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Art Karlsruhe : Frischer Wind aus Südwest

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Die Galerie Petra Kern aus Heidelberg hat Karen Shahverdyans Ölbild „Enthusiasts“ von 2022, 90 mal 140 Zentimeter, 17.000 Euro, mitgebracht. Bild: Petra Kern

Die zur Sommermesse avancierte Art Karlsruhe wird weiblicher und erkundet neue Formen der figurativen Kunst – auf allen Preisniveaus.

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          Jetzt reiht sich auch die Art Karlsruhe nach der Pandemiepause wieder ein ins Kunstmessenkarussell. Weit abgerückt vom bisherigen winterlichen Eröffnungsposten des Messejahrs kündigt die beliebte, den Südwesten des Landes abdeckende Veranstaltung an, künftig „auf Wunsch der Branche“ im Mai stattfinden zu wollen. Sicherlich halfen auch dieser Messe die mit Kulturfördermitteln des Bundes rabattierten Standmieten dabei, die unverminderte Größe von 215 Galerien aus zwölf Ländern zu halten. In Halle 3, wo diesmal die Sonderausstellungen gastieren, präsentiert sich Karlsruhe als bisher einzige von der UNESCO als „Creative City of Media Arts“ ausgezeichnete Stadt in Deutschland. Den Titel verdankt sie vor allem ihrem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), einem der führenden Häuser für Medienkunst, das hier dem kommerziellen, ganz auf klassische Bildmittel setzenden Messeangebot jüngere Techniken wie etwa interaktive Video­installationen gegenüberstellt.

          Die „Klassiker“ Malerei, Skulptur, Grafik und Fotografie bestücken unter dem Titel „Exklusiv weiblich“ eine weitere Sonderschau. Der Einblick in die Frauendarstellungen vorbehaltene Sammlung von Maria Lucia und Ingo Klöcker funkelt dank Künstlern wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Barbara Klemm oder Eric Fischl, um nur einige zu nennen, in bunten Facetten des Femininen – manchmal auch des Feministischen, wozu eine martialische, muskulöse „Salome“ von Werner Tübke ebenso beiträgt wie die mutige Hommage an nicht mehr junge, nackt und fröhlich umeinanderpurzelnde Ladys auf einem Riesenformat der amerikanischen Malerin Aleah Chapin.

          In der Galerie Schwarz: Max Neumann, Ohne Titel, 2016, Kombination aus Vinyl/Ölfarbe/Papier/Leinwand 200 mal 200 Zentimeter, 46.000 Euro
          In der Galerie Schwarz: Max Neumann, Ohne Titel, 2016, Kombination aus Vinyl/Ölfarbe/Papier/Leinwand 200 mal 200 Zentimeter, 46.000 Euro : Bild: Hans-Georg Gaul / Galerie Schwarz

          Ins solchermaßen fürs Frauenporträt geschärftes Auge springt am Stand der Berliner Salongalerie „Die Möwe“ Lotte Lasersteins verschollen geglaubtes Bildnis „Madeleine im Spiegel“ aus schwedischem Privatbesitz; schon bei der Preview klebte daneben ein roter Verkaufspunkt. Wie bereits auf früheren Ausgaben der Messe fällt die Menge figurativer Arbeiten auf, vor allem in sämtlichen Spielarten des Realismus. Valentien (Stuttgart) zeigt unter Neusachlichem Carl Grossbergs in den Dreißigern aquarellierte, romantisch windschiefe Altstädte wie jene von Nördlingen (25.000 Euro). Den ostdeutschen Realisten Bernhard Heisig und Volker Stelzmann gewährt Die Galerie (Frankfurt) viele Meter Wand, und bei Felix Jud (Hamburg) muss man schon genau hinsehen, um Peter Wels’ wie Schwarzweiß-fotos erscheinende Naturstücke und gischtige Wellenkämme als minutiöse Zeichnungen zu erkennen (4400).

