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: So kam er über die Deutschen

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Dass Georges Hyperion als der Fromme spricht, "der im Reich nie wandeln darf", kommentiert Osterkamp apodiktisch: "Reich ist nur, wo institutionalisierte Herrschaft ist, die sich in einem begrenzten Raum organisiert." In der Überlieferung der Deutschen wird das Reich aber als universales, der Idee nach grenzenloses gedacht. Darum waren ja deutsche Reiche den Nachbarn suspekt. Bei Osterkamp fehlt der Hinweis auf die Translatio imperii, den Glauben der Deutschen, das römische Reich sei schon im Jahr 800 auf sie übertragen worden. Auch nach dieser Übertragung blieb das Reich ein römisches. Hätte Georges Reich wirklich die Verwerfung der Antike zum Staatszweck, hätte er sie proklamieren müssen. An "völkischen" Beispielen solcher Absagen fehlt es nicht.

Georges Goethe gehen die Augen über, als er merkt, dass die Männer, die er in Säulenhöfen am geistigen Werk sieht, "Söhne meines volkes" sind, die die "Sprache meines volkes" sprechen. Ein "völkisch definiertes Reich" erkennt Osterkamp hier, aber es kommt auf das an, was der Seher hört: Das Heilige römische Reich war ein Reich deutscher Nation, zu deutsch: deutscher Zunge.

In einer früheren Strophe ist freilich vom Blut die Rede. Dieses Leitmotiv möchte Osterkamp bei jedem Vorkommen im Band im Sinne des "Biologismus" der Zeit ausgelegt wissen. Auch hier macht er fahrlässigen Gebrauch von einem wissenschaftlich festgelegten Begriff. Georges Ablehnung jedes Entwicklungsdenkens, die Osterkamp selbst herausstellt, spricht dagegen, ihn dem vulgärwissenschaftlichen Determinismus zuzuschlagen. Man wird das Blut zunächst als Symbol der Lebenskraft und des Adels zu verstehen haben.

Es befremdet, dass die Auseinandersetzung mit abweichenden Interpretationen unterbleibt. Friedmar Apel hat in einem von Osterkamp zitierten Band darauf hingewiesen, dass Goethe in "Goethes letzte Nacht in Italien" durch das deutschtümelnde Kritikerzitat "Hellas' lotus liess ihn die heimat vergessen" mit Odysseus identifiziert wird. "So ist der Blick des Dichters als einer bestimmt, der erst im Durchgang durch das Fremde zum Eigenen kommt." Auf den siebenundfünfzig Seiten, die Osterkamp dem Gedicht widmet, geht er auf die Odysseus-Parallele nicht ein.

Stattdessen will er belegen, dass George als Goethe nicht wie Goethe spreche. In dem Vers "Hier ward erst mensch der hier wiederbegonnen als kind" ersetze George den "pietistischen Wiedergeburtstopos, der für die Goethesche Italienerfahrung von zentraler Bedeutung ist, durch den neutralen Begriff des Wiederbeginns". Seltsam nur, dass im Hyperion-Kapitel derselbe pietistische Topos mit dem Hölderlin-Zitat "als wäre die alte Welt gestorben und eine neue begönne" illustriert wird, das auch nach Osterkamp vom echten Hölderlin und nicht von George stammt.

1998 edierte Osterkamp aus dem Nachlass Rudolf Borchardts die "Aufzeichnung Stefan George betreffend". Im Rückblick wirkt es kurios, dass der Herausgeber versicherte, es handele sich um eine Schrift über Borchardt, nicht über George. Borchardt betrieb dort Philologie als Dämonologie, nahm aber viele Thesen Osterkamps vorweg, so zur Transzendenzlosigkeit der von George gestifteten Religion, zur Abhängigkeit der poetischen Formen von der privatreligiösen Funktion. Schlagend die Wendung dieses Gedankens ins Typologische: "Seine Lyrik wurde in diesem Sinne nur zu einem Koran." Die blasse Variante bei Osterkamp: die durch Wiederholung entkräftete Botschaft als Mantra.

Borchardt entzauberte Georges Reich als die Alltagsphantasiewelt des Infantilismus. "Auf welches Stück Geographie sich diese Träume niederlassen sollten, um sich ihre buchstäbliche Verwirklichung zu erzwingen, war für ihre Autarkie nicht erheblich." Das immerhin beweist Osterkamps vergeblicher Versuch, aus dem "Neuen Reich" von 1928 das neue Reich von 1933 herauszulesen.

Ernst Osterkamp: "Poesie der leeren Mitte". Stefan Georges Neues Reich. Edition Akzente. Hanser Verlag, München 2010. 292 S., br., 19,90 [Euro].

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