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Pariser Lebensart : Très bourgeois

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Das Musée Jacquemart-André bezeugt ein ganzes Jahrhundert Sammlungsgeschichte: Dahinter steht das Schicksal eines Ehepaars.

          Seit einigen Jahren zieht das 1876 eingeweihte Stadtpalais mit seinen Ausstellungen ein großes Publikum an - derzeit wird als „Désirs & Volupté à l’époque Victorienne“ eine Privatkollektion englischer Malerei gezeigt. Doch das hôtel particulier am Pariser Boulevard Haussmann wird auch weiterhin vor allem seiner eigenen Sammlung und seines unverwechselbaren Flairs wegen besucht.

          Tatsächlich gehört das Musée Jacquemart-André zu jenen Pariser Gedächtnisorten, die ihr ganz eigenes Gepräge haben. Das Palais vermittelt beim Betreten zwar zunächst etwas einschüchternd Pompöses. Das Volumen der Fassaden, der hochherrschaftliche Zugang und seine Prunksäle im Eingangsbereich sind eindrucksvoll. Doch die Besucher schätzen die in ihrer Mehrzahl intimen Räumlichkeiten mit wechselnd gestalteten Wänden und Decken, in denen kleine und mittlere Formate zur Geltung kommen: Kunst des späten Mittelalters, der Renaissance und des Barocks in Italien, dazu Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich. Diese Kabinette und Zimmer mit knarzendem Parkett, edlen Tapeten oder Boiserien, prachtvollen Lüstern und faltenreichen Vorhängen - Boudoir, Fumoir, Salon de musique oder Wintergarten genannt - versammeln in unterschiedlich historisierendem Ambiente Gemälde, Plastiken, Möbel und Kunsthandwerk.

          Das Museum gehört dem Institut de France, seine kunsthistorische Leitung liegt bei Pierre-Nicolas Sainte Fare Garnot. Er verhalf dem in Dornröschenschlaf gefallenen Haus seit 1993 zu neuem Elan: Als das Museum im Pariser Nordwesten vor nun hundert Jahren - am 8. Dezember 1913 - von Staatspräsident Raymond Poincaré eröffnet wurde, konnte niemand den Erfolg und die Lebensdauer ahnen. Rasch fand es Liebhaber, zeitweise führte es ein Schattendasein, und schließlich ist es bis zum heutigen Tag am Leben geblieben.

          Das Musée Jacquemart-André ging aus der testamentarischen Schenkung einer Witwe an den französischen Staat hervor. Die Witwe hieß Nélie Jacquemart. 1881 hatte sie der Heirat zugestimmt, die ihr der vermögende Édouard André, einer der reichsten Männer im Frankreich jener Zeit, angetragen hatte: oder vielmehr dessen Familie, die offenbar eine Gattin für ihn gesucht hatte, der vom in seinen Kreisen unaussprechlichen Syphilisleiden betroffen war. Damals war Nélie Jacquemart eine junge, recht erfolgreiche Malerin. Stellte die Porträtsitzung, für die André in ihr Atelier kam, einen Grundstein ihrer platonischen Beziehung dar, so schweißte sie im weiteren Leben die gemeinsame Passion für Kunst zusammen - und die Idee, eine kleine Sammlung auszubauen.

          Der 1833 geborene Édouard André stammte aus einer weitverzweigten, mit Bankgeschäften wohlhabend gewordenen protestantischen Familie, die enormen Immobilienbesitz in Paris und ein Schloss im Tal der Marne verwaltete und zur Hautevolee gehörte. André erbte bereits im zarten Alter von neun Jahren ein Vermögen, und eine frühe Berührung mit der Kunst erfuhr er mit elf Jahren, als Franz Xaver Winterhalter ihn porträtierte. Winterhalter wird das später ein weiteres Mal tun, nämlich als feschen Uniformierten der Garde Républicaine. In dieser Zeit führte André wohl einen freizügigen Lebenswandel, der jene Spuren hinterließ, die ihm das Leben später zunehmend erschwerten.

          Die Anfänge seiner Kollektion, die zunächst der Schule von Barbizon galt, reicht in diese Zeit zurück; ein Paris-Führer zur Weltausstellung 1867 erwähnt ihn als aufstrebenden Sammler. Die 1841 geborene Nélie stammte aus bescheidenen Verhältnissen, wurde aber früh protegiert und in die Kreise der Aristokratie und des Finanzadels eingeführt. Sie studierte an der École des Beaux-Arts, stellte im Salon aus und wurde von der Kunstkritik lobend erwähnt, so in der „Gazette des Beaux-Arts“, einer der wichtigsten Zeitschriften der Zeit, die damals noch nicht, aber von 1872 an ihrem späteren Gatten mitgehören sollte. Während Nélie Jacquemart bis zu ihrer Heirat 1881 als Porträtistin tätig blieb - ihr OEuvre ist heute verstreut und kaum greifbar -, wandte sich Édouard André, der bis dahin dem Militär angehörte, auch der Angewandten Kunst zu und wurde zum Präsidenten der „Union centrale des arts appliqués pour l’industrie“ gewählt, aus der unter anderem das heutige Musée des Arts décoratifs an der Rue de Rivoli hervorgegangen ist.

          Andrés Erwerbung des Grundstücks am Boulevard Haussmann und der Bau eines prachtvollen Stadtpalais, der 1868 in Angriff genommen wurde, ließ die Idee der Gründung eines eigenen Museums entstehen, die sich nach mehr als dreißig Jahren Sammeltätigkeit konkretisierte. Nélie Jacquemart führte das Projekt nach dem Tod ihres Manns im Jahr 1894 bis zu ihrem eigenen Tod 1912 mit Hingabe fort. Dafür trugen beide auf zahlreichen Auktionen und Reisen eine gleichermaßen erkleckliche wie eklektische Kollektion zusammen: Aus ihrem Bestand ragt ein großes Fresko von Giambattista Tiepolo heraus, das für die Villa Contarini in Mira in Venetien entstanden ist. Außerdem gibt es das einnehmende Porträt, das Jean-Marc Nattier von Mathilde de Canisy, der Marquise d’Antin, gemalt hat, und zwei großartige Allegorien von Jean Siméon Chardin. Weiterhin sind Werke vertreten zum Beispiel von Honoré Fragonard und Jean-Baptiste Greuze, Andrea Mantegna und auch Rembrandt.

          Das Institut de France übernahm im Jahr 1912 mindestens 1200 Kunstwerke aus dieser Sammlung. Der altmodische Charme, der dem Haus bis heute eigen ist - und den man mittlerweile in allzu radikal sanierten Museen etwas vermisst -, hat seine Schattenseiten: Die Hürden in manchen Räumen, gerade der einst privaten Gemächern des Ehepaars Jacquemart-André, in denen die Besucher mit Seilen auf recht weiter Distanz zu einzelnen Werken gehalten werden, erinnert an Schlossbesichtigungen. Und trotz des aktuellen hundertjährigen Jubiläums sind einige Highlights des Bestands, darunter Paolo Uccellos „Heiliger Georg im Kampf mit dem Drachen“, derzeit in eine Ausstellung in Florenz verliehen. Aber das ist vielleicht gar nicht so sehr von Nachteil, weil auf diese Weise einmal andere Stücke, die aus Platznot ihr Dasein im Depot fristen müssen, nachrücken konnten.

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