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TEFAF Maastricht : Die Begierde lässt nicht nach

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Im Hintergrund regte sich Unmut – aber am Ende ist die Tefaf in Maastricht doch das weltbeste käufliche Museum auf Zeit – dieses Jahr mit besonderen Renaissance-Preziosen und anderen Raritäten

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          Kann man diesen Augen widerstehen? Dabei schauen sie den Betrachter nicht einmal an, sondern an ihm vorbei: Anselm Feuerbachs junger Römer, gemalt um das Jahr 1857, schaut in die Ferne und nimmt dabei die Haltung eines antiken Gottes an, und nur das wilde gelockte Haar verortet ihn in seiner Gegenwart. Das Bildnis stammt aus der Zeit von Feuerbachs prägender Italienreise, die er zwei Jahre zuvor begonnen hatte und die ihn über Venedig, wo er Tizian kopierte, über Florenz nach Rom führte. Sein Römer ist in den Farben auf eine für Feuerbach typische Weise gedämpft, ganz so, als hätte sich der Staub eines heißen römischen Sommertags als Schatten um die Augen und auf die in der Hitze ausgeblichenen Farben gelegt. Der derart dunkel umflorte Blick des jungen Mannes ist nun auch schon über eineinhalb Jahrhunderte alt, und dennoch findet er mit seiner hinreißenden Schönheit und seiner emotionalen Aura immer wieder neue Bewunderer bei Le Claire auf der Tefaf in Maastricht (Preis: 125.000 Euro). Der Hamburger Kunsthändler, der mit dem alten jungen Römer anreiste, schildert dazu anschaulich, wie fasziniert die römische Kunstwelt einst von jenem Giacomo Orlandi di Subiaco mit den wirren Locken gewesen sein muss, der dann auch noch von weiteren Künstlern wie Edgar Degas und Johann Niessen dargestellt wurde. Le Claire ist unter den 279 Ausstellern der Tefaf Maastricht 2019 einer der 40 neu zugelassenen Händlern und mit seinem Wechsel vom Salon du Dessin in Paris sehr zufrieden. Den 40 neu zugelassenen Händlern entspricht eine gleiche Zahl von Händlern, die nicht mehr auf der Tefaf zu finden sein werden, was oft enttäuschend ist. Neu ist zudem das nun transparentere Auswahlverfahren, das keine Möglichkeit des Einspruchs vorsieht. Diese diversen Maßnahmen führten zu einigen Misstönen, die jedoch nicht bis in die Messehallen vordrangen. Sie boten abermals das glanzvolle Bild eines (käuflichen) Museums auf Zeit: Gleich nach dem Eingang ist eine wunderschöne Liegende von Renoir zu sehen, die bereits in der ersten Stunde der Messe (oder schon zuvor) einen Käufer gefunden hat.

          Nach siebzehn Jahren ist die Galerie Gmurzynska wieder einmal in Maastricht präsent, mit großartigen Werken wie einem prachtvollen Gemälde von Leger (für 3,8 Millionen Euro) oder Louise Nevelsons gewaltiger schwarzer Arbeit aus den achtziger Jahren, die für 30.000 Euro zu erwerben ist und nicht ohne Mühe an einen neuen Bestimmungsort zu transportieren wäre. Die etablierte Moderne ist besonders eindrucksvoll mit dem Bildnis eines russischen Mädchenpaares von Otto Mueller vertreten. Gemalt hat Mueller dieses Bild in seiner bevorzugten Technik mit Leimfarbe auf Rupfen im Jahr 1919, als er seine erste Ausstellung in der Galerie Paul Cassirer hatte und eine Professor an der Breslauer Kunstakademie übernahm. Thomas Gibson offeriert ein grandioses Frauenporträt von Chaim Soutine für 2,1 Millionen und die wohl schönste „Vase de Fleurs“ von Odilon Redon aus dem Jahr 1905, die 2,2 Millionen Euro kostet.

          Es soll ja Sammler geben, die sich für eher untypische Werke großer Künstler begeistern. Ihnen wäre in der Galerie Landau Fine Art eine bezaubernde kleinere Bronzeskulptur von Henry Moore aus dem Jahr 1952 zu empfehlen, die seine Frau mit der Tochter auf einem Schaukelstuhl zeigt (1,1 Millionen Euro). Oder der kleine Mann, der auf einer kleinen Treppe sitzt, 1957 in grüner Patina von Henri Moore geschaffen. Bei diesem Händler fällt auch Giacomettis Werk „La clairière“ von 1950 ins Auge mit den neun extrem dünnen Figuren, die auf einer Platte stehen (22,1 Millionen Euro). Ein eindringliches Gemälde dieses Künstlers soll 18 Millionen Euro kosten. Bei Daxer und Marschall wird die Sammlung hohen Ranges von Asborn Lunde mit romantischen Landschaften angeboten, unter anderen mit den wunderbaren Bildern Johan Christian Dahls wie dem Bild mit dem Titel „View of Skjolden in Lyster“ von 1843, das 150.000 Euro kosten soll. Andere Zeiten, anderes Sujet: Colnaghi zeigt das entzückende Gemälde einer Madonna mit dem schlafenden Christuskind von Zurbarán, das mit zwei Millionen Euro zu haben wäre.

          Bei Van der Veen wird eine prunkvolle, 60 Zentimeter hohe Vase aus der Kang Xi von 1621 bis 1722 präsentiert, die eine seit Jahrhunderten lückenlose Provenienz aufweist und 90.000 Euro kostet. Einen von Schinkel von 1808 bis 1818 entworfenen ganz ungewöhnlichen goldenen Stuhl, der mit hängenden Palmenblättern verziert ist, zeigt man bei Neuse. Es handelt sich um einen Auftrag von König Friedrich Wilhelm von Preußen III., der mit diesen kostbaren Stühlen Lord Elgin, aber auch seine hochadligen Verwandten beschenkte. Und einer davon ist noch für 850.000 Euro zu haben. Heribert Tenscher hat dieses Mal keine wertvolle Buchkunst des Mittelalters zur Tefaf mitgebracht, sondern einen ganz anderen Schatz: seine „Univers romantique“ genannte Sammlung französischer Werke mit tausend Bänden und mehr als 1600 Originalzeichnungen, die er nur en bloc für 12 Millionen verkauft, am liebsten natürlich dem Romantikmuseum in Frankfurt. Ein wahrhaft kunstvolles Medaillon eines Laureaten, das Andrea della Robbia um das Jahr 1492 für Alfons von Aragón geschaffen hat, wird am Stand der Galerie Katz feierlich inszeniert und soll 1,7 Millionen Euro kosten.

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