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Kunstmesse Artissima in Turin : Hungrig auf Begegnungen

Bei Giorgio Persano: Michelangelo Pistoletto, „Smartphone“, 2018, Serigraphie auf Spiegel, 150 mal 250 Zentimeter, Preis auf Anfrage. Bild: Galleria Giorgio Persano /Nicola Morittu

Auf die Auswahl kommt es an: Die Artissima, Italiens kuratierte Messe für zeitgenössische Kunst, präsentiert sich nach der Covid-Pause erschlankt und agil. Eine indische Sektion zeigt, was Neues aus Fernost kommt.

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          Zur Begrüßung gibt es jede Menge fordernde Slogans: „Get over yourself“, nimm dich nicht so wichtig, prangt bei dem Newcomer Sundy aus London auf Leinwand-Bannern von Marco Buzzone, die der Genueser Künstler dieses Jahr aus Klimaprotest im Meer versenkt hat. Getrocknet und veralgt zu haben sind sie für 10.000 Euro. Nebenan, in der Sektion „Dialogue/Monologue“, zeigt die Palermitaner Galerie Francesco Pantaleone zu Fotos der legendären Mafia-Dokumentaristin Letizia Battaglia Teppiche der Sizilianerin Loredana Longo (Preise auf Anfrage), auf denen man Sentenzen wie „Signals are good, actions are better“ mit Füßen treten könnte.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Zeichen setzen und handeln – darum geht es auch auf Kunstmessen, und die aus der pandemisch erzwungenen digitalen Versenkung wieder physisch aufgetauchte Artissima hat es sich auf die Fahnen geschrieben: Im fünften Jahr in Folge geleitet von Ilaria Bonacossa, will die kuratierte Messe Szenarien der Zukunft entwerfen und die Vergangenheit befragen. Das Motto „Controtempo“ hebt ab auf musikalisch freies Spiel mit rhythmischer Betonung. In ihrer 28. Ausgabe versammelt die Messe statt der zuletzt rund 200 Aussteller nur mehr 154 Galerien aus 37 Ländern, von denen knapp die Hälfte aus Italien kommt. Das sorgt für breite Gänge im Oval Lingotto, dem Glaspavillon, der 2006 als Eisstadion für die olympischen Winterspiele errichtet wurde. „Ideal“ sei die Teilnehmerzahl, meint Bonacossa, und tatsächlich war eine ähnliche Größenordnung schon vor der Covid-Krise angestrebt worden.

          Auch der Kunstbetrieb ist ein ewiger Kreislauf - oder nicht? Vikenti Komitskis Neon-Installation „The End of The Circle“ von 2019, Preis auf Anfrage bei der Galerie Fabienne Levy.
          Auch der Kunstbetrieb ist ein ewiger Kreislauf - oder nicht? Vikenti Komitskis Neon-Installation „The End of The Circle“ von 2019, Preis auf Anfrage bei der Galerie Fabienne Levy. : Bild: Courtesy of Fabienne Levy

          Dass der Gesamtumsatz entsprechend schmäler ausfallen dürfte, nimmt die Direktorin gelassen in Kauf. Die Artissima, getragen von der Stadt Turin und der Region Piemont, sei weniger von kommerziellem Druck getrieben als andere Messen, meinen auch Aussteller im Gespräch: ein Ort des Entdeckens, an dem vor allem heimische Sammler schlenderten, bevor sie zuschlügen.

          Für fast jedes Budget

          Entsprechend gemächlich lassen sich die Verkäufe an. Dauwens & Beernaert veräußert atelierfrische Gemälde von Loic van Zeerbroek und Charlotte Vandenbrouke für 2000 bis 10.000 Euro an ein Museum in den Niederlanden; Jocelyn Wolff bringt Zeichnungen von Miriam Cahn für je 8000 Euro unter; oben auf der Liste der von der Messe bekannt gegebenen Verkäufe am Preview-Tag steht mit 45.000 Euro die Galleria Mazzoli, bei der ein europäischer Sammler ein Acrylbild Mimmo Paladinos erstanden hat. Die Artissima will Anlaufstelle auch für Inter­essierte mit schlankerem Portemonnaie sein, wenngleich die Preise bei den Galerien mit den großen Namen in der Hauptsektion entsprechend anziehen.

