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: Meine Schwester, die Sonntagsbeilage

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Ach, die bösen Zungen. Martin Kippenberger, der naturgemäß selbst eine war, kennt sie nur zu gut. Was er wohl dazu gesagt hätte, dass sich in den letzten Jahren so viele an seine Sprüche und seine perfekt imperfekte Kunst gehängt haben? Selbst Auktionshäuser werben ja mittlerweile mit dem "Kippenberger-Effekt", um die junge milde Malerei historisch nachzuwürzen.

          Ach, die bösen Zungen. Martin Kippenberger, der naturgemäß selbst eine war, kennt sie nur zu gut. Was er wohl dazu gesagt hätte, dass sich in den letzten Jahren so viele an seine Sprüche und seine perfekt imperfekte Kunst gehängt haben? Selbst Auktionshäuser werben ja mittlerweile mit dem "Kippenberger-Effekt", um die junge milde Malerei historisch nachzuwürzen. Da kann es einem mit "Sankt Martin" fast so ergehen wie einst Wolfgang Hildesheimer, der in einer seiner "Lieblosen Legenden" mitteilte: "Ich schreibe kein Buch über Franz Kafka." Also halten auch wir uns in einer Art Parallelaktion daran und überlassen das Feld anderen. Diedrich Diederichsen etwa, so ist zu hören, schreibe eines. Und weil man dann eh alles noch einmal liest und anschaut, hat er unter dem Titel "Martin Kippenberger. Wie es wirklich war" schon mal einen Band mit "Lyrik und Prosa" herausgegeben, nur Texte, die sich, so Diederichsen, auch ohne den Kontext behaupten könnten, in dem sie entstanden.

          Seit Martin Kippenberger (1953 bis 1997) nicht mehr dauerhaft nervt und nur seine Werke übrig geblieben sind, findet sich kaum noch einer, der ihn nicht gut findet. Es ist schon seltsam, wie der penetrante Kippenberger-Furor aus der Zeit gerissen und so getan wird, als wären die "Hetzler Boys" samt M. K. mit seiner Dauerpubertät alles gewesen, nur keine frech-anarchische Opposition gegen die Großmalerfürstenkunst der achtziger Jahre. So ist das eben mit dem historischen Abstand und den toten Künstlern. Aber soll und kann man deswegen heute noch all die mehr oder weniger zutreffenden Charakterisierungen nachbeten, die Martin Kippenberger zuteil wurden? Kann man, wie es Susanne Kippenberger, die jüngste seiner vier Schwestern und Redakteurin beim Berliner "Tagesspiegel" (O-Ton M. K.: "meine Schwester, die Sonntagsbeilage"), in ihrem Buch auf mehr als fünfhundert Seiten versucht, ein Porträt statt einer Biographie des Menschen und des Künstlers schreiben, das auf die gemeinsam erlebte Kindheit und Jugend gründet, sich ansonsten aber auf die Aussagen von allzu vielen verlässt, die dabei gewesen sind? Was bekommt man zu fassen, wenn man all die Sprüche - "Wer Bonanza selber dreht, der die Welt umso besser versteht" -, die M. K. so gern klopfte, mit suchend ausgeworfenen Charakterisierungen wie Anarchist, Gentleman, Männerbündler und Frauenfeind, Einzelgänger und Alleinunterhalter, Selfmademan und Menschengärtner verbindet? Heißt das nicht: Jedem seinen Kippenberger?

          "Er war", beginnt Susanne Kippenberger ihr Buch, "mein großer Bruder. Mein Beschützer, mein Verbündeter, mein Held." Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Kapitel über Kindheit und Jugend die intensivsten sind. Der "Pappa", samt der ganzen Familie, "ein Exot in einer konservativen, nüchternen Welt", "Mutti" eigentlich Ärztin, doch bis zur Scheidung "hauptberuflich Ehefrau und Mutter", das "Haus Kippenberger" in Essen-Frillendorf samt Kinderhaus, Au-pair-Mädchen, Haustöchtern, Künstlern und allerlei Freunden ein chaotisches Paradies, in dem alles, was geschah, festgehalten wurde "auf Bildern, Filmen, Fotos und in Worten". Und mittendrin der Stammhalter: Martin, von Kindesbeinen an Schauspieler und Entertainer. 1962, Martin Kippenberger ist neuneinhalb, kommt er aufs Internat, ins "staatlich genehmigte Schulheim" Tetenshof in Hinterzarten/Titisee, von wo aus er Briefe schreibt und den Umschlägen "zeichnenderweise seinen persönlichen Stempel" aufdrückt. "So", heißt es dann, "beginnt die Kippenbergerisierung der Welt" - und wieder einmal triumphiert der Mythos vom Künstler im Nachhinein über eine Jugend.

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