zentimeter messende Komposition, 1953 gefertigt mit Ölfarbe, Gouache und Pastell, wecken mag: an eine Eizelle kurz vor der Befruchtung, die Flagge Japans oder eine Supernova vor ihrer galaktisch strahlenden Selbstauslöschung.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Was alles folgte, feiert der Berliner Gropius-Bau derzeit mit der ersten Retrospektive der 1929 geborenen Yayoi Kusama in Deutschland und präsentiert rund dreihundert Arbeiten aus acht schöpferischen Jahrzehnten. In diesen war kaum eine Gattung vor der entgrenzenden Wirkung von Kusamas All-Overs aus Punkten sicher, den von ihr verwendeten phallischen Formen oder den berühmten Kürbismotiven: ob Zeichnung, Malerei oder Collage, ob Skulptur, Performance oder Installation, ob Film, Mode oder Produktdesign. Was heute Immersion heißt und vor allem der digitalen Sphäre zugeordnet wird, zeigte Kusama schon mit dem ersten ihrer „Infinity Mirror Rooms“; da war Bill Gates noch ein kleiner Junge – 1965. Die Einheit von natürlicher Umwelt und Kunstwelt im Zeichen des Punkts lässt sich derzeit im Botanischen Garten New Yorks besichtigten; auch dort findet eine große Kusama-Schau statt.

          Er half ihr, als sie noch ein unbekannter Neuankömmling in Amerika war: Dr. Teruo Hirose und Yayoi Kusama, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2007.
          Er half ihr, als sie noch ein unbekannter Neuankömmling in Amerika war: Dr. Teruo Hirose und Yayoi Kusama, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2007. : Bild: Bonhams

          Das Auktionshaus Bonhams wartet derweil, gleichfalls in New York, mit einem eindrucksvollen Ausblick auf den Beginn von allem auf: in Gestalt der elf frühe Arbeiten Yayoi Kusamas umfassenden Sammlung des Dr. Teruo Hirose, die am 12. Mai versteigert wird. Der japanische Kardiologe hatte wie seine Landsfrau Ende der Fünfzigerjahre seiner Heimat den Rücken gekehrt und sich in der amerikanischen Ostküstenmetropole niedergelassen. In der kleinen Expat-Gemeinschaft aus Fernost kreuzten sich ihre Wege, und es begann eine lebenslange Freundschaft. Hirose behandelte die Künstlerin, die seit ihrer Kindheit an Halluzinationen leidet – die aber auch Inspirationen für ihre Arbeit sind. Als Neuankömmling in New York verschlechterte sich ihr Zustand. Kusama schenkte dem Arzt zum Dank für seine Hilfe eigene Kunstwerke. Das meiste, was sie in Japan geschaffen hatte, war zwar von ihr vernichtet worden. Doch einiges von dem, was sie im Koffer mit nach New York gebracht hatte, ging in die Hände des Mediziners. Hinzu kamen später auf amerikanischem Boden entstandene Gemälde. Bis über Hiroses Tod 2019 hinaus blieb seine Kusama-Sammlung im Besitz der Familie; nun kommen die seltenen Werke auf den Markt.

          Aufbruch ins Grenzenlose: Yayoi Kusama, „Untitled“,1965, Öl auf Leinwand, 111 mal 130,8 Zentimeter, Taxe 2.5/3,5 Millionen Dollar.
          Aufbruch ins Grenzenlose: Yayoi Kusama, „Untitled“,1965, Öl auf Leinwand, 111 mal 130,8 Zentimeter, Taxe 2.5/3,5 Millionen Dollar. : Bild: Bonhams

          „Sun“ rangiert mit einer Erwartung von 40000 bis 60000 Dollar im unteren Drittel der Offerte, demonstriert jedoch eindrucksvoll, wie weit Yayoi Kusama schon 1953 von der Nihonga-Malerei entfernt war, die sie an der Kyoto School of Arts and Crafts studiert hatte. Der Punkt erweist sich als Nukleus ihres Schaffens. In „Flower 52“ (Taxe 20000/30000 Dollar), wie sämtliche Arbeiten auf Papier des Konvoluts in Öl, Gouache und Rötel gefertigt, kumulieren 1954 runde Formen auf schwarzem Grund zu einer Art rot-blau-grünem Zellhaufen, den fädige Formen wie ein weißes Flimmerepithel umschließen. Ein solches, gleichsam organisches Wachstum im Dunkeln, aus der Punkteinheit geboren, lässt sich auch in den anderen kleinformatigen Arbeiten der frühen Fünfzigerjahre beobachten.

