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Kunstmesse : Spontane Verzückung

  • -Aktualisiert am

Die Fine Art & Antiques Fair in Palm Beach mausert sich immer mehr zu einer Spitzenschau. Bereits im zweiten Jahr gilt sie als amerikanische Ausgabe der Maastrichter Messe. Swantje Karich hat sich umgeschaut.

          Das Ausrufezeichen ist aus dem Namen der Palm Beach Fine Art & Antique Fair verschwunden - die Messe hat es nicht mehr nötig. Zum zweiten Mal unter der Leitung von Michael Mezztesta mausert sie sich zur Spitzenschau - bald vielleicht eine amerikanische Ausgabe der Maastrichter Messe unter der Sonne Floridas. Diejenigen unter den hundert internationalen Ausstellern, die im Frühling auch nach Maastricht kommen, beschreiben den Unterschied gern mit der spontanen Verzückung der Palm-Beach-Kunden: „I like it, so I buy it.“ Diesen Hang zur plötzlichen Eingebung lieben die Händler, deshalb sind sie hier - mit Spitzenwerken, aber auch mit vielen Tributen an die Dekorationsfreude. Denn auf der Palm Beach Fair treffen sich die reichen New Yorker, die hier in ihren mondänen Villen den Winter überbrücken und viel Zeit haben, sehr viel Geld auszugeben.

          Bei der Eröffnung kauften sie gleich den Juwelenstand von Graff nahezu leer, darunter einen tropfenförmigen pinkfarbenen Diamanten mit zwölf Karat für zehn Millionen Dollar. Ebenfalls für zehn Millionen Dollar bietet Whitfield Fine Art aus London eine kürzlich wiederentdeckte Madonna mit Kind und Johannesknaben von Andrea del Sarto an. Und zehn Millionen Dollar erhofft sich Whitfield für ein melancholisches Frauenporträt Pontormos: Es zeigt Francesca Capponi, die Pontormo als heilige Magdalena darstellt und die bereits bei Giorgio Vasari 1568 in den „Vite dei Pittori“ erwähnt wird. Whitfield, der auch in Maastricht auftritt, ist zum ersten Mal in Palm Beach; ihn stellt die New Yorker Armory Show nicht mehr zufrieden: „Unter den Besten war hier noch ein Platz für mich, und meine italienische Renaissance passt doch sehr gut in die Welt der Kopien italienischer Architektur.“

          Verstecktes Messe-Highlight

          Diese Besten - Bernheimer-Colnaghi, Noortman und Otto Naumann, Jack Kilgore oder Axel Vervoordt und einige andere - teilen die Kojen in den Hauptgängen untereinander auf. Ein Highlight der Messe ist ein kleinformatiges Gemälde und hängt hier ein wenig versteckt: In seiner Klarheit und Strenge besticht das späte Kircheninterieur von Pieter Saenredam aus einer Privatsammlung. Es ist das Letzte der vier Gemälde des Niederländers, die eine Innenansicht der Nieuwe Kerk in Haarlem zeigen (3,5 Millionen Euro). Das Kleinod findet sich am Stand des jüngst verstorbenen Kunsthändlers Rob Noortman, dem in diesem Jahr die Messe gewidmet ist. Sein Geschäft führen seine Mitarbeiterin Jeanette Gerritsma und sein Sohn William weiter.

          Flaggschiff des deutschen Handels ist auch dieses Jahr wieder Konrad O. Bernheimer; er ist mit einem François Boucher angereist. Das ovale Bild einer Dame bei der Morgentoilette kostet 1,2 Millionen Euro. Jack Kilgore und Otto Naumann aus New York bieten an ihrem Gemeinschaftsstand Jean-Léon Géromes Darstellung zweier italienischer Bäuerinnen mit einem Kind; zu Kilgores Bestand gehört Jacob van Loos „Meleager und Atlanta“, das die Außenwand des Stands schmückt (375.000 Dollar). Auch die Galerie Cazeau-Béraudière aus Paris gönnt sich vor Maastricht noch einen Abstecher nach Florida. Mitgebracht hat sie eine „Nature mort aux clés“ von Léger aus dem Jahr 1929. Die Pariser Galerie Tamenaga ist zum ersten Mal vertreten und zeigt einen ausgesprochen dekorativen Kees van Dongen „Jeune Femme aux Lys“ (3,5 Millionen Dollar). Typisches Flair verbreiten die Hammer Galleries aus New York; hier sieht der Besucher, wie sich der amerikanische Maler George Inness das italienische Perugia im Jahr 1872 vorstellte (750.000 Dollar).

          Ein Kuss von Rodin

          Deutsches Silber prunkt bei Marks aus London. Vier 78 Zentimeter hohe Kandelaber mit zehn Kerzenhaltern sind zu bestaunen; sie stammen aus dem Jahr 1870 und sorgen für königliches Ambiente (850.000 Dollar). Auch geküsst wird in Palm Beach: Paolo und Francesca bei der unterbrochenen Lektüre, wie Rodin sie festhielt in „Der Kuss“ - einen besonders schönen, sechzig Zentimeter hohen Guss bietet Bowman für 480.000 Dollar an. Sein Stand begrüßt die Besucher mit dem „Kuss“ und entlässt sie mit Franz von Stucks „Der Athlet“.

          Die jüngsten Teilnehmer der Messe sind Oliver Habel und Christian Niederhuber von Numisart: 2001 gründeten sie ihren Kunsthandel für Antike in München und stellen zum zweiten Mal in Palm Beach ihr Programm vor. Eine Eros-Skulptur (2./3. Jahrhundert n. Chr.) ist das Schmuckstück ihrer Koje (180.000 Dollar). Seidenteppiche aus der „Verbotenen Stadt“ fließen bei Danon aus Rom über die Wände, und bei William Siegal aus Santa Fe ist eine auffallende Maya-Maske der Blickfang (1 Million Dollar). Bei Phoenix Art schließlich windet sich ein Armreif aus der Bronzezeit wie eine Schlange bis nach Florida - für 80.000 Dollar.

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