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Kunstversteigerer : Das Kaufinteresse ist da

  • -Aktualisiert am

Noch regiert die Unsicherheit, aber Rupert Keim vom Münchner Auktionshaus Karl & Faber erklärt im Gespräch wo er Licht am Horizont sieht.

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          Was sagen Sie – als Präsident des Bundesverbandes deutscher Kunstversteigerer – Ihren BDK-Mitgliedern zum Thema Corona?

          Bereits Mitte März wurden die Mitglieder zu den rechtlichen Fragestellungen, vor allem zu den Ausgangsbeschränkungen, informiert. Ein solcher Austausch erfolgt bis jetzt regelmäßig. Die Behörden der Bundesländer sind zunächst sehr unterschiedlich mit Auktionen umgegangen. Das hat sich mittlerweile angeglichen, es hätte sonst auch zu Wettbewerbsverzerrungen geführt.

          Welche Aufgaben hat der Verband in der aktuellen Situation?

          Der BDK hat sich an die Regierung gewandt mit der Forderung nach Erleichterungen für die Branche. Zum Beispiel, dass bürokratische Auflagen, die in den letzten Jahren die Mitglieder, meist kleine Familienunternehmen, trafen, zumindest abgemildert werden. Auch die Reduzierung der Mehrwertsteuer und der Einfuhrumsatzsteuer für Kunst kam wieder zur Sprache. Ein Ergebnis gibt es bis heute nicht. Das Bundeskulturministerium verweist darauf, dass ihm aus Brüssel die Hände gebunden seien.

          Saal-Auktionen mit weniger Publikum sind wieder gestattet, unter noch strengen Hygienevorgaben und Abstandsregeln. Was bedeutet das für die oft beschworene „Atmosphäre“ im Saal?

          Wahrscheinlich wird im Juli manches wieder möglich sein, was im April noch undenkbar schien. Allerdings waren schon vor Corona die Säle nicht mehr so gefüllt wie etwa noch vor zehn Jahren. Telefonbieten und Online-Bieten machen es den Kunden heute einfach, von zu Hause aus dabei zu sein. Das ist ja eine kundenfreundliche Entwicklung. Wer die Atmosphäre der Auktion spüren will, ist immer herzlich im Saal willkommen. Aber einmal ehrlich, wie viele der Besucher im Saal sind denn tatsächlich auch Bieter? Auch wenn es in der nächsten Zeit weniger Publikum geben wird, werden diejenigen, die im Saal mitbieten wollen, in aller Regel einen Platz bekommen. Meines Erachtens viel wichtiger ist die Möglichkeit, sich vor der Auktion die Werke im Original ansehen zu können. Da Vorbesichtigungen über mehrere Tage laufen, dürfte es hier kaum zu Engpässen kommen.

          Wird sich die stark vermehrte Praxis der Online-Auktionen auch nach der Pandemie behaupten?

          Unabhängig von der Corona-Krise gibt es bereits seit Jahren einen Trend zur Digitalisierung und zu Online-Versteigerungen. Die deutschen Kunstauktionatoren sind bereits recht gut gerüstet, allein der Handel mit hohen Stückzahlen machte das erforderlich und auch sinnvoll. Außerdem gibt es verschiedene Formate wie „Timed Auctions“, etwa bei Ebay, „Real Time Auctions“ ohne Saalpublikum, aber mit Auktionator, der live gestreamt wird, und „Online Live Bidding“ bei den regulären Saal-Auktionen. Die Wahl des Mittels hängt von der Art, der Menge und den Preisen der Objekte ab. Der Ausbau des Online-Bietens wird sich definitiv in Zukunft fortsetzen, besonders im unteren Preissegment bis um die 5000 Euro wird es die beherrschende Verkaufsform werden. Im Übrigen machen reine Online-Auktionen nur einen Bruchteil der Gesamtumsätze der traditionellen Häuser aus, aber sie sind wichtig für die Gewinnung von Neukunden, besonders bei der jüngeren Klientel.

          Werden auch die deutschen Häuser in Zukunft verstärkt auf Private Sales setzen, um Verluste im Auktionsbereich abzumildern?

          Das kommt auf die Größe und die Kapazität der Auktionshäuser an. In aller Regel spielen Privatverkäufe gegenüber den Auktionen eine untergeordnete Rolle. Denn die relativ großen Kostenapparate sind auf den Verkauf hoher Stückzahlen ausgelegt, und dafür sind Auktionen die beste Vermarktungsform. Manche Kollegen bevorzugen schon aus Werbezwecken die Auktion. Gerade bei teuren Werken kann man damit nach außen kundtun, wie toll man verkaufen kann. Die Meldung der Ergebnisse auf den Preisdatenbanken „Artprice“ oder „Artnet“ sind ihnen in der Außenwirkung wichtig. Fazit: Als zusätzlicher Service für die Kunden ist der Private Sale immer sinnvoll, aber das ist keine neue Entwicklung.

          Für die durch Terminverschiebungen erst demnächst stattfindenden Auktionen konnte noch vor der Pandemie akquiriert werden. Wie schätzen Sie nach jetziger Lage die Einlieferungssituation für den Herbst ein?

          Gegenwärtig bin ich etwas skeptisch. Auch viele Kollegen haben Sorge, dass der Herbst ziemlich holprig wird. Die faktischen Einschränkungen, Sammler aufsuchen zu können, sind in der Akquisition auf jeden Fall hinderlich. Die gegenwärtige Marktlage ist aber erstaunlich stabil, das Kaufinteresse ist da. Vieles wird davon abhängen, wie viele schlechte Wirtschaftsmeldungen wir in den kommenden Wochen hören werden. Das Schlimmste ist die Unsicherheit über die Entwicklung: Wenn man nicht weiß, wohin die Reise geht, gibt man ungern insbesondere teure Kunst aus der Hand. Wer sich traut, etwas in den Markt zu geben, was Qualität hat und sinnvoll geschätzt ist, wird belohnt werden. Im ganz zeitgenössischen Markt aber wird man aufpassen müssen. Den bilden die deutschen Auktionshäuser aber sowieso nur wenig ab.

          Viele der großen internationalen Häuser haben Kurzarbeit eingeführt. Wie sieht es damit in Deutschland aus?

          Auch das hängt von der jeweiligen Größe der Häuser ab – je größer der Personalstamm, umso wichtiger auch ein Instrument wie die Kurzarbeit. Die großen internationalen Häuser arbeiten ja sehr personalintensiv, auch aufgrund ihrer vielen Büros weltweit. Das drückte bereits vor der Krise erheblich deren Profitabilität. Die deutschen Häuser sind in der Regel inhabergeführt, die Familienmitglieder arbeiten im Auktionshaus mit. Da versucht man, Kündigungen möglichst zu vermeiden oder Kurzarbeit möglichst gering zu halten. Aber ja, mir sind Fälle in Deutschland bekannt, in denen Kurzarbeit angeordnet wurde. Die Firmen wollen ja überleben und auch in Zukunft noch ein hoffentlich guter Arbeitgeber sein.

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