https://www.faz.net/-gyz-rhwd

: Marmor, Stein und Eisen schlagen Schneisen

  • Aktualisiert am

Kaum ein Berufsstand dürfte sich jemals so sehr von den eigenen Arbeitsgegenständen diskreditiert gefühlt haben wie ausgerechnet Maler, Bildhauer und Architekten, die sich im exklusiven Zirkel der freien Künste schon deswegen wie Parias vorkommen mußten, weil ihre Werke noch so geistvoll ausgeführt sein konnten und doch immer der Schwerkraft unterlagen.

          Kaum ein Berufsstand dürfte sich jemals so sehr von den eigenen Arbeitsgegenständen diskreditiert gefühlt haben wie ausgerechnet Maler, Bildhauer und Architekten, die sich im exklusiven Zirkel der freien Künste schon deswegen wie Parias vorkommen mußten, weil ihre Werke noch so geistvoll ausgeführt sein konnten und doch immer der Schwerkraft unterlagen. Die schiere materielle Präsenz von Gemälden, Plastiken und Bauten schien lange Zeit eher gegen sie sprechen: Der fundamentalste Vorwurf, der ihnen von kunsttheoretischer Seite aus gemacht werden konnte, betraf den Umstand, daß sie mit gewissen handwerklichen Anstrengungen aus bestimmten Rohstoffen erst angefertigt werden mußten. Kurz gesagt: Ihr Manko bestand darin, daß es sie überhaupt gab.

          Ein Begriff wie "Materialästhetik" hätte deshalb zur Zeit Hegels wahrscheinlich geklungen wie ein Widerspruch in sich. Und alle Materialeuphorien, zu denen es auf dem Weg in die künstlerische Moderne gekommen ist, lassen sich letztlich immer als Reaktion auf den normativen Materialekel lesen, der gerade für die idealistischen Ästhetiken grundlegend war. Das Wort "Materialästhetik" findet sich in dieser Form wahrscheinlich zum ersten Mal bei dem nationalistischen Publizisten Heinrich Pudor, der 1911 über die Qualität deutscher Gebrauchsgüter räsonierte, bei dieser Gelegenheit im Vorgriff auf heutige Forderungen des Verbraucherschutzes eine Art Reinheitsgebot und Kennzeichnungspflicht der Ingredienzien forderte und zu dem Schluß kam, daß man den Fokus von den Äußerlichkeiten auf die Eigentlichkeiten verlagern müsse, also von der Form auf die Materialien und die ihnen innewohnende Attraktivität. Man kann mit dem Begriff wie hier die Ausgangsmaterialien gegen die Formen des Endprodukts in Stellung bringen, man kann ihn aber auch dafür verwenden, die Rolle der Materialien im Prozeß der Formfindung zu unterstreichen, also den Einfluß, den die schnöde Materie noch auf die Art und Weise ihrer eigenen Überwindung ausübt.

          Unter diesem Titel und in diesem Sinne liegt jetzt eine Anthologie von Quellentexten vor, bei der es sich um die bislang letzte Publikation eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Projektes zur Erfoschung der Materialikonographie an der Universität Hamburg handelt. Dieses Unternehmen hat sich in den letzten fünf Jahren darum verdient gemacht, ein Problemfeld für die akademische Kunstgeschichte in den Blick zu nehmen, dessen bisherige