https://www.faz.net/-gqz-9z0hi

Kunstmarkt in Österreich : Mehr Investition in Sachwerte

  • -Aktualisiert am

Auktionshaus Dorotheum Bild: Dorotheum

Die Auktionshäuser in Österreich rechnen zuversichtlich mit Käufern, die Qualität wollen. Die Galerien sind deutlich besorgter.

          3 Min.

          Noch sind die Fenster des Wiener Dorotheums dunkel. Obwohl die Corona-Ausgangsbeschränkungen in Österreich schon Mitte April gelockert wurden, hat das größte Auktionshaus des Landes geschlossen, denn die Belegschaft befindet sich mehrheitlich in Kurzarbeit. Das heißt aber nicht, dass keine Zuschläge erteilt würden: Das Dorotheum bietet jährlich rund 700 Auktionen im Internet an. „Zum Glück hatten wir ein tolles erstes Quartal“, sagt Geschäftsführer Martin Böhm im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch über das Geschäft während des Lockdowns kann er sich nicht beschweren.

          Allerdings wurden die Spitzen-Auktionen von April auf Juni verschoben, um der Akquise noch mehr Zeit zu geben. Alte Meister, Klassische Moderne und Zeitgenossen werden dann per Livestream vor leeren Stuhlreihen versteigert, die Gebote müssen schriftlich oder telefonisch erfolgen. Böhm rechnet aber fest damit, dass die Offerte in einigen Wochen wieder im Hauptsaal besichtigt werden kann. Dank der großen Ausstellungsfläche des Dorotheums sollte eine Vorbesichtigung der Highlights trotz Abstandsregeln möglich sein.

          „Unsere Ware aus Italien haben wir im letzten Moment herausbekommen“, erzählt der Dorotheum-Chef zu den Losen, die über die Filialen in Mailand, Venedig und Rom kurz vor der Schließung der Grenzen importiert wurden. Die italienischen Dependancen müssen bis auf weiteres geschlossen bleiben. Trotz erschwerter Akquise bleibt Böhm auch dabei zuversichtlich: „Ich glaube, die Ware in mittlerer Preislage wird ein Markteinbruch nicht so stark treffen.“

          Vorteil hoher Liquidität

          Das Dorotheum wurde im Jahr 1707 als Pfandhaus gegründet und bietet diese Kreditform bis heute an. Sein Unternehmen hätte nicht zuletzt dadurch den Vorteil hoher Liquidität, betont Martin Böhm. So könnte es bei bedeutenden Einbringungen Vorschüsse leisten. Die Angst vor einer Inflation werde zu mehr Investitionen in Sachwerte führen. Böhm würde sich wünschen, dass der häusliche Rückzug während der Pandemie wieder eine höhere Wertschätzung von qualitätsvollen Alltagsobjekten, anstelle von asiatischen Billigimporten, mit sich brächte.

          Um staatliche Finanzhilfe hat das Dorotheum ebenso wenig angesucht wie sein Konkurrent im Kinsky. In seinem stattlichen Palais empfängt das Auktionshaus schon wieder Kunden. Auch im Kinsky mussten Veranstaltungen vertagt werden: Die 132. und die 133. Versteigerung wurden zusammengelegt, vom 23. Juni an treten sechs Sparten an. „Die Akquise wird wieder besser“, sagt Kinsky-Gesellschafter Michael Kovacek: „Ich habe gerade eben einen wunderbaren Albin Egger-Lienz bestätigt bekommen.“ Online-Gebote hat das Kinsky übrigens bereits vor fünf Jahren eingeführt.

          Der Kunsthändler Kovacek, der das Kinsky 1992 mitgründete, hat schon viele Krisen miterlebt. Er weiß aus eigener Erfahrung, was seine Branche gerade durchlebt. In der Wiener Innenstadt fallen in der aktuellen Situation die Touristen als Kunden für die Antiquitätengeschäfte weg, Messen finden nicht statt: „Der Handel sucht jetzt das Ventil der Auktionen.“ Kovacek ist überzeugt, dass der Kunstmarkt schneller als andere Bereiche der Wirtschaft wieder anspringen wird. Denn diese Waren müssten nicht extra erst produziert werden, und die Leute seien froh, wenn sie Qualität erwerben können.

          Die kleineren Wiener Auktionshäuser haben ihre Veranstaltungen in den Sommer verschoben. Wolfdietrich Hassfurther hat den 25. Juli anberaumt und lockt mit einem Akt von Egon Schiele und einem „Bauernsonntag“ von Alfons Walde. Bei Ressler Kunst Auktionen greift man derzeit den Künstlerinnen und Künstlern unter die Arme: Bei Resslers Corona-Benefiz-Auktion, die online abläuft, verzichtet das Auktionshaus auf seine Provision. Die nächste reguläre Versteigerung findet Mitte Juli statt.

          Anfang April hatten fünfzehn Wiener Galerien unter dem Titel „Not Cancelled“ einen konzertierten Netzauftritt inszeniert. Im Rahmen dieser Online-Kunstwoche wurde täglich Programm mit Interviews, Talks und Blicke hinter die Kulissen geboten. Auch Martin Janda beteiligte sich an dem Internetprojekt. Mittlerweile durften die österreichischen Galerien ihre Ausstellungen wieder öffnen. „Nur mit Wiederaufsperren ist es nicht getan. Der jetzige Einschnitt ist existentiell“, klagt Janda, der sich auch im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft für seine Branche engagiert: „Das Geschäftsmodell kleinerer und mittlerer Galerien wird von mehreren Seiten attackiert.“ Aufgrund der Fixkosten und der ausgefallenen internationalen Messen würde es die Unterstützung der öffentlichen Hand brauchen, appelliert Janda an die Kulturpolitik. „Wir vervielfachen die Ausstellungsflächen in der Stadt, leisten Vermittlungsarbeit und betreuen die Künstler. In einem Jahr könnte es das in dieser Breite so nicht mehr geben.“ Der Härtefall-Fonds der Wirtschaftskammer, bei dem Galerien wie andere Betriebe auf Basis ihrer Vorjahreseinkünfte ansuchen können, biete nicht viel mehr Hilfe als „einen Tropfen auf dem heißen Stein“.

          Was die Wiener Kunstmesse Viennacontemporary betrifft, so soll sie allen Unwägbarkeiten zum Trotz im September stattfinden. „Wir haben drei verschiedene Szenarien dafür in Planung“, sagt die künstlerische Leiterin Johanna Chromik. Das wäre tatsächlich auch ein wichtiges Signal an die Galerien. Auf alle Fälle werde die Schau von mehr als hundert auf sechzig bis siebzig Teilnehmer reduziert. Was sich auf dem Kunstmarkt derzeit digital abspielt, findet Chromik interessant, aber der Wunsch nach Interaktion sei im Netz nur sehr beschränkt zu erfüllen. So bleibt allein die Hoffnung, dass im Herbst die Galerienkojen die Lazarettbetten auf der Messe Wien ablösen können.

          Weitere Themen

          „Yellowstone“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Yellowstone“

          Die erst Staffel der Serie „Yellowstone“ ist beim Streamingkanal Sony AXN zu sehen.

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Warten auf Weihnachten

          Kunstauktionen in Wien : Warten auf Weihnachten

          Im Dorotheum und bei Kinsky kommt alte und neue Kunst zum Aufruf. Von Jan Brueghel bis zu Christo reicht das adventliche Angebot.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.