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: Probelauf für einen öffentlichen Intellektuellen

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Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac pflegte seine Jahre als Unterleutnant in Algerien als "die aufregendste Zeit in meinem Leben" zu bezeichnen. Eine etwas irritierende Aussage, denn Chiracs Aufenthalt in dem nordafrikanischen Land fand während eines der blutigsten Dekolonisationskriege des vergangenen Jahrhunderts statt.

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          Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac pflegte seine Jahre als Unterleutnant in Algerien als "die aufregendste Zeit in meinem Leben" zu bezeichnen. Eine etwas irritierende Aussage, denn Chiracs Aufenthalt in dem nordafrikanischen Land fand während eines der blutigsten Dekolonisationskriege des vergangenen Jahrhunderts statt. Der Algerienkrieg von 1954 bis 1962 war charakterisiert durch Folter und Gewalt. Für Frankreich war Algerien nicht einfach nur eine Kolonie, sondern nach gültiger staatsrechtlicher Auffassung die Fortsetzung der Republik auf der anderen Seite des Mittelmeers, an der es unbedingt festzuhalten galt. Rund eine Million europäische Siedler lebten in dem Land. Die politische Führung in Paris wünschte und billigte daher die Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung "mit allen Mitteln". Die französischen Behörden und Militärorgane folterten im Guerrillakrieg gegen den Front de Libération Nationale (FLN) Gefangene und Zivilisten und führten Massenexekutionen durch; der FNL terrorisierte zeitweise die eigene Bevölkerung.

          Die offizielle Erinnerungspolitik Frankreichs verdrängte lange die Ereignisse in Nordafrika. Der Algerien-Krieg blieb in der staatlichen Sprachregelung über viele Jahre eine "Operation zur Aufrechterhaltung der Ordnung", ein Krieg ohne Namen. An wissenschaftlichen Publikationen zum Thema hat es zwar seit den sechziger Jahren nicht gemangelt, doch erst seit rund einer Dekade werden sie stärker wahrgenommen.

          Eine erstaunlich große Zahl von Politikern und Wissenschaftlern, welche Frankreich in den letzten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts stark prägen sollten, absolvierte im Algerien der Dekolonisationszeit ihren Militärdienst. Dazu zählten neben Chirac etwa Michel Rocard, Gaston Defferre, Jacques Derrida, François Furet, Marc Augé - und Pierre Bourdieu. Der studierte Philosoph wurde im Alter von fünfundzwanzig Jahren 1955 einberufen und in Algerien zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt. Einige Monate später erfolgte die Versetzung zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier, welches über eine der bestausgestatteten Bibliotheken des Landes verfügte, die Bourdieu sogleich intensiv nutzte.

          Der junge ehrgeizige Wissenschaftler blieb nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der dortigen Universität, verließ dann noch vor dem offiziellen Ende des Krieges das Land. Von der Philosophie war er zur Ethnologie und Soziologie konvertiert und forschte über die Transformation der städtischen und ländlichen Welt. Insbesondere die Berber-Gesellschaften fanden sein Interesse. Bereits 1958 erschien ein Bändchen zur Soziologie Algeriens. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren, sehr vielfältigen OEeuvre nahm er dann immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten "Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft", der in den frühen siebziger Jahren erschien.

          Viele der in Algerien entstandenen sowie später zu Algerien verfassten Texte Bourdieus liegen nun auch in einer deutschen Ausgabe vor, herausgegeben von der in Paris lehrenden Ethnologin und Berber-Spezialisten Tassadit Yacine, die auch eine informative Einleitung geschrieben hat. Die "algerischen Skizzen" sind in mehrfacher Hinsicht eine interessante Lektüre. Zum einen bieten sie einen Einblick in die Grundlegung von Bourdieus Sozialtheorie. Zum anderen vermitteln sie - gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen über den Kolonialismus und seine Folgen - faszinierende Einblicke in die spätkoloniale Gesellschaft Algeriens.

          Bourdieu betrieb unter den Bedingungen des Krieges intensive und zum Teil riskante Feldforschung. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den "entwurzelten" Bauern, die er in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern beobachtete.

          Bourdieu beschrieb diese Lager mit großer Präzision als Apparate des Überwachens und Strafens und dokumentierte sie überdies in eindrucksvollen Fotografien, von denen einige erhalten sind, aber leider nicht den Weg in das vorliegende Buch gefunden haben. Stephan Malinowski konstatierte kürzlich, dass auf diesen Fotos die Lager "in ihrer bis zur Karikatur geronnenen, geometrischen Ordnung und Sauberkeit" aussehen, "als hätte sie Michel Foucault persönlich angelegt, um seine eigenen Machttheorien vorzubereiten". Die französische Vertreibungspolitik in Algerien deutete Bourdieu mit scharfen Worten als einen Vernichtungsvorgang, der alle sozialen Einheiten der Gesellschaft nachhaltig erfasst habe. In diesem Zusammenhang analysierte er detailliert die von Gewalt geprägte und rasant ablaufende Veränderung der Wirtschafts- und Lebensweise, die Zerschlagung von Hierarchien, die zuvor Familien und Clans kulturelle Regeln geboten hatten.

          Früh mischten sich zahlreiche Pariser Intellektuelle in die Debatten über Algerien ein. Allen voran engagierte sich Jean-Paul Sartre gegen den Krieg in Nordafrika. Bourdieu, der selbst ein stets präsenter public intellectual werden sollte, hielt, wie er viele Jahre später einmal bemerkte, seinerzeit jedoch wenig von der Art und Weise, in der "schlecht informierte" Kolonialkritiker wie Sartre Position bezogen. Er sei betroffen gewesen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon, wie er zu beenden sei, und seinen eigenen Eindrücken. Diesen Erfahrungen kann man in der vorliegenden Edition nachspüren.

          ANDREAS ECKERT.

          Pierre Bourdieu: "Algerische Skizzen". Hrsg. und mit einer Einleitung von Tassadit Yacine. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer, Achim Russer, Bernd Schwibs u. a. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 523 S., geb., 32,90 [Euro].

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