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Kunstmessen : Hier bin ich hip, hier darf ich's sein: Die „Frieze Art Fair“ in London

  • -Aktualisiert am

London feiert die Gegenwart: Die „Frieze Art Fair“ war von Anfang an ein Erfolg; im dritten Jahr ist Londons Messe für zeitgenössische Kunst als feste Größe im Kunstbetrieb etabliert. Inzwischen sind 160 Aussteller dabei, und das weiße Zelt im Regent's Park hat sich gewaltig ausgebreitet.

          „Comfortable“ sei ihre Messe geworden, sagen die beiden „Frieze“-Gründer Matthew Slotover und Amanda Sharp, nicht zu groß, aber mit einem breiten Angebot zeitgenössischer Kunst, auch international genug - das ist freundliches Understatement: Nachdem die „Frieze Art Fair“ vor zwei Jahren mit 120 Ausstellern und einer konsequenten Ausrichtung auf zeitgenössische Kunst antrat, sind inzwischen 160 Aussteller dabei, und das weiße Zelt im Regent's Park hat sich gewaltig ausgebreitet. Man mußte anbauen, weil die Stände groß geworden sind. Die „Frieze“ war von Anfang an ein Erfolg, im dritten Jahr ist sie nun eine feste Größe im Kunstbetrieb: 450 Aussteller hatten sich beworben, nach wie vor stammen die meisten der Ausgewählten aus Großbritannien und Deutschland, es gibt neben Teilnehmern aus Polen, Schweden und der Türkei aber auch Galerien aus China oder Mexiko - und, unübersehbar, Amerikaner.

          Heimische Größen wie Toby Websters mit dem Modern Institute kombinieren den diagonal in vier Winkel aufgeteilten Stand mit einem zweiten Raum - es muß sich lohnen, denn nach der „Professional Preview“ waren Martin Boyce' hohes Gestänge (35 000 Pfund) und die Installation von Cathy Wilkes (20 000 Pfund) schon verkauft. Die aus Übersee Angereisten klotzen mit Namen und Formaten. David Zwirner hat Arbeiten von Isa Genzken aus den vergangenen zwanzig Jahren ausgebreitet, eine Suite aktueller Fotografien von James Welling an der Außenwand setzt Maßstäbe. Larry Gagosian packte Schnabel, Prince und Warhol aus. Die New Yorker Andrea Rosen und Gasser & Grunert haben die angesagte Szene im Gepäck.

          Gehängt, gestellt, zersägt

          Während Victoria Miro oder Jay Jopling die Weltberühmtheiten ihrer Programme in eleganten Kojen inszenieren, gestatten sich viele Aussteller profilträchtige Inszenierungen: Der Stand des Kölners Jörg Johnen, mit Pappe vom polnischen Künstler Michal Budny verkleidet, sieht aus wie das Innere eines riesigen Geschenkkartons. Die Schweizerin Eva Presenhuber gestattete Urs Fischer, die Wände ihres Standes mit der Flex zu zerschneiden, auch die Reststücke wurden in Skulpturen verwandelt. Es rieselt Papierschnee aus einer verchromten Maschine für 70 000 Dollar, die Ugo Rondinone von der Decke hängen läßt. Der zersägte Messestand selbst kostet 120 000 Dollar.

          Martin Klosterfelde hat ganz konventionell Kunst gehängt, gestellt und aufgesockelt. Doch der Galerist kommt ins Stocken, wenn man ihn nach Künstlervita und Preisen fragt und schickt die Kunden nach nebenan. Eine Koje weiter grüßt - Martin Klosterfelde; er hat dem Künstler-Duo Michael Elmgreen & Ingar Dragset die Standkonzeption überlassen. Sie wählten ein Video von Christian Jankowski aus, ein Buchobjekt von Kirsten Pieroth, Auflagenobjekte von John Bock und Vibeke Tandberg. Es entstanden zwei fast identische Kojen nebeneinander, selbst das Video ist synchronisiert, und Matthew Antezzo malte sein Doppelporträt von Jasper Johns und Robert Rauschenberg zweimal. Am liebsten wäre es Klosterfelde, den Doppel-Stand komplett zu verkaufen; während seinem Double dafür eine Summe von 120 000 Euro vorschwebt, gilt wahrscheinlich das Wort des Originals: 180 000 Euro.

          Sektfrühstück und Triadisches Ballett

          Nach den ersten beiden Jahren, in denen handverlesene Galerien vor allem Ware in bezahlbaren Formaten im teuren London installierten, lassen sich viele im dritten Jahr den Auftritt etwas kosten. Man weiß: Sammler und Kuratoren haben die Herbstreise gebucht, und es gilt nun, mit der Veranstaltung mitzuhalten: Die „Frieze“ hat ein Profil - auch weil das Rahmenprogramm, von Anfang an auf die reiche Londoner Szene gegründet, selbst Akzente setzt. Während die VIP-Sammler zum Champagner-Frühstück mit Sir Nicolas Serota in der Tate Modern oder zur Special Preview in die jungen East-End-Galerien geladen sind, haben Sharp und Slotover den documenta-Leiter Roger M. Buergel zum „Talk“ ins Zelt gebeten, Karlheinz Stockhausen hält einen Vortrag, und im Künstlerkino werden Raritäten wie Oskar Schlemmers Triadisches Ballett mit Merce-Cunningham-Filmen kurzgeschlossen.

          Künstler führen über die Messe, wahlweise hinter die Kulissen in die Küche und Kleideraufbewahrung (Martha Rosler) oder mitten in den Glamour. Matthieu Laurette hat Mode-Experten eingeladen, den Bekleidungsstil der Besucher zu bewerten. Daß gleichzeitig eine Kommission unter der Leitung der Museumsdirektoren Suzanne Pagé aus Paris und Paul Schimmel aus Los Angeles über die Messe bummelt und für 125 000 Pfund Kunst für die Tate-Modern kaufen darf, konterkariert jede Albernheit. Die Kuratoren entschieden sich in diesem Jahr unter anderem für eine Performance von David Lamelas am Stand des Belgiers Jan Mot für 20 000 Pfund, einen Karteikasten von Stanley Brouwn (15 000 Pfund), eine Skulptur des in London lebenden Brasilianers Alexandre da Cunha und einen Film von Anri Sala.

          Die assoziierte nichtkommerzielle „Zoo Art Fair“ im Norden des Parks ist ein Projekt für den Händler-Nachwuchs, das etablierte Galerien wie Alison Jacques, Jay Jopling oder Gimpel Fils unterstützen. Die kleine Messe gilt Einsteigern, keiner darf länger als vier Jahre dabeisein, und das Programm muß jung sein. In London, so viel ist sicher, hat sich ein heißumkämpfter Markt für zeitgenössische Kunst entwickelt. Amanda Sharp erinnerte daran, daß es in der Stadt Anfang der neunziger Jahre keine fünf nennenswerten Galerien gab - heute zählt sie mindestens vierzig.

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