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: Vom Spiel mit dem doppelten Boden der Malerei

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Wie viele von Édouard Manets Werken könnten wohl hinter den Regalmetern von Literatur über ihn verborgen werden? Die jüngsten zusätzlichen Zentimeter mehr - knapp fünf sind es immerhin - steuert der amerikanische Kunsthistoriker James H. Rubin mit seinem Buch "Manet. Initial M, hand and eye" bei.

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          Wie viele von Édouard Manets Werken könnten wohl hinter den Regalmetern von Literatur über ihn verborgen werden? Die jüngsten zusätzlichen Zentimeter mehr - knapp fünf sind es immerhin - steuert der amerikanische Kunsthistoriker James H. Rubin mit seinem Buch "Manet. Initial M, hand and eye" bei. Der wuchtige Bildband folgt zum Glück des Lesers keiner rigiden Methode. Offenheit der Interpretation ist Rubins erklärtes Ziel. Das Betrachten der Bilder soll beim Lesen nicht zu kurz kommen; für ein Buch mit dreihundertfünfzig Abbildungen eine plausible Maxime.

          Dennoch kommt Rubin nicht umhin, einige inhaltliche Pflöcke einzuschlagen und etablierte Ansichten von Manets Kunst zu gewichten. An vorderster Stelle steht für ihn die Ironie. Julius Meier-Graefe konnte im Jahr 1912 noch schreiben: Manet habe das Individuelle "fast ohne Ironie" verstanden. Für Rubin jedoch sind Humor und Ironie Manets Mittel der Wahl auf dem schwierigen Weg in die Kunstwelt gewesen. Dafür vor allem sei er berühmt geworden.

          Am Beispiel von Manets rechts abgebildeter Ansicht "La Jetée de Boulogne", heute im Van Gogh Museum in Amsterdam, lässt sich Rubins Blick für Ironie prüfen. Manet verzichtet auf einen natürlichen Horizont. Wären keine Schiffe im oberen Bereich des Bildes plaziert, man wüsste nicht, ob dort Himmel oder Meer ist. Stattdessen durchschneiden zwei Landungsstege das Bild, bevölkert von einigen Flaneuren. Die größte Gruppe schart sich um ein viertes Schiff, das zwischen den beiden Stegen angelegt hat.

          Am rechten Bildrand stehen ein Kind und eine Dame leicht abgesondert, blicken aus dem Bild heraus. Zwischen ihnen und uns liegt eine schmale Wasserfläche, in der rechten unteren Ecke des Bildes eine schwarze Boje.

          Wir können die Blicke der beiden auf das Meer nur ahnen, für uns gibt es dort kein Wasser, sondern Malerei. Als eindeutigere Realität hat Manet jedoch etwas hinterlassen: Mitten auf der Boje prangt seine Signatur. So zeigt das Seestück, warum Manet als der Künstler gilt, mit dem die Malerei ihren doppelten Boden und ihren Selbstbezug bekam. Aber Rubins Deutung geht darüber hinaus. Die Boje sei eindeutig ohne praktischen Nutzen. Dafür sei sie vom Strand nicht weit genug entfernt. Die Ironie ihrer Plazierung müsse sich jedermann, der sich an der Küste auskennt, erschlossen haben. Ist das aber nicht vielleicht ein Interpretationsschritt zu weit? Demonstriert Manet hier nicht einfach, wie absolut er über den gemalten Raum gebietet? Und zeigt sich als Schöpfer, dessen Figuren um ihre Herkunft wissen wollen und interessiert in Richtung der Signatur blicken?

          Zu diesem leisen Widerspruch fände man ohne Rubin allerdings nicht. Seine Interpretationen laden auf einnehmende Weise dazu ein, dem Charakter von Humor und Ironie bei Manet nachzuspüren. Vielleicht wundert man sich dann in spätestens hundert Jahren auch über diese Neigung wieder.

          FABIAN GRANZEUER

          James H. Rubin: "Manet". Initial M, Hand and Eye.

          Flammarion, Paris 2010. 416 S., Abb., geb., 98,- [Euro].

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