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: Votivtafeln für die Verletzungen der Seele

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Es ist inzwischen fast Mode geworden, Frida Kahlo und den Kult um sie zu belächeln: Nachdem die Schauspielerin Selma Hayek das Leben der Künstlerin 2002 in die Kinos brachte, Madonna das Werk sammelt und für einen Preis von einer Million Dollar das "Selbstporträt mit Affe" aus dem Jahr 1938 kaufte, ...

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          Es ist inzwischen fast Mode geworden, Frida Kahlo und den Kult um sie zu belächeln: Nachdem die Schauspielerin Selma Hayek das Leben der Künstlerin 2002 in die Kinos brachte, Madonna das Werk sammelt und für einen Preis von einer Million Dollar das "Selbstporträt mit Affe" aus dem Jahr 1938 kaufte, eine regelrechte Industrie mit Frida-Kahlo-Merchandise-Produkten floriert, hat sich also der erwartbare Kitschvorwurf eingestellt. Aber ebender ist nur der einfache Reflex auf eine viel weniger einfache Frage: Worin genau liegt denn die Faszination von Frida Kahlo? Wie kommt es, dass eine 1907 in Mexiko geborene Künstlerin, die mit nur siebenundvierzig Jahren früh verstarb, für Generationen von Frauen in Europa, Amerika, Südamerika eine Ikone ist? Wofür steht sie?

          Dieser Herausforderung muss sich jede Biographie stellen, ganz gleich, ob sie für Erwachsene oder Jugendliche erzählt wird. Und wenn man Maren Gottschalks Biographie "Die Farben meiner Seele. Die Lebensgeschichte der Frida Kahlo" liest, erhält man tatsächlich eine Antwort. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt", beginnt die berühmte Erzählung von Franz Kafka über einen Mann, der sich in einen Käfer verwandelt. Eine Verwandlung ist auch das Leben von Frida Kahlo, allerdings in genau entgegengesetzte Richtung. Maren Gottschalk schildert sämtliche Hindernisse und Widerstände, die für Frida Kahlo das Leben, ihre Zeit und ihre Zeitgenossen bereithielten. Während Samsas Verwandlung ein allmähliches Absinken in die Hilflosigkeit ist, ein Dasein, als sprichwörtlicher auf den Rücken gedrehter Käfer, ist dies die Ausgangssituation für die mexikanische Künstlerin. Was folgt, ist eine Geschichte der Selbstermächtigung. Sie nimmt den umgekehrten Weg.

          Als sie am 17. September 1925, gerade achtzehn Jahre alt geworden, bei einem Busunglück schwer veletzt, sieht es tatsächlich so aus, als müsse sie ihr Leben hilflos, gleich einem auf den Rücken gewendeten Käfer verbringen. Aber für Kahlo ist der Moment, in dem sie in den Panzer eines Korsetts gesteckt und zur Bettruhe verurteilt wird, der Anfang ihrer Malerei. Im Krankenzimmer beginnt sie zu malen. Von Frida Kahlo, wird der Künstler und ihr späterer Ehemann Diego Rivera sagen, könne man lernen, wie man sein Schicksal selbst bestimmen kann.

          Um das auch zu sagen: Natürlich hat Maren Gottschalk keine literarische Erzählung wie Franz Kafka geschrieben. Ihre Sprache ist sachlich, von Mutmaßungen oder blumigen Ausschmückungen hält sie sich fern. Als Biographin hat die studierte Historikerin und Politologin einige Erfahrung, sie schrieb bereits Bücher über Nelson Mandela und Astrid Lindgren, und mit dieser Übung mag sie auch das feine Gespür für den Ton entwickelt haben. Sie macht Frida Kahlo weder wilder noch temperamentvoller, noch selbstbewusster, als es die historischen Dokumente hergeben. Sie hält sich an die Briefe und historischen Berichte, die überliefert sind, und montiert sie geschickt zu einer Biographie. Der Lebenslauf wird dabei von der Zeitgeschichte gerahmt, den politischen Ereignissen in Mexiko, den Vereinigten Staaten oder der russischen Revolution.

          Und so lernt man beim Lesen die drei Widersacher kennen, die sich Frida Kahlo immer wieder in den Weg stellen. Der erste tritt in wechselnden Gestalten auf und ist das Vorurteil, das Frauen als Künstlerin entgegengebracht wurde. Frida Kahlo wurde, trotz der Wertschätzung, ja sogar Bewunderung, die Künstler wie Picasso oder Breton für sie empfanden, doch durchgehend unterschätzt; sie selbst kam daher erst spät auf die Idee, dass sie tatsächlich von ihrer Kunst leben könnte. 1940 bewarb sie sich für ein Stipendium am New Yorker Guggenheim-Museum, ihre Bewerbung wird von Diego Rivera, André Breton und Marcel Duchamp unterstützt. Die Antwort lautet "nein", eine Entscheidung, die rückblickend in ihrer Absurdität kaum übertroffen werden kann.

          Der zweite Widersacher ist ihr eigener Körper. Nach dem Unfall, bei dem sich eine Eisenstange durch ihren Rumpf bohrt, muss Kahlo mehr als vierzig Operationen über sich ergehen lassen. Sie verliert drei Kinder noch während der Schwangerschaft. Ihre Schmerzen nehmen mit der Zeit nicht ab, sondern zu; die Zehen wird man ihr amputieren und schließlich ein Bein. Sie selbst wird in ihrem Werk immer den dritten Widersacher thematisieren: Diego Rivera, den gefeierten Künstler und Ehemann. Niemand unterstützt sie stärker als Künstlerin, und niemand verletzt sie dabei trotzdem mehr als Ehefrau. Zwei Mal werden die beiden heiraten, das erste Mal 1929, das zweite Mal 1941.

          Laut Kahlo reichen die körperlichen Schmerzen nie an die Qualen heran, die ihr die Untreue von Diego Rivera bereitet, der sie sogar mit der eigenen Schwester betrügt. Und eben dass sie ihre Schmerzen so anders gewichtet, den körperlichen Schmerz so viel weniger beachtet als den seelischen, darin liegt vielleicht das Geheimnis. Etwa hundertfünfzig Gemälde sind von Frida Kahlo erhalten, ein Drittel davon zeigen sie selbst. Ihre Porträts bleiben Votivtafeln für Verletzungen der Seele, auch dann, wenn sie in realistischer Manier Blut, Krankenhäuser, Operationen oder medizinische Geräte zeigen.

          JULIA VOSS

          Maren Gottschalk: "Die Farben meiner Seele". Die Lebensgeschichte der Frida Kahlo. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim, Basel 2009. 224 S., geb., 16,95 [Euro].

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