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Kunstszene in Hongkong : Das Selbstbewusstsein wächst weiter

  • -Aktualisiert am

Stars im Zentrum, Entdeckungen an den Rändern: Eine junge Kunstszene etabliert sich in Hongkong. Der Rundgang durch ihre Galerien bestätigt die positive Entwicklung der Stadt.

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          Die dritte Ausgabe der Art Basel Hong Kong ist vorbei. Doch die gute Laune aufgrund durchweg sehr guter Verkäufe klingt in der Stadt noch nach. Wer es in der Messewoche nicht geschafft hat, kann jetzt die Galerien und Kunsträume dort in Ruhe entdecken. Die Kunstszene Hongkongs gestaltet sich dabei wie ein Spiegel der Messe: Die international agierenden Galeristen- und Künstlerstars besetzen das Zentrum, und die Kunst, die vor Ort entsteht und hier Bedeutung hat, muss man eher an den Rändern suchen. Die junge Szene versteckt sich an den unterschiedlichsten Orten in der ganzen Stadt - nur nicht in der Mitte, wo die Big Players sitzen. Der Stadtteil Central mit seinen Nobelboutiquen und -hotels scheint fest in der Hand jener Großgalerien zu sein, denen die exorbitanten Mieten nichts ausmachen.

          Zu den sehenswerten, erstmals in Hongkong gezeigten Künstlerinnen zählen hier Alex Prager aus Los Angeles mit ihren fiktiven Geschichten aus dem alten Hollywood, die sie in nostalgischen Farben bei Lehmann Maupin im Pedder Building erzählt, oder Ann Veronica Janssens mit ihrem konzentrierten Kabinett aus geometrischen Grundformen bei Vervoordt im Entertainment Building. White Cube an der Connaught Road feiert die Hongkong-Premiere der brasilianischen Künstlerin Beatriz Milhazes. Die vornehmlich chinesischen Sammlergruppen - vom White-Cube-Chef Jay Jopling im weißen Kleinbus an den Messetagen eilig hin- und hergeshuttelt - waren begeistert von den kostspieligen Prilblumen des brasilianischen Star-Exports, die gleichzeitig poppig und abstrakt genug sind, um niemandem weh zu tun (Preise 123.000 bis 900.000 Dollar).

          Rauher und kritischer, auch am blinden Fleck

          Abstrakte Kunst - das zeigte auch die Messe deutlich - entspricht den Rezeptionsgewohnheiten der in diesem Jahr so dominanten chinesischen Sammler, und die Mehrzahl der Galerien dort stellte sich darauf ein: Am Stand von Almine Rech aus Paris fanden Aaron Curry und Xu Qu zu einer knalligen Mischung aus Skulptur und graphischer Abstraktion zusammen, Eleven Rivington aus New York zeigte in der an Entdeckungen reichen „Discoveries“-Sektion den Neo-Minimalismus von Mika Tajima; die Liste ließe sich fortsetzen. Dazwischen prangten bunte, westliche oder westlich geprägte Pop-Art-Klassiker und spektakuläre Großinstallationen, die wie gemacht scheinen für die Möblierung der marmorglänzenden Lobbys der Wohn- und Geschäftshochhäuser, die das Stadtbild Hongkongs prägen.

          Rauher und kritischer zeigt sich die junge Kunst in der Stadt, die in Arbeitervierteln wie dem dichtbesiedelten North Point oder Aberdeen gezeigt wird, wo in betriebsamen Fabrikgebäuden die auf asiatische Kunst spezialisierten jungen Galerien zu finden sind. Die Galerie „Blindspot“ in Wong Chuk Hang zählt unbedingt dazu: Vor fünf Jahren gegründet, ist sie wohl der beste Ort, um mehr über die kaum bekannte Fotoszene der Stadt zu erfahren. Der Lärm der darunterliegenden Möbelfabrik dringt durch die dicken historischen Mauern, türkisblaue Farbe platzt dekorativ von den Wänden ab; in den Räumen der Galerie befand sich früher eine Wäscherei. Blindspot zeigt „Museum of the Lost“ des Hongkonger Künstlerduos Leung Chi Wo und Sara Wong, die auch Mitbegründer des ältesten Hongkonger Projektraums Para/Site sind. Sie stellen anonym gebliebene Protagonisten aus berühmten, über die Jahre gesammelten Pressebildern im leeren Studio nach. Die Vereinzelung und Vergrößerung dieser namenlosen Unbekannten ruft nicht nur das zugrundeliegende Ereignis noch einmal ins Bewusstsein. Sie illustrieren zugleich die Mechanismen massenmedialer Berichterstattung und selektiver Wahrnehmung (Auflage 5; je 6000 Euro).

          In Asien kommt die Kunst - von wo?

          In der trubeligen Satellitenstadt Aberdeen, die sich durch ihren Fischmarkt sehr nach Festland-China anfühlt, versteckt sich im altertümlichen Blue Box Factory Building die Exit Gallery. Exit zeigt die erste Einzelausstellung der 1984 geborenen Künstlerin Genevieve Chua aus Singapur. Für ihre Serie „Moths“ hat Chua eine Reihe dunkler Siebdrucke und Malereien auf Leinwand mitgebracht, die die Morphologie und zyklischen Verhaltensmuster von Motten in abstrakte graphische Strukturen übersetzen. Was lose an topographische Karten oder verzerrte Fernsehbilder erinnert, bildet die nächtlichen Wege der Motten während der Nahrungssuche ab oder den Rhythmus ihrer Flügelschläge zur Paarungszeit. Zugleich entwickelt Chua in ihren minimalistischen, objekthaften Arbeiten neue formale Strategien für die Ausführung und Präsentation des traditionellen Mediums Malerei (Preise 1000 bis 9000 Euro.)

          Zu den wenigen in der Stadt ansässigen europäischen Galeristen, die junge Kunst aus der Region vertreten, zählt seit fünf Jahren Édouard Malingue, Sohn des Pariser Galeristen Daniel Malingue. Zur Messe eröffnete er die Ausstellung „Two Rooms“ mit einer raumfüllenden Arbeit des chinesischen Künstlers Wang Wei. Auf die Wand gemalte, leere Landschaften scheinen direkt aus einem Naturkundemuseum gestohlen - und werfen Fragen auf: Wer ist Betrachter, wer Ausstellungsobjekt? Und wem gehören die Bananenschalen, die auf dem Boden liegen? „Das war die beste Messe, die wir je hatten“, resümiert Malingue, „und das nicht nur wegen der Verkäufe, sondern vor allem weil wir, auch hier in der Galerie, den Eindruck bekamen, dass die Sammlerszene sich zunehmend offener gegenüber jungen unbekannten Künstlern aus der Region zeigt und nicht mehr nur nach den großen chinesischen und internationalen Namen verlangt.“

          Eins wird nach diesem Rundgang durch die Stadt und ihre Szene auf jeden Fall deutlich: Nirgends stimmt der vom Westen ebenso unbedarft wie gebetsmühlenartig wiederholte Satz „In Asien kommt die Kunst von oben“ so wenig wie in Hongkong. Zu hoffen wäre nun, dass das gewachsene Selbstbewusstsein der jungen Künstler aus Hongkong, China und Singapur auch auf den künftigen Ausgaben der Art Basel Hong Kong verstärkt sichtbar wird.

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