https://www.faz.net/-gyz-145rb

: Morgengrauen in Kalkutta

  • Aktualisiert am

Wenn das Licht unwirklich schön ist oder eine Komposition besonders ausgewogen, dann sagt man auch bei einer Fotografie oft: "Wie gemalt!" - und missversteht das als Kompliment. Denn von den Konventionen und Ansprüchen der vermeintlich höheren Kunst hat sich das technische Bildmedium bis heute nicht wirklich lösen können.

          2 Min.

          Wenn das Licht unwirklich schön ist oder eine Komposition besonders ausgewogen, dann sagt man auch bei einer Fotografie oft: "Wie gemalt!" - und missversteht das als Kompliment. Denn von den Konventionen und Ansprüchen der vermeintlich höheren Kunst hat sich das technische Bildmedium bis heute nicht wirklich lösen können. Dabei sind die beiden Bildgattungen nur weitläufig miteinander verwandt. Viel näher steht der Fotografie die Bildhauerei. Anders als der Maler fügt der Fotograf seinem Bild eben nicht Detail für Detail hinzu, bis er meint, es sei vollendet. Vielmehr lässt er zuallererst weg, zumal der Reportagefotograf. Die Welt ist ihm ein Marmorblock, und der Sucher wird ihm zum Meißel. Er erfindet nicht; er legt nur frei. Geradeso wie Michelangelo, der über seinen David sagte, er hätte immer schon in dem Fels gestanden. Es hatte ihn im Steinbruch von Carrara vor ihm nur niemand bemerkt.

          Auch die Motive, die Barbara Klemm von Reisen mit zurückbringt, waren immer schon da. Um Sensationen ist es ihr so wenig zu tun wie um ausgefallene Momente. Sie sucht nach dem Gewöhnlichen und strebt dabei nach einer Reinheit, die uns den fremden Alltag verständlich macht - befreit von allen Kinkerlitzchen. Eine Ausstellung und ein Buch fassen nun zusammen, was sie, die bis zu ihrem Ruhestand 2004 fünfunddreißig Jahre lang Redaktionsfotografin dieser Zeitung war, auf Straßen in aller Welt gefunden und bloßgelegt hat - in den Boulevards der Großstädte ebenso wie entlang der staubigen Pisten durch die Provinz.

          Hier zeigt sie uns eine mexikanische Straßenhändlerin, die ihr spärliches Angebot auf einer Plane auf dem Bürgersteig ausgebreitet hat; auf einem Sack das schlafende Töchterchen. Dort zwei Zulu-Frauen, die, an eine Hauswand gelehnt, auf dem Boden sitzen, die eine ihr Kind an der Brust. Dann wieder beobachtet sie einen Mann, der sich im Morgengrauen in Kalkutta mit einem Korb und einem Blechtopf in den Händen aufmacht zu seinen Geschäften. Oder Alte auf einer Parkbank in Peking bei ihrem Mittagsimbiss. Das wirkt mitunter wie en passant entstanden, aber besticht stets von neuem durch die Anmut, die Barbara Klemm diesen Situationen entlockt. Dass ihre Sympathie denen gilt, die gern als die kleinen Leute bezeichnet werden, und nicht selten den Ärmsten unter den Armen, ist nicht zu übersehen. Auf polierten Marmor legt sie keinen Wert, ihr genügt stumpfer Sandstein. Dennoch braucht die Bäuerin in Galizien, die ihre Ernte auf dem Kopf vom Feld nach Hause trägt, den Vergleich mit den Karyatiden der Klassik nicht zu scheuen. So adelt Barbara Klemm das einfache Leben.

          Und natürlich ist es vor allem das einfache Leben, das sich auf der Straße abspielt: Bettler vor Schaufensterscheiben, Männer auf dem Weg zur Arbeit, Liebespaare an der Bushaltestelle. Großes Welttheater ist es nicht, was Barbara Klemm unter dem Titel "Straßen Bilder" zusammengefasst hat - aber es spiegelt sich die Welt hier auf so vielfältige Weise, dass man den umfangreichen Bildband als Erdkundebuch bezeichnen möchte. Kein Kontinent fehlt bei dieser Reise um den Erdball, gut fünfzig Länder verzeichnet das Register. Und vielleicht haben wir es hier sogar mit einer Art Sittengeschichte des öffentlichen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert zu tun - einer Welt, die von der Globalisierung noch nichts weiß, sondern Raum lässt für unterschiedliche Lebensweisen und Moden und gerade deshalb am Ende viel Allgemeingültigeres ausstellt als jegliche Internationalität.

          "Barbara Klemm - Straßen Bilder", Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, Domstraße; bis 22. November. Der gleichnamige Bildband mit Texten von Hans Magnus Enzensberger und Barbara Catoir ist im Nimbus Verlag, Wädenwil, erschienen. 256 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 54 Euro.

          Weitere Themen

          Historische Lichtblicke

          Auktion bei Reiss & Sohn : Historische Lichtblicke

          Bei Reiss & Sohn in Königstein kommen illustrierte Werke aus der Frühzeit der Wissenschaften zum Aufruf. Als besonderes Highlight sind Bücher zur Geschichte der Optik dabei. Da darf Goethe nicht fehlen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.