          Mehr Luft zwischen den Kojen: Die Artissima zählt dieses Jahr nur 154 Galerien in der weitläufigen Halle des Oval Lingotto.
          Mehr Luft zwischen den Kojen: Die Artissima zählt dieses Jahr nur 154 Galerien in der weitläufigen Halle des Oval Lingotto. : Bild: Perottino-Piva / Artissima

          Was etwa die lebensgroße Serigraphie auf Spiegelglas kostet, die Michelangelo Pistoletto, der in Turin lebende Altmeister der Arte Povera, 2018 geschaffen hat, wird „on request“ preisgegeben. Pistolettos „Smartphone – Paar beim Frühstück“ zeigt die allgegenwärtige Auflösung der Tischgemeinschaft durch Handys. Seine eingängige Reflexion auf Kontaktverlust qua virtueller Vernetzung, die den Betrachter mit ins Bild holt, dürfte von bleibendem historiographischem Wert sein.

          Jung und alt, minimal und maximal

          Nur wenige Schritte weiter kommentiert die junge Französin Gillian Brett bei Canepaneri unseren Digitalkonsum. Für ihre Installation „Smart Food“ von 2019 hat sie Grillhähnchen, geformt aus in Plexiglas eingegossenen elektronischen Komponenten, aufgespießt. (3700 Euro). Jahrzehnte zurück geht es wieder bei der Galerie Lia Rumma, die Fotos von Aktionen Ulays und Marina Abramovićs mitgebracht hat (Preise auf Anfrage).

          Aufgespießt: Gillian Brett, „Smart Food“, 2019, Plexiglas, elektronische Komponenten, Stahl, Aluminium, Motor, LED, 87 mal 26 mal 24,5 Zentimeter, 3700 Euro bei Canepaneri.
          Aufgespießt: Gillian Brett, „Smart Food“, 2019, Plexiglas, elektronische Komponenten, Stahl, Aluminium, Motor, LED, 87 mal 26 mal 24,5 Zentimeter, 3700 Euro bei Canepaneri. : Bild: Canepaneri / Gillian Brett

          Die Nachbarschaft von Newcomern und Arrivierten, von Kleinteiligem und großem Aufschlag – wie dem Richard-Long-Solo bei Tucci Russo – ist Programm: Hauptsektion, Einsteiger und kuratierte, teils hybrid online und real präsentierte Abteilungen wie „Present Future“, „Back to the Future“ und das Segment mit Zeichnungen sind auf einer Ebene vereint.

          Indien an vielen Orten in der Stadt

          Hinzu kommt dieses Jahr neue indische Kunst im Hub India. die Bandbreite reicht von digitalen Arbeiten Harshit Agrawals, die Gesichtserkennung und Künstliche Intelligenz interaktiv einsetzen , bis zu abstrakten Bildern aus Bindi-Punkten auf Landkarten von Bharti Kher (Galerie Nature Morte, Neu Delhi), die Fragen nach Identität, Verortung und Erinnerung aufwerfen. Aus einem zunächst kleinen Vorhaben, sagt die Kuratorin Myna Mukherjee, sei ein immer größere geworden. Nun ist es nicht nur auf der Artissima unter der Überschrift „Maximum Minimum“ mit sieben Galerien präsent, sondern zeigt darüber hinaus Schauen mit aktueller Kunst vom Subkontinent in der Stadt: im Museum Palazzo Madama, dem Museum für orientalische Kunst und der Accademia Albertina. Diese Erweiterungen, sämtlich bis zum 5. Dezember zu sehen, sind ein Gewinn, ist doch das Gedränge in der Messekoje groß, wo die Werke ziemlich zusammengewürfelt wirken, und die Zeit zum Kennenlernen knapp.

          Bharti Kher, „'ve seen more things than I dare to remember 13“, 2015, Bindis auf Landkarte, 83mal 70.5 mal 4.5 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Nature Morte.
          Bharti Kher, „'ve seen more things than I dare to remember 13“, 2015, Bindis auf Landkarte, 83mal 70.5 mal 4.5 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Nature Morte. : Bild: Bharti Kher / Nature Morte, Neu Delhi

          Gewichtig ist mit 16 Teilnehmern der deutsche Beitrag. Bei König stellt Claudia Comte ihre Baumskulpturen „After Nature“ (ab 32.000 Euro) aus, die dekorativ vor einem klimakritisch mit flammendem Inferno bemalten Hintergrund stehen. KOW und Jocelyn Wolff teilen sich eine Koje, die unter dem Titel „Siamo ricchi in tutto“ (wir sind reich an allem) Körperbetontes vereint, darunter die von der 1946 in Ägypten geborenen Anna Boghiguian in Mischtechnik auf Leinwand gebrachten „Brains“ (45.000 Euro). Es gibt auch Digitalkunst und eine NFT-Plattform zu entdecken. Doch die Lust am Haptischen, Physischen, am Engagement durch direkten künstlerischen Austausch ist allgegenwärtig.

          Artissima, Turin, Oval Lingotto, bis 7. November, Eintritt 16 Euro.

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