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: Raum ohne Schatten

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Der Plan war alt, so alt und so ehrgeizig, dass kaum jemand daran glaubte, dass je noch etwas daraus werden würde. Schon 1891 war der Beschluss in der brasilianischen Verfassung verankert worden, eine neue Hauptstadt mitten im Land zu bauen, möglichst weit drinnen in den Savannen des Cerrado. Wenn ...

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          Der Plan war alt, so alt und so ehrgeizig, dass kaum jemand daran glaubte, dass je noch etwas daraus werden würde. Schon 1891 war der Beschluss in der brasilianischen Verfassung verankert worden, eine neue Hauptstadt mitten im Land zu bauen, möglichst weit drinnen in den Savannen des Cerrado. Wenn die Hauptstadt dort, tausend Kilometer von der Küste entfernt, liegen würde und nicht mehr in Rio de Janeiro, so der Plan, würde das die Infrastruktur des vernachlässigten Binnenlandes ankurbeln - aber niemand traute sich ernsthaft an diesen Plan heran, kein Regierender wollte weg vom Meer.

          Bis Juscelino Kubitschek kam: Der Sohn einer tschechischen Roma gewann 1956 mit dem Slogan "Fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren" die Präsidentschaftswahlen und machte ernst mit dem Projekt - und das Ergebnis ist bekannt: die von Lúcio Costa geplante Idealstadt Brasília, die in nur vier Jahren gebaut und 1960 eröffnet wurde. Auch dank der um große vielspurige Straßen herumgebauten Architekturskulpturen von Oscar Niemeyer galt sie erst als Inbegriff des Fortschritts und dann als Verkörperung der inhumanen Reißbrettstadt, bevor sie als Gesamtkunstwerk des Samba-Modernism wiederentdeckt wurde und man merkte, dass das Leben dort vergleichsweise gut funktioniert. 1960 lebten 68000 Menschen im Distrikt von Brasília, heute sind es mehr als zwei Millionen.

          Um das ultramoderne Zentrum herum sind Wohnviertel entstanden, deren Häuser mit Satteldächern und Sprossenfenstern eher die traditionelle Architektur des 19. Jahrhunderts zitieren - und während normalerweise im historischen Zentrum einer Stadt verwinkelte Gassen und die Betonbauten in der Vorstadt zu finden sind, ist es hier umgekehrt: Die historische, zum Weltkulturerbe zählende Altstadt ist supermodern, die Architektur der besseren Vororte umso entschiedener auf Tradition gebürstet.

          Die Künstler Lina Kim und Michael Wesely kamen 2002 nach Brasília. Wesely war vor allem durch seine Langzeitbelichtungen bekannt: Von 1997 bis 2001 hatte er eine fest installierte Kamera die größte Baustelle von Berlin am Potsdamer Platz belichten lassen. Was Kim und Wesely bei der Vorbereitung ihres Brasília-Projekts im dortigen staatlichen Archiv fanden, waren Zigtausende Fotos, die noch niemand gesehen hatte und die nicht nur vom Abenteuer des Baus einer Idealstadt, sondern auch von einer anderen, versteckten Moderne erzählen.

          Es heißt immer, Brasília sei im Nichts, in einer leeren Wüste gebaut worden. Aber Wüsten sind bekanntlich nie leer. Die Gegend war seit 4000 Jahren besiedelt, es gab indianische Ureinwohner, aber auch verarmte Weiße, die es hierhin verschlagen hatte. Auf sie stießen Niemeyer und Kubitschek, als sie 1956 zum ersten Mal an den Standort ihrer Idealstadt reisten; sie waren da, als Bauarbeiter mitten in den roten Staub ein Schild rammten, auf dem Zero, Null, stand. Von diesem Punkt aus wurden alle Achsen abgemessen, später wurde um das Schild herum das Erdreich abgetragen, bis plötzlich ein surrealer Felsen entstand, auf dem das Schild Null in den Himmel ragte.

          Die nächste Eisenbahnstation war 125 Kilometer entfernt, zur nächsten befestigten Straße waren es 640 Kilometer. Zum Bau der Stadt wurden Tausende von Arbeitern rekrutiert, und die mussten in den vier Jahren irgendwo wohnen und einkaufen. Also bauten sie sich eine Stadt - eine Art inoffizielles Brasília, eine Vor-Stadt mit provisorischen Hütten und Läden und Bankfilialen, Siedlungen, aus denen kleine Städte wurden, die keiner richtig geplant hatte.

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