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Kunstmesse in Abu Dhabi : Die Wiedergeburt in der Wüste

Abu Dhabi will zum Kunstzentrum der Vereinigten Arabischen Emirate werden. Ein Anfang ist gemacht.

          3 Min.

          Das in Weiß- und Beigetönen gefärbte Fort Qasr Al Hosn bildet das Zentrum von Abu Dhabi. Umrahmt von Wolkenkratzern, die in den Jahren des Ölbooms entstanden, hat das Fort die Geschichte des Emirats maßgeblich geprägt. Als Befestigungsanlage und Sitz der Al Nahyan Herrscherfamilie von 1761 an entstanden, bot es Schutz vor der Wüstensonne und räuberischen Eindringlingen. Es ist die älteste architektonische Struktur einer Stadt, die ihren Blick ganz in die Zukunft gerichtet hat. An diesem historischen Ort, wo die ersten Ölabkommen unterzeichnet wurden, zeigt der britische Künstler Oliver Beer, vertreten von der Galerie Thaddaeus Ropac, seine „Reanimation Paintings“. Er hat dafür Zeichnungen von mehr als tausend Kindern aus den Emiraten gesammelt und zu Videocollagen komponiert; sie stellen Fragen zum Postkolonialismus und sezieren die Popkultur des Westens. Grundlage der Zeichnungen sind Filme, die für die exotische Faszination an der Golfregion stehen, wie Lotte Reinigers Scherenschnittfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von 1926 oder der Disney-Film „Aladin“ von 1992. (Bis zum 29. Februar 2020.)

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Oliver Beers Installation war auch Teil der „Abu Dhabi Art“, die sich in ihrer elften Ausgabe besonders nationalen Künstlern gewidmet hat und dem Blick in die aufstrebenden Kunstmärkte Chinas und Indiens. Kleiner als in den Vorjahren, versuchte sich die Schau als Boutique-Messe neu zu erfinden, die wohlhabenden Sammlern der Region einen Ankerpunkt bieten und zugleich der Kunstszene der Vereinigten Arabischen Emirate eine Resonanzfläche für internationalen Austausch schaffen solle, so wünscht es sich Dyala Nusseibeh, die Direktorin der Messe. Dominierend waren großformatige Malereien und Installationen. So stellte die italienische Galerie Continua Leandro Ehrlichs Skulptur „El Avion“ von 2011 aus, die an ein Flugzeugfenster erinnert (85.000 Dollar), daneben Anish Kapoors spiegelnden „Split“ von 2016, mit 750.000 Pfund das teuerste Werk der Messe. Eine Installation des argentinischen Künstlers Leandro Ehrlich ist auch in der Oasenstadt Al-Ain zu sehen (noch bis zum Februar 2020).

          In der Sektion „Focus“, die Omar Kholeif kuratiert hatte, präsentierten Galerien aus den Emiraten und den Nachbarstaaten ihre Positionen. Jhaveri Contemporary, Bombay, zeigt die Porträtreihe „Untitled“ von Ali Kazim (Preise 10.000 bis 35.000 Pfund). Wie für eine ethnologische Studie untersucht er die Profile seiner Modelle: Melancholische Blicke, harte Gesichtszüge und ein Realismus, der an die Neue Sachlichkeit erinnert, zeichnen diese intimen Bildnisse aus. Die New Yorker Galerie Salon 94 stellt Arbeiten der Künstlerin Huma Bhabha vor. Auch ihre „Untitled“-Tintenzeichnungen von 2016 analysieren physiognomischen Ausdruck; in der gelben Farbigkeit ihrer Bilder erscheinen die Schattenseiten der menschlichen Seele.

          Im Ausstellungscenter Manarat Al Saadiyat findet die Fotografie derzeit einen würdigen Platz. Für die Reihe „East to East“, mit der die jungen Fotografen aus der MENA-Region unterstützt werden, hat man den in Belgien aufgewachsenen, marokkanischen Fotografen Mous Lamrabat gewählt. Er zeigt Frauen, die in Louis-Vuitton- oder Chanel-Burkas gekleidet sind und McDonald’s-Fritten ins Bild halten. Lamrabat kritisiert in seinen Fotografien die Durchdringung der islamischen Kultur mit dem westlichen Konsumismus – für eine Kunstmesse in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ist das eine subversive Geste.

          Im Gegensatz zu dieser Position widmet sich die Halle des „Al Burda Endowment“ dem Kulturerbe der jungen Föderation. Der Fonds wird vom Kulturministerium der Emirate getragen und fördert mit jährlich 500.000 Dirham (123.000 Euro) zehn Künstler, die sich zeitgenössisch mit islamischen Kunstpraktiken auseinandersetzen. Aisha Khalid entwickelte dafür aus der persischen Textilkunst geometrische Gouachen mit dem Titel „The Garden of Love is Green Without Limit“ (Preise 15.000 bis 18.000 Pfund). Ebenfalls religiös geprägt sind die Fotografien des Künstlers Ammar al Attar, sie stellen die Zeremonien zum Geburtstag des Propheten Mohammed dar. Und in einer Virtual Reality-Installation kann die für die Emirate typische Musikdarbietung „Malid“ mit traditionellen Holztrommeln immersiv verfolgt werden (Fotografien 3000 bis 8000 Dollar). (Bis zum 29.Februar; danach als Wanderausstellung in den Emiraten.)

          Abu Dhabi versucht, mit diesem Programm neue Wege einzuschlagen und die Kunstszene der Vereinigten Arabischen Emirate einem internationalen Publikum vorzustellen. Ob diese vom Kulturministerium geplante Aufbauarbeit fruchtet, wird sich im nächsten Jahr zeigen.

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