          Vorformen der Polka Dots

          Rückblickend kommt man kaum umhin, in ihnen Vorformen der später für Kusama stilbildenden Polka Dots zu erkennen. Doch der Reiz des Beginnens liegt auch in seiner Unbestimmtheit und Offenheit: „Flower Petal“ von 1953 etwa (50000/70000), eine isolierte abstrakte Blüte auf einem 33,6 mal 31,6 Zentimeter großen Blatt, verrät die Bewunderung Kusamas für Georgia O’Keeffe. Dass Kusama eine der gestischen Malerei verpflichtete Künstlerin hätte werden können, offenbart indes die etwas kleinere Tuschezeichnung „Trees“ aus dem selben Jahr (30000/50000).

          Aus dem Fluss der Zeit: Yayoi Kusama, „Mississippi River“, 1960, Öl auf Leinwand, 60,3 mal 71,7 Zentimeter, Taxe 3 Millionen / 5 Millionen Dollar.
          Aus dem Fluss der Zeit: Yayoi Kusama, „Mississippi River“, 1960, Öl auf Leinwand, 60,3 mal 71,7 Zentimeter, Taxe 3 Millionen / 5 Millionen Dollar. : Bild: Bonhams

          Ein „Infinity Net“, dessen Anmutung zwischen Josef Albers’ Farbfeldmalerei und der Kunst der australischen Aboriginals schwebt, spannt indes das um 1965 in New York entstandene, 111 mal 130,8 Zentimeter messende „Untitled“-Ölgemälde auf Leinwand auf, das auf 2,5 bis 3,5 Millionen Dollar taxiert ist: Ein von gelben Punkten umgebenes weißes Rechteck wird nacheinander konzentrisch umschlossen von einem grünen, schwarzen, roten und wieder gelben Punkt, als könnte sich das unendlich fortsetzen.

          Höhere Erwartungen wecken nur die zwei Spitzenlose mit einer Schätzung von je drei bis fünf Millionen Dollar: Auf den Ölbildern „Mississippi River“ und „Hudson River“ aus dem Jahr 1960, die beide rund sechzig mal siebzig Zentimeter messen, strömen schwarze Flecken in kürbisorangefarbenen Flächen zu gewundenen Flüssen zusammen – einer großen Zukunft entgegen.

          Weitere Themen

          Weine doch, wenn es dir passt!

          Schauspiel Frankfurt : Weine doch, wenn es dir passt!

          Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ trägt autobiografische Züge und ist eine Kritik an der Gewalt, die von Männern ausgeht. Jetzt haben sich die Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt an eine Bühnenfassung gewagt.

          Im Bann des Exilgefühls

          Buch von Asal Dardan : Im Bann des Exilgefühls

          Wenn Gemeinsamkeiten die Unterschiede betonen: Asal Dardan wurde in Teheran geboren und kam als Kleinkind nach Deutschland. In dem für den deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch „Betrachtungen einer Barbarin“ erzählt sie vom Leben zwischen den Kulturen.

          Topmeldungen

          Benjamin Netanjahu hält am Sonntag, 13. Juni, eine Rede im israelischen Parlament.

          Bennett neuer Regierungschef : Netanjahus Abgang und eine Drohung

          Würdevoll verläuft die Amtsübergabe an die neue Regierung Israels nicht. Der frühere Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geht auf Konfrontation und kündigt seine Rückkehr an.
          Nach langer Verhandlung: Die Frankfurter FDP stimmt dem Koalitionsvertrag zu.

          Frankfurter Koalition : Weiter wach auf die FDP schauen

          Am Sonntag hat die Frankfurter FDP für eine Vier-Parteien-Koalition mit Grünen, SPD und Volt gestimmt. Doch trotz des Ergebnisses bedarf es kritischer und wachsamer Bürger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.