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: Mit Glut und Eiseskälte

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Die Geschichte der zweiten Madrid-Reise ist schlichtweg atemberaubend. Wie der Chanel-Biograph Henri Gidel berichtet, scheint sie durch einen Brief ans Licht gekommen zu sein, den der ehemalige Pariser Besatzungsoffizier Theodor Momm kurz nach Chanels Tod voller Bewunderung ihrem Anwalt schickte. Mit der Courage einer Jeanne d'Arc, wie Momm sich ausdrückt, hatte Coco Chanel es sich in den Kopf gesetzt, auf eigene Faust einen Separatfrieden zwischen England und Deutschland in die Wege zu leiten. Gidel vermutet, der Herzog von Westminster habe seine Exgeliebte zu dem unerhörten Schritt gedrängt, in solcher Absicht Kontakt mit der deutschen Abwehr aufzunehmen. Das entsprechende Prozedere wurde in Konsultation mit dem als Chanels Emissär in Berlin agierenden Momm großenteils schon von Charles-Roux aufgedeckt. Nach mehreren Anläufen landete Momm bei Walter Schellenberg, Leiter des SS-Auslandsnachrichtendienstes, der sich für den Plan erwärmte. Vaughan steuert Details aus den Protokollen der Schellenberg-Verhöre bei, die der britische Geheimdienst 1945 in England machte.

Chanel reiste im Rahmen der Operation "Modellhut" höchstpersönlich nach Berlin, um für ihre Mission zu werben. Doch als sie von Schellenberg grünes Licht erhielt, forderte sie von Paris aus die Begleitung ihrer alten Freundin Vera Lombardi ein, die ausgezeichnete Beziehungen zum britischen Hochadel besaß. Charles-Roux geht davon aus, dass sich Chanel ihrer Sache ohne Vera nicht sicher war, sie ihre wahren Absichten jedoch nicht wissen lassen wollte. Minutiös berichtet Charles-Roux von den unglücklichen Folgen dieser Geheimniskrämerei. Die Madrid-Reise wurde Vera als Geschäftsausflug verkauft. Als Chanel sie dann am Ziel der Reise in ihre Absichten einweihte, denunzierte Lombardi in Bausch und Bogen jeden, der an der Operation "Modellhut" beteiligt war. Dass Churchills erhoffter Zwischenstopp in Madrid seiner schweren Erkrankung in Afrika wegen nicht zustande kam, besiegelte das Scheitern der Chanel-Mission.

Eine Mischung von Naivität und Kalkül machte Gabrielle Chanel zu einer klassischen Vichy-Persönlichkeit. Was ihre antisemitischen Tiraden betrifft, sieht Vaughan sie durch ihre Herkunft aus einem reaktionär-katholischen Landmilieu geprägt. Ihr Händlernaturell legte es nahe, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Doch als sie ihren Moment gekommen sah, zögerte Chanel nicht, Vabanque zu spielen. Sie mag ihre persönlichen Kontakte zu beiden Seiten der Front geradezu als Verpflichtung empfunden haben, das Äußerste zu wagen.

Ihr ein Doppelleben als Agentin nachzusagen, wie Vaughan es tut, greift dennoch daneben. Ihre erste Madrid-Reise wurde ihr zur Befreiung ihres Neffen abgepresst, und die zweite trug im Schilde hehre Ziele. Dass sich idealistische Glut bei ihr gut mit Eiseskälte vertrug, zeigte sich, als sie ihren Résistance-Liebhaber, den Dichter Pierre Reverdy, in Erwartung der alliierten Truppen drängte, Vaufreland in Haft zu nehmen: Chanel hat offenbar gehofft, so Vaughan, "dass Vaufreland, der einzige Franzose, der ihre Verbindungen zu den Nazis beweisen konnte, auf immer verschwinden würde". Reverdy vergab seiner Freundin. Wenn Coco Chanel ein Doppelleben führte, dann war es das einer modernen, von der asketischen Gefühlskälte ihres jugendlichen Klosterlebens infizierten Frau, die eine stellare Modekarriere mit einem erfüllten Liebesleben unter einen Hut zu bringen suchte. Doch das ist eine andere Geschichte.

INGEBORG HARMS.

Hal Vaughan: "Coco Chanel - Der schwarze Engel". Ein Leben als Nazi-Agentin.

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Jendricke u. a. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 384 S., geb., 22,99 [Euro].

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