          Tendiert schon Anna Lena Straubes Werkreihe „Renaissance 8“ bei Bengelsträter (Düsseldorf) mit Menschen in unwirklichen Räumen Richtung Surrealismus, treten die altmeisterlich gemalten Akte des gebürtigen Vietnamesen Nguyen Xuan Huy ziellos schwebend noch irrealer auf (bei Rothamel ab 9000 Euro). „Funny humans“ mag man da einem Äffchen mit Denkblase zustimmen, das Julian Hoffmann, der die seltene Technik der Hinterglasmalerei pflegt, bei Schimming zeigt (5800). Auf die Spitze treibt es der chinesische Künstler Yongbo Zhao mit nicht nur appetitlichen Phantasmen in Riesenformat bei KK (Essen), die ohne kunsthistorische Vorbilder wie Hieronymus Bosch nicht denkbar sind (40.000). Ruhige Kontraste stellen Werke wie Max Neumanns großer Schattenmann mit Ball dagegen. Die Greifswalder Galerie Hubert Schwarz preist ihn mit 46.000 Euro aus.

          Bei der Kunstmesse art Karlsruhe wird das Werk „Diversity“ von Rosali Schweizer aus dem Jahr 2022 gezeigt.
          Bei der Kunstmesse art Karlsruhe wird das Werk „Diversity“ von Rosali Schweizer aus dem Jahr 2022 gezeigt. : Bild: dpa

          Oder auch Abstraktes wie Rupprecht Geigers „Colours in the round“, bei Schlichtenmeier für je 2200 Euro zu haben (Auflage von 95), und ein Vorgeschmack auf Halle 2, die Druckgrafik und Auflagenobjekten vorbehalten ist. Ordnung und Zufall verbinden die seriellen Scheibenwischerreihungen, Pinselabwicklungen und Blasenbilder des oft noch unterschätzten Postwar-Avantgardisten Herbert Zangs bei Maulberger aus München (ab 3800 Euro). In einer der zahlreichen „One-artist-shows“, zeigt die Galerie Friese (Berlin) Arbeiten von Ambra Durante. Bekannt machte die 2000 in Genua geborene, in Berlin lebende Mehrfachbegabung ihre im Wallstein Verlag erschienene, nicht nur von Daniel Kehlmann hochgelobte Graphic-Novel „Black Box Blues“, die unter anderem davon berichtet, wie „alles vollzeichnen“ ihr angesichts innerer Abgründe hilft. Auf x-beliebigen Materialen gezeichnet, suchen und finden Durantes Umriss­figürchen in komplexen Labyrinthen aus Bild und Text Auswege aus persönlichen Dilemmata (ab 1100 Euro).

          Julian Hoffmann „Funny Humans“, 2021, Hinterglasmalerei auf altem Fenster 107 mal 75 Zentimeter
          Julian Hoffmann „Funny Humans“, 2021, Hinterglasmalerei auf altem Fenster 107 mal 75 Zentimeter : Bild: Galerie Schimming

          Zeitgenössische Kunst dominiert das Angebot, in Halle 4 mischt sie sich mit klassischer Moderne. So bezaubert bei der Galerie Thole Rotermund aus Hamburg eine halbe Wand voller marktfrischer kleiner „Ghosties“: Für Freunde und Familie zeichnete Lionel Feininger diese Geisterchen. Auch Gilden’s Art Gallery aus London bietet Papierarbeiten von Feininger und seiner Expressionisten-Freunde der Dresdner Brücke-Künstler. Halle 1 setzt nach 1945 an; mit Joan Miró, Antoni Tàpies, Eduardo Chillida und Antonio Saura brachte dort die Galerie Cortina aus Barcelona eine Garde gestandener spanischer Meister mit. Werken wie Emil Noldes Gemälde „Sonnenblumen mit Fuchsschwanz“, das Ludorff (Düsseldorf) für 850.000 Euro anbietet, sind Ausnahmen auf dieser Messe. Die Art Karlsruhe untermauert abermals ihren Ruf, für ein solides, fast jedes Budget bedienendes Angebot zu stehen. Doch sind weder deutliche Niveauschwankungen zu übersehen noch – bei aller Subjektivität des Begriffs – einige Portionen Edelkitsch.

          Art Karlsruhe, in der Messe Karlsruhe, bis 10. Juli, Eintritt 23 Euro.

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