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: Trotzki musste draußen bleiben

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Das ist jetzt schon das fünfte Buch in einer Reihe, die von Mal zu Mal schönere Resultate hervorbringt. Begonnen hat alles vor zehn Jahren mit der Herausgabe des Berliner Adressbuchs des Komponisten Paul Hindemith aus der Zwischenkriegszeit. Walter Jens hatte die Idee, doch die Ausführung besorgte Christine ...

          Das ist jetzt schon das fünfte Buch in einer Reihe, die von Mal zu Mal schönere Resultate hervorbringt. Begonnen hat alles vor zehn Jahren mit der Herausgabe des Berliner Adressbuchs des Komponisten Paul Hindemith aus der Zwischenkriegszeit. Walter Jens hatte die Idee, doch die Ausführung besorgte Christine Fischer-Defoy, die sich als Historikerin wie Filmemacherin mit der Zeit des Nationalsozialismus und vor allem den deutschen Exilanten beschäftigt hat. In Hindemiths privatem Adressbuch spiegelten sich die Jahre der beginnenden NS-Diktatur: Freunde und Bekannte wurden gestrichen, der größte Teil der Berliner Musikkultur wurde binnen kurzer Zeit weitgehend ausgetrocknet oder vertrieben.

          Fischer-Defoy hat diese Veränderungen, die sich in Streichungen, neuen Adressangaben im Ausland oder kurzen Bemerkungen aus Hindemiths Feder artikulierten, im Anhang zu ihrer Faksimile-Wiedergabe der bekritzelten Seiten akribisch kommentiert. Und das war der grandiose Kniff: ein zeit- wie kulturgeschichtlich bedeutendes Dokument für einen großen Leserkreis aufzubereiten, indem man die Schicksale der Menschen um Hindemith in einem zusätzlichen lexikalischen, reichbebilderten Verzeichnis jeweils kurz erläutert. So entstand ein - zudem wunderbar gestaltetes - Lesebuch des inneren wie äußeren Exils; Hindemiths Adressbuch wurde nach 1938 nicht mehr aktualisiert, als auch er aus Deutschland emigrierte und zahlreichen Freunden und Kollegen nach Amerika folgte.

          Vier Jahre später wandte Fischer-Defoy das gleiche editorische Rezept auf das Adressbuch von Marlene Dietrich an; und 2006 folgten noch entsprechende Ausgaben der Adressbücher von Walter Benjamin und Heinrich Mann. Alle diese Personen standen in scharfer Opposition zum "Dritten Reich", und der jeweilige Schwerpunkt der Kommentierung lag auch ebendort. Doch nun hat Christine Fischer-Defoy erstmals den deutschen Kulturraum verlassen und auf ihre bewährte Weise ein bisher unveröffentlichtes Adressbuch zugänglich gemacht, das aus Mexiko stammt. Geführt hat es die Malerin Frida Kahlo bis zu ihrem Tod 1954.

          Allerdings wird die kleine Reihe damit konsequent fortgesetzt, denn erst einmal stammte Frida Kahlo väterlicherseits von Deutschen ab, und die Künstlerin war zudem als Angehörige der mexikanischen Kommunistischen Partei wie ihr Mann, der Maler Diego Rivera, politisch äußerst aktiv. Ihre Einträge umfassen deshalb wichtige Gewährsleute nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in den Vereinigten Staaten und Europa. Die wichtigste Phase für die Kommentierungen dieses Adressbuchs liegt wie bei den Vorgängerausgaben in den dreißiger und vierziger Jahren, als auch Mexiko zum Zufluchtsort für europäische Exilanten wurde, wobei Frida Kahlo vor allem mit einem Flüchtling intensiven Kontakt pflegte, den nicht die Nationalsozialisten, sondern die Bolschewisten verfolgten: Leo Trotzki.

          Kahlo gönnte ihm keinen eigenen Eintrag im Adressbuch, doch das mag daran liegen, dass sie selbst und Rivera Trotzki und dessen Frau Anfang 1937 im Familienheim der Kahlos beherbergten, der Caza Azul, in der heute das Original des Adressbuchs aufbewahrt wird. Dort führte eine internationale Kommission, der der amerikanische Philosoph John Dewey vorstand, im April 1937 eine Untersuchung durch, die sich den sowjetischen Vorwürfen gegen Trotzki widmete. Danach durfte er in Mexiko bleiben.

          Mit Frida Kahlo entwickelte sich eine kurzfristige Liebesbeziehung, die im Gegensatz zu manch anderer Affäre keine Spuren im Adressbuch hinterließ. Deshalb hat Trotzki im alphabetisch nach Namen geordneten umfangreichen Kommentarteil von Christine Fischer-Dufoy gleichfalls keinen eigenen Eintrag, aber gerade aus den verschiedenen Erwähnungen des Revolutionärs bei anderen Personen kann man wie in einem Puzzle die Beziehung zwischen ihm und Frida Kahlo rekonstruieren. Solche detektivische Freude macht einen der Reize bei der Lektüre aus. Ein weiterer wichtiger Reiz ist das Faksimile des schmalen Spiralbuchs selbst. Natürlich hat Kahlo zahlreiche winzige Zeichnungen zu einzelnen Adressen eingetragen, und den meist symbolischen Motiven kann man die Intensität der Beziehungen zu den Personen genauso ablesen wie den Farbwechseln. Mit kräftigem Magenta - eine der Lieblingsfarben der Malerin, die auch für den Umschlag gewählt wurde - sind etwa besonders liebe Freunde ausgewiesen.

          Frida Kahlo war Synästhetikerin, und Fischer-Defoy zitiert in ihrer Einleitung aus dem Tagebuch der Künstlerin zur Farbe Grün: "Blätter, Traurigkeit, Wissenschaft, Deutschland ist ganz in dieser Farbe." So kann man sich seine Gedanken machen über die grün eingetragenen Kontakte, zum Beispiel zum spanischen Dichter Léon Felipe, der als Republikaner vor Franco nach Mexiko geflohen war, oder zu einer Dame namens Barrena Gloria, deren Adresse später wieder gestrichen wurde und über die nicht einmal die unermüdliche Rechercheurin Fischer-Defoy (die nur einen großen Schnitzer gemacht hat, wenn sie Kahlo zum Zeitpunkt ihres Todes mit achtundvierzig Jahren ein Jahr zu alt macht) etwas hat herausbekommen können.

          Aber solche Leerstellen in der Biographie machen die Adressbücher noch interessanter. Keines der bisher fünf über die jeweiligen Bekanntenkreise dokumentierten Leben geht in den Einträgen auf. Aber wie schon bisher jedes Mal bekommen wir auch zu Frida Kahlos Biographie neue Mosaiksteine geliefert, und gleichzeitig ersteht in unserem Kopf die zwiespältige Situation einer körperlich wie seelisch schwerverletzten Frau, die in Kunst und politischem Engagement einen Ausweg zumindest aus den Zeitläuften findet. Das Adressbuch war für die meist Bettlägrige eines der wichtigsten Werkzeuge. Das wird es nun für Neugierige wieder.

          ANDREAS PLATTHAUS

          "Frida Kahlo. Das private Adressbuch". Hrsg. von Christine Fischer-Defoy. Koehler & Amelang, Leipzig 2009. 240 S., Abb., geb., 24,90 [Euro].

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