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: Vom Verlassen der Gefahrenzone

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Daido Moriyama ist der Fotograf mit dem Schnellfeuergewehr. Bildlich gesprochen. "Rattattattat", hört man es förmlich knallen, wenn man seine teils aberwitzig dicken Bildbände durchblättert. Denn Moriyama (Jahrgang 1938) knipst nicht, er ballert. Ohne durch den Sucher zu schauen, oft aus einer Drehung heraus, bisweilen in die entgegengesetzte Richtung, zu der er geht.

          Daido Moriyama ist der Fotograf mit dem Schnellfeuergewehr. Bildlich gesprochen. "Rattattattat", hört man es förmlich knallen, wenn man seine teils aberwitzig dicken Bildbände durchblättert. Denn Moriyama (Jahrgang 1938) knipst nicht, er ballert. Ohne durch den Sucher zu schauen, oft aus einer Drehung heraus, bisweilen in die entgegengesetzte Richtung, zu der er geht. Alles ist bildwürdig, sagt er - und fotografiert blindwütig um sich herum. Für die Undurchschaubarkeit der Welt und für das Chaos des Lebens hat er mit seinen oft unscharfen und verwackelten Fotos die adäquate Metapher gefunden. Wenn nichts Bestand habe, so vermittelte es bisher die unüberschaubare Flut seiner Schwarzweißaufnahmen, dann darf auch die Kunst keine Statik vortäuschen. Einerlei, wo er fotografierte, ob in seiner Heimat Tokio oder auf Reisen durch Amerika, Europa und Asien, stets widersetzte er sich den klassischen Kompositionsprinzipien mit anarchischem Impetus. Schön will man kaum eines seiner Bilder nennen. Alles Reine und Gefällige schien dem Fotografen zuwider. Am Ende bleibt ein Gefühl von Kälte, Leere und Ödnis. Eines seiner Bücher, sein radikalstes, voller grobkörniger, fehlbelichteter und mitunter kaum noch identifizierbarer Abbildungen nannte er "Farewell photography". Danach legte er die Kamera erst einmal zur Seite. Das war 1972. Als er einige Jahre später wieder zu fotografieren begann, kehrte etwas Ruhe in sein Werk ein. Jedoch nur optisch. Für seinen Reisefotoband "Gefahrenzone und Erotik" griff er, ohne hinzuschauen, die Bilder aus Stapeln Hunderter von Abzügen heraus.

          Nun nimmt Daido Moriyama wieder einmal Abschied. "bye-bye polaroid" heißt sein jüngster Bildband, mittlerweile sein wohl siebzigster, vielleicht sogar achtzigster. Es ist ein überraschendes und in der Friedfertigkeit, die es ausstrahlt, fast schon schockierendes Buch. Es erzählt von einem Streifzug durch Tokio, den Daido Moriyama im vorigen Jahr mit einer Polaroid-Kamera unternommen hat - in der Tasche die letzten Filme, die er nach dem Produktionsende des Sofortbildmaterials noch auftreiben konnte. Wiederum sind es zunächst belanglose Szenen und Motive, denen er sich widmet, Straßenecken, Treppen und Strommasten samt Kabeln, Passanten, Plakaten und Blumenblüten. Aber man merkt jedem Motiv an, wie der Fotograf dieses Mal vor dem Auslösen zögerte. Hier ging er nicht verschwenderisch mit dem Material um, wie er es mit dem Kleinbildfilm macht, noch eine Rolle und noch eine Rolle, sondern wog jedesmal ab, ob dieses Bild es wert sei, dafür ein weiteres Polaroid zu opfern. Fast meint man zu spüren, dass er mit dem Material zu geizen begann.

          So bedeutete sein Spaziergang nicht bloß den Abschied von Polaroid, sondern vielleicht auch die Abkehr von dem Bild der Welt als Mahlstrom. Als suche Moriyama nach einer Essenz der Stadt jenseits der Menschemassen, führt sein Buch in ein fremdes, stilles, bisweilen sogar idyllisches Tokio, in dem junge Paare mit Ruderbooten auf einem Teich unterwegs sind, bunte Regenschirme aufgespannt vor einem Laden hängen oder Bäume verschwenderisch ihre Blüten ausschütten, dies alles komponiert in befremdender Harmonie. Aber es gibt auch die vielen menschenleeren Gassen und Brücken, die ins Nirgendwo zu führen scheinen, weil an deren Ende Asphalt und Architektur zu einer schwarzen Fläche gerinnen. Dann beginnt man, in Regenrinnen und Straßenabsperrungen Symbole für Einsamkeit zu sehen. Und man liest ein Paar roter Pumps, den Blick auf ein Dekolleté und das versteinerte Lächeln von Schaufesterpuppen als Zeichen eines unerfüllten Verlangens. Programmatisch erscheint einem nun ein Foto gleich am Anfang des ebenso schlicht wie wundervoll gestalteten Buchs: Das riesige Auge aus einem Manga Comic, der Lidschatten gelb, die Haut drum herum blau, grelle Farben, fast ein wenig aggressiv, aber es geht ein Riss durchs Papier, in gerader Linie von der Pupille nach unten - er sieht aus wie die Spur einer Träne.

          Vom Gefühl der Verlorenheit und Orientierungslosigkeit berichten fast alle Fotobücher Daido Moriyamas. Keines aber war je so melancholisch wie "bye-bye polaroid". Vermutlich ist es Moriyamas persönlichstes Buch. Es ist wie der Beginn eines langen Abschieds.

          "bye-bye polaroid" von Daido Moriyama, 112 Seiten, 105 Abbildungen. Gebunden, 110 Dollar. Taka Ishii Gallery, 1-3-2-5F Kiyosumi, Koto-ku, Tokyo 135-0024, Tel.: 0081 / 3 / 56466050, E-mail: mashiyama@takaishiigallery.com., www.takaishiigallery.com. In Deutschland über: www.schaden.com.

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