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Kunstmesse Arco Madrid : Zeitgenössische Tiefenbohrungen

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Die Arco in Madrid: Das Angebot der Messe für Gegenwartskunst bleibt erfreulich vielseitig. Auch einige deutsche Künstler fallen auf.

          3 Min.

          „Es ist nur eine Frage der Zeit“: In Form großer Transparente zieren diese und andere Mahnungen die Stadt Madrid. Sie stammen vom kubanischen Künstler Félix González-Torres, der 1996 an Aids gestorben ist, und dem dreizehn heutige Künstler eine Hommage mit sozialkritischen Arbeiten auf der Arco widmen. Bei Chantal Crousel aus Paris etwa leuchten erhobene Hände der Black-Lives-Matter-Bewegung in Neon, ob sie schwarz oder weiß sind, ist nicht mehr zu unterscheiden. Das Werk von Glenn Ligon wird für 300.000 Dollar nur an ein Museum abgegeben. Maribel López, die Leiterin der 39. Arco hat 209 Galerien aus dreißig Ländern, 171 davon im Hauptprogramm, versammelt. Sie bieten Malerei und Skulpturen, Fotografie und Installationen. Eine frische Bilderflut, interessierte Sammler und gute Stimmung zeichnen auch diesmal schon den ersten Professional Day aus.

          Deutsche Künstler fallen auf. Bernd Koberlings malerisches Großformat „Deep to the Roots“ von 2018 hat die Galerie Kewenig aus Berlin und Palma gleich für 75.000 Euro an einen Madrider Sammler verkauft; ein kleineres in Rosa ist noch zu haben. Jonathan Meese hängt bei Krinzinger aus Wien für 57.000 Euro; die Galerie Tim Van Laere aus Antwerpen verlangt für ähnliche Arbeiten von Meese 65.000 Euro. Die Stiftung María Cristina Masaveu hat bei der Arco-Gründerin Juana de Aizpuru für 75.000 Euro „Intoxication“ von Markus Oehlen erworben, ein imposantes Ölbild von 1997. Zu den spanischen Stars gehört nach wie vor Miquel Barceló. Ein trübblaues Seebild gab die Galerie Elvira González, ein Madrider Schwergewicht, gleich am Eingang in Halle9 ab; 400.000 Euro kostete die Mischtechnik „Més endins“ von 2019.

          Politische Kritik gibt es auch diesmal in den Kojen. In der Galerie Forsblom aus Helsinki hat der in Madrid lebende Finne Riiko Sakkinen die Proteste gegen die Umbettung der Überreste des spanischen Diktators Franco zum Anlass für seine Satire genommen: Titel der Tuscharbeit ist „Franco war nicht so schlimm, wie man sagt“ (15.000 Euro). Forsblom hat auch ein Riesenformat von Secundino Hernández im Angbot (160.000 Euro). Bei ADN aus Barcelona steht noch eine Urne, in der Eugenio Merino die Asche der Menschenrechtserklärung von 1948 aufbewahrt (Auflage 5; 4000 Euro). Andere Entdeckungen liefert Anita Beckers aus Frankfurt. Sie zeigt zarte Materialzeichnungen Annegret Soltaus von 1978; unikate Vintage Prints setzen sich mit Schwangerschaft und Trennung auseinander (40.000 Euro). Wie Beckers bescheinigt auch Rafael Ortiz aus Sevilla und Madrid großes Interesse. Er konnte ein geometrisches Muster von Monika Buch aus dem Jahr 1974 an einen spanischen Sammler abgeben (10.000 Euro); die in Valencia geborene Schülerin von Max Bill erfährt seit einiger Zeit die verdiente Anerkennung.

          Bei Alvaro Alcázar aus Madrid ist eine Ansammlung gläserner Stelen der Blickfang. Der junge Künstler Miguel Sbastida ließ sie im vorigen Jahr in der Königlichen Glasbläserei herstellen und nennt sie „Klimaarchäologien“: Wie bei Bohrungen im Permafrost schimmern die Stelen je nach Lichteinfall; das attraktive Unikat ist für 30.000 Euro zu haben. Die 2,3 mal 4,7 Meter messende Acryl- und Aquarellarbeit auf Papier von Miki Leal aus diesem Jahr zeigt bei der madrider Galerie F2 sieben Asiaten unter dem seltsamen Titel „Sie könnten fliehen. Habt keine Angst“: Es ist eine Hommage an Akira Kurosawas berühmten Film „Die sieben Samurai“ (38.000 Euro). Erstmals auf der Arco ist die Galerie Albarrán Bourdais aus Paris und Madrid. Sie beweist Humor mit Triptychen von Dominique González-Foerster, die sich als Bob Dylan, Maria Callas oder, besonders gelungen, Klaus Kinski in Pose wirft (17.000 Euro). Eine Metall-Assemblage von Robert Rauschenberg aus dem Jahr 1987 ist unbedingt ein Blickfang; „Bumper Slip Late Summer Glut“ wartet bei Thaddaeus Ropac für 1,1 Millionen Euro auf ein Museum. Das schwergewichtigste Werk haben zweifellos Hauser&Wirth mitgebracht: Die gewaltige Granitskulptur von Eduardo Chillida, „Que profundo es el aire XVIII“ ist mit 5,75 Millionen Euro auch eines der teuersten Werke der Messe.

          Klassiker finden sich bei Leandro Navarro, etwa Salvador Dalís „El trunfo de Nautilo“ von 1941 (1,25 Millionen Euro). Marc Doménech aus Barcelona punktet mit einem ganz frühen und untypischen Bild von Joan Miró; für das sechzehn mal 22 Zentimeter kleine „Village“ von 1915 im kostbaren Rahmen sind 250.000 Euro angesetzt. Bei Francesca Minini aus Mailand und Massimo Minini aus Brescia lädt ein roter Teppich des Kubaners Wilfredo Prieto ein, sich einmal wie ein Star zu fühlen. In der Galerie geht das gratis, wer ihn mitnehmen will, muss 65.000 Euro für das Unikat von 2007 hinblättern.

          Arco Madrid. Im Parque Ferial Juan CarlosI., Madrid. Bis zum 1. März, täglich von 12 bis 20 Uhr. Eintritt am Samstag 40 Euro, am Sonntag 30 Euro. Katalog 40 Euro.

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