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: Mit Glut und Eiseskälte

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Wie der ehemalige amerikanische Geheimdienstoffizier Hal W. Vaughan in seiner Biographie berichtet, wurde 1946 gegen Chanel ein Kollaborationsverfahren eröffnet, drei Jahre später reiste sie aus ihrem Schweizer Exil an, um sich dem Gericht zu stellen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer blendenden Verteidigung ließ man die Anklage vorläufig fallen. 1954 war nach Einschätzung Chanels genug Gras über die Sache gewachsen, um ihr Couture-Comeback zu wagen. Paris verpönte aus mehr als nur modischen Gründen ihre erste Kollektion, doch Amerika war begeistert. Mit weiblichen Trendsettern wie Jackie Kennedy, Romy Schneider, Jeanne Moreau, Jane Fonda und Marilyn Monroe im Schlepptau übertrumpfte die Siebzigjährige in den zwei letzten Lebensjahrzehnten ihre eigenen größten Erfolge.

Dass Coco Chanel für ihre "horizontale Kollaboration" nicht büßen musste und später ihr Prozessdossier aus dem Archiv des französischen Innenministeriums verschwand, lässt Vaughan auf die These Charles Highams zurückgreifen, Chanel sei nach Kriegsende politisch gedeckt worden, um zu verhindern, dass bei einer allzu peinlichen Befragung "vielleicht die Windsors und einige andere hochrangige Persönlichkeiten als Nazi-Kollaborateure enttarnt" worden wären. Für seine Studie, die Coco Chanel ein Doppelleben als Gestapo-Agentin attestieren möchte, konsultierte Vaughan internationale Archive und füllte mit den Funden manche weiße Stelle in der labyrinthischen Vita des erstklassig vernetzten Modewunders aus.

Man erfährt, dass die Abwehr Dincklage schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg rekrutierte, dass er "als Goebbels' Propagandaagent in Paris" tätig war und bereits 1935 von der Pariser Zeitung "Vendémiaire" als Gestapoagent enttarnt wurde, der deutsche Exilanten und Kommunisten in Frankreich ausspionierte. Es ist daher anzunehmen, dass Chanel über ihren dreizehn Jahre jüngeren Liebhaber bestens informiert war. Sie selbst gab zu Protokoll, dass eine Frau im gewissen Alter, der sich eine Affäre bietet, nicht erst den Pass des Betreffenden konsultiert. Während Charles-Roux noch meinte, dass sich Chanel mit ihrem Geliebten während der Besatzung unsichtbar machte, malt Vaughan ein pittoreskes Bild von Chanels Leben im Ritz, jenem Logis unter Feinden, das ihr Dincklage möglich machte. Freunde wie Cocteau und Serge Lifar, die politisch elastisch waren, saßen "als Chanels Gäste an ihrem Tisch direkt neben der Nazi-Elite und häufigen Gästen aus Berlin", darunter Göring, Goebbels, Ribbentrop und Albert Speer.

Was Chanels eigene Agententätigkeit betrifft, so konzentriert sie sich auf zwei Madrid-Reisen in den Jahren 1941 und 1943. Hinsichtlich der ersten Reise ist nur bekannt, dass sie gegen das Versprechen des V-Manns Baron Louis de Vaufreland unternommen wurde, für die dann tatsächlich erfolgte Freilassung ihres Neffen André aus einem deutschen Stalag zu sorgen. Aufgrund ihrer Kontakte zu britischen Botschaftskreisen in Madrid sollte Chanel bei der Beschaffung von "politischen Informationen" behilflich sein. Da die Archive des Franco-Regimes vernichtet wurden, ist über ihre tatsächlichen Aktivitäten nur ein Gesprächsprotokoll überliefert, das Brian Wallace als Mitglied der britischen Botschaft über eine Abendgesellschaft anlegte, bei der Chanel und Vaufreland zugegen waren. Ein unbefangener Blick auf die Äußerungen der Agentin F-7124 mag eher der schon etwas älteren These zuneigen, Chanel habe sich als Doppelagentin produziert.

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