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: Mit Glut und Eiseskälte

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Um Gabrielle Chanel wird es nicht still. Nach zwei Verfilmungen ihres Lebens erscheinen immer weitere Monographien über jene Frau, die den einen Coco und den anderen Agentin F-7124 mit dem Codenamen Westminster war. Damit bezog sich die deutsche Abwehr auf den britischen Liebhaber der Pariser Modedesignerin, den zweiten Herzog von Westminster, Hugh Richard Arthur Grosvenor, genannt Bendor.

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          Um Gabrielle Chanel wird es nicht still. Nach zwei Verfilmungen ihres Lebens erscheinen immer weitere Monographien über jene Frau, die den einen Coco und den anderen Agentin F-7124 mit dem Codenamen Westminster war. Damit bezog sich die deutsche Abwehr auf den britischen Liebhaber der Pariser Modedesignerin, den zweiten Herzog von Westminster, Hugh Richard Arthur Grosvenor, genannt Bendor. Er war nicht nur der reichste Mann Englands, sondern auch ein Freund des Prinzen von Wales und ein enger Vertrauter Winston Churchills. Für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg hoch gelobt, war er zugleich bekannt für seine antisemitischen Ansichten und eine im britischen Hochadel nicht eben seltene deutschlandfreundliche Haltung. Die dabei ausschlaggebende Furcht vor Stalins roten Armeen war auch Chanel nicht fremd, hatte der Exodus des vorrevolutionären russischen Establishments in ihrer Karriere und ihrem Privatleben doch mannigfaltige Spuren hinterlassen.

          1920 begann sie eine Affäre mit dem Großfürsten Dmitri Pawlowitsch, Cousin ersten Grades von Nikolaus II., einem an der Ermordung Rasputins beteiligten Anwärter auf den Zarenthron, dem seine Verbannung das Leben rettete. Chanels Alimentierung des mittellosen Romanow verschaffte ihr Kontakt zum russischen Exiladel, aus dem sie zahlreiche Mitarbeiterinnen und Multiplikatorinnen für ihr prosperierendes Modeunternehmen rekrutierte. Durch Dmitri lernte sie auch Ernest Beaux, den früheren Parfumeur des Zaren kennen: Seine Anstellung brachte ihr die Erfindung von Chanel No 5 ein, jener auf Jasmin basierenden Geheimformel, die ihr ein sorgloses Leben bis ins hohe Alter sicherte.

          Chanel verstand es auf stupende Weise, aus jeder Liaison geschäftlichen Gewinn zu schlagen. Zwei frühe Liebhaber finanzierten die Eröffnung ihrer ersten Boutique, ihr Techtelmechtel mit Strawinski führte sie Diaghilew zu, der die Kostüme für sein bahnbrechendes Ballett "Le Train Bleu" bei ihr bestellte. Der Großfürst und sein Kreis inspirierten sie zu ihrer russischen Periode, und mit Bendor zog der englische Stil in Paris ein. Doch es war ihr Geliebter der Besatzungsjahre, Baron Hans Günther von Dincklage, Kosename Spatz, der ihren atemberaubenden Seiltanz zwischen mondänem Kurtisanenleben und entsagungsvoller Couturierexistenz wie kein anderer auf die Probe stellte.

          Manches über Gabrielle Chanels Verstrickung in die deutsche Causa munkelte man sich schon im besetzten Paris zu. Kurz nach ihrem Tod 1971 erinnerte die "Herald Tribune"-Modekritikerin Hebe Dorsey an diese Schattenseite, indem sie auf Papiere in französischen Archiven hinwies, die Chanels Besatzungsbeau Dincklage als "gefährlichen Agenten des deutschen Geheimdienstes und wahrscheinlich der Gestapo" führten.

          Auch Edmonde Charles-Roux, einst Résistance-Mitglied und Chefin der französischen "Vogue", entwirrte in ihrer auf Interviews mit Zeitzeugen basierenden Chanel-Biographie von 1974 zahlreiche Fäden. Nicht zuletzt kam dabei Chanels juristisch betriebener und auf die antisemitischen Vichy-Gesetze pochender Versuch zur Sprache, das Parfumunternehmen der ins amerikanische Exil geflüchteten Gebrüder Wertheimer enteignen zu lassen: Seit langem hatte sie ihren Zehn-Prozent-Anteil am Erlös als ungerecht niedrig empfunden; vom Nazi-Regime erhoffte sie sich nun den großen Reibach.

          Wie der ehemalige amerikanische Geheimdienstoffizier Hal W. Vaughan in seiner Biographie berichtet, wurde 1946 gegen Chanel ein Kollaborationsverfahren eröffnet, drei Jahre später reiste sie aus ihrem Schweizer Exil an, um sich dem Gericht zu stellen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer blendenden Verteidigung ließ man die Anklage vorläufig fallen. 1954 war nach Einschätzung Chanels genug Gras über die Sache gewachsen, um ihr Couture-Comeback zu wagen. Paris verpönte aus mehr als nur modischen Gründen ihre erste Kollektion, doch Amerika war begeistert. Mit weiblichen Trendsettern wie Jackie Kennedy, Romy Schneider, Jeanne Moreau, Jane Fonda und Marilyn Monroe im Schlepptau übertrumpfte die Siebzigjährige in den zwei letzten Lebensjahrzehnten ihre eigenen größten Erfolge.

          Dass Coco Chanel für ihre "horizontale Kollaboration" nicht büßen musste und später ihr Prozessdossier aus dem Archiv des französischen Innenministeriums verschwand, lässt Vaughan auf die These Charles Highams zurückgreifen, Chanel sei nach Kriegsende politisch gedeckt worden, um zu verhindern, dass bei einer allzu peinlichen Befragung "vielleicht die Windsors und einige andere hochrangige Persönlichkeiten als Nazi-Kollaborateure enttarnt" worden wären. Für seine Studie, die Coco Chanel ein Doppelleben als Gestapo-Agentin attestieren möchte, konsultierte Vaughan internationale Archive und füllte mit den Funden manche weiße Stelle in der labyrinthischen Vita des erstklassig vernetzten Modewunders aus.

          Man erfährt, dass die Abwehr Dincklage schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg rekrutierte, dass er "als Goebbels' Propagandaagent in Paris" tätig war und bereits 1935 von der Pariser Zeitung "Vendémiaire" als Gestapoagent enttarnt wurde, der deutsche Exilanten und Kommunisten in Frankreich ausspionierte. Es ist daher anzunehmen, dass Chanel über ihren dreizehn Jahre jüngeren Liebhaber bestens informiert war. Sie selbst gab zu Protokoll, dass eine Frau im gewissen Alter, der sich eine Affäre bietet, nicht erst den Pass des Betreffenden konsultiert. Während Charles-Roux noch meinte, dass sich Chanel mit ihrem Geliebten während der Besatzung unsichtbar machte, malt Vaughan ein pittoreskes Bild von Chanels Leben im Ritz, jenem Logis unter Feinden, das ihr Dincklage möglich machte. Freunde wie Cocteau und Serge Lifar, die politisch elastisch waren, saßen "als Chanels Gäste an ihrem Tisch direkt neben der Nazi-Elite und häufigen Gästen aus Berlin", darunter Göring, Goebbels, Ribbentrop und Albert Speer.

          Was Chanels eigene Agententätigkeit betrifft, so konzentriert sie sich auf zwei Madrid-Reisen in den Jahren 1941 und 1943. Hinsichtlich der ersten Reise ist nur bekannt, dass sie gegen das Versprechen des V-Manns Baron Louis de Vaufreland unternommen wurde, für die dann tatsächlich erfolgte Freilassung ihres Neffen André aus einem deutschen Stalag zu sorgen. Aufgrund ihrer Kontakte zu britischen Botschaftskreisen in Madrid sollte Chanel bei der Beschaffung von "politischen Informationen" behilflich sein. Da die Archive des Franco-Regimes vernichtet wurden, ist über ihre tatsächlichen Aktivitäten nur ein Gesprächsprotokoll überliefert, das Brian Wallace als Mitglied der britischen Botschaft über eine Abendgesellschaft anlegte, bei der Chanel und Vaufreland zugegen waren. Ein unbefangener Blick auf die Äußerungen der Agentin F-7124 mag eher der schon etwas älteren These zuneigen, Chanel habe sich als Doppelagentin produziert.

          Die Geschichte der zweiten Madrid-Reise ist schlichtweg atemberaubend. Wie der Chanel-Biograph Henri Gidel berichtet, scheint sie durch einen Brief ans Licht gekommen zu sein, den der ehemalige Pariser Besatzungsoffizier Theodor Momm kurz nach Chanels Tod voller Bewunderung ihrem Anwalt schickte. Mit der Courage einer Jeanne d'Arc, wie Momm sich ausdrückt, hatte Coco Chanel es sich in den Kopf gesetzt, auf eigene Faust einen Separatfrieden zwischen England und Deutschland in die Wege zu leiten. Gidel vermutet, der Herzog von Westminster habe seine Exgeliebte zu dem unerhörten Schritt gedrängt, in solcher Absicht Kontakt mit der deutschen Abwehr aufzunehmen. Das entsprechende Prozedere wurde in Konsultation mit dem als Chanels Emissär in Berlin agierenden Momm großenteils schon von Charles-Roux aufgedeckt. Nach mehreren Anläufen landete Momm bei Walter Schellenberg, Leiter des SS-Auslandsnachrichtendienstes, der sich für den Plan erwärmte. Vaughan steuert Details aus den Protokollen der Schellenberg-Verhöre bei, die der britische Geheimdienst 1945 in England machte.

          Chanel reiste im Rahmen der Operation "Modellhut" höchstpersönlich nach Berlin, um für ihre Mission zu werben. Doch als sie von Schellenberg grünes Licht erhielt, forderte sie von Paris aus die Begleitung ihrer alten Freundin Vera Lombardi ein, die ausgezeichnete Beziehungen zum britischen Hochadel besaß. Charles-Roux geht davon aus, dass sich Chanel ihrer Sache ohne Vera nicht sicher war, sie ihre wahren Absichten jedoch nicht wissen lassen wollte. Minutiös berichtet Charles-Roux von den unglücklichen Folgen dieser Geheimniskrämerei. Die Madrid-Reise wurde Vera als Geschäftsausflug verkauft. Als Chanel sie dann am Ziel der Reise in ihre Absichten einweihte, denunzierte Lombardi in Bausch und Bogen jeden, der an der Operation "Modellhut" beteiligt war. Dass Churchills erhoffter Zwischenstopp in Madrid seiner schweren Erkrankung in Afrika wegen nicht zustande kam, besiegelte das Scheitern der Chanel-Mission.

          Eine Mischung von Naivität und Kalkül machte Gabrielle Chanel zu einer klassischen Vichy-Persönlichkeit. Was ihre antisemitischen Tiraden betrifft, sieht Vaughan sie durch ihre Herkunft aus einem reaktionär-katholischen Landmilieu geprägt. Ihr Händlernaturell legte es nahe, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Doch als sie ihren Moment gekommen sah, zögerte Chanel nicht, Vabanque zu spielen. Sie mag ihre persönlichen Kontakte zu beiden Seiten der Front geradezu als Verpflichtung empfunden haben, das Äußerste zu wagen.

          Ihr ein Doppelleben als Agentin nachzusagen, wie Vaughan es tut, greift dennoch daneben. Ihre erste Madrid-Reise wurde ihr zur Befreiung ihres Neffen abgepresst, und die zweite trug im Schilde hehre Ziele. Dass sich idealistische Glut bei ihr gut mit Eiseskälte vertrug, zeigte sich, als sie ihren Résistance-Liebhaber, den Dichter Pierre Reverdy, in Erwartung der alliierten Truppen drängte, Vaufreland in Haft zu nehmen: Chanel hat offenbar gehofft, so Vaughan, "dass Vaufreland, der einzige Franzose, der ihre Verbindungen zu den Nazis beweisen konnte, auf immer verschwinden würde". Reverdy vergab seiner Freundin. Wenn Coco Chanel ein Doppelleben führte, dann war es das einer modernen, von der asketischen Gefühlskälte ihres jugendlichen Klosterlebens infizierten Frau, die eine stellare Modekarriere mit einem erfüllten Liebesleben unter einen Hut zu bringen suchte. Doch das ist eine andere Geschichte.

          INGEBORG HARMS.

          Hal Vaughan: "Coco Chanel - Der schwarze Engel". Ein Leben als Nazi-Agentin.

          Aus dem Amerikanischen von Bernhard Jendricke u. a. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 384 S., geb., 22,99 [Euro].

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