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: Was Schriftsteller im Museum sehen

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Köln ist seit je mehr eine Stadt der bildenden Kunst als der Literatur, trotz ihres Nobelpreisträgers Heinrich Böll. Erst das 1999 eröffnete Literaturhaus verrückt diese Ordnung, und inzwischen ist es so lebendig und unverzichtbar, dass es "seine" Autoren sogar zum Paragone ins älteste Schatzhaus der ...

          Köln ist seit je mehr eine Stadt der bildenden Kunst als der Literatur, trotz ihres Nobelpreisträgers Heinrich Böll. Erst das 1999 eröffnete Literaturhaus verrückt diese Ordnung, und inzwischen ist es so lebendig und unverzichtbar, dass es "seine" Autoren sogar zum Paragone ins älteste Schatzhaus der Stadt, ins Wallraf-Richartz-Museum, geschickt hat.

          Das Projekt "Bilder.Geschichten", das die Leiter beider Institute, Thomas Böhm und Andreas Blühm, initiiert haben, konnte neunzehn von ihnen dazu verführen, über ein Werk ihrer Wahl zu schreiben. Im Museum wird dafür sogar mehr Bequemlichkeit geboten, kann sich der Besucher doch endlich einmal anlehnen. Die Phalanx der quaderförmigen Bänke des Architekten Oswald Mathias Ungers durchbrechen Regiestühle, auf deren Lehnen die Namen der Interpreten stehen und auf dessen Sitzflächen die Texte liegen. Die Aufforderung, die Bilder zu lesen, lässt sich hier wörtlich nehmen, doch führen die meisten Einlassungen nicht so sehr in die Kunst hinein als - meist früher, teils später - zu dem Autor zurück, wenn nicht gar, über Analogie oder Assoziation, ganz woanders hin.

          Michael Lentz etwa verknüpft Caspar David Friedrichs "Eiche im Schnee" mit einer Begebenheit, die Bertolt Brecht im kalifornischen Exil widerfuhr, und Stefan Lochners "Weltgericht" bringt Leander Scholz auf die Frage aller Fragen. Viele Bilder lösen Erinnerungen an die Kindheit und Jugend aus. So glaubt Jürgen Becker in Max Liebermanns "Die Rasenbleiche" das Bauerngehöft seiner Groß- und Urgroßeltern wiederzuerkennen, Steffen Kopetzky sieht in Lovis Corinths "Selbstbildnis im weißem Kittel" auch seinen Großvater, einen passionierten Kopisten, porträtiert, und Hanns-Josef Ortheil führt Stefan Lochners "Mutter Gottes in der Rosenlaube" zu den Erdbeeren aus Großvaters Garten.

          Aus den meisten Begegnungen ist mehr über den Betrachter als über den Gegenstand zu erfahren, und das keineswegs nur biographisch. Norbert Hummelt, der Adolf Menzels "Gewitter am Tempelhofer Berg" mit einem Gedicht gleichen Titels belegt, oder Sabine Schiffner, die "Madonna mit der Wickenblüte" des Meisters der hl. Veronika zu einem lyrischen "triptychon" anregt, geben Einblicke in ihre Poetik. Ein Bild neu auszuleuchten - dieses Kunststück ist, in gerade mal drei Seiten, Dieter Wellershoff vorbehalten, der, kulturgeschichtlich beschlagen und psychoanalytisch gewitzt, James Ensors "Mädchen mit Puppe" (unser Bild) deutet. Nach der Lektüre sieht man es mit anderen Augen. ("Bilder.Geschichten". Schriftsteller sehen Malerei". Herausgegeben von Thomas Böhm und Andreas Blühm, Luchterhand Literaturverlag, München 2006, 128 S., Abb., br., 10,- [Euro].)

          aro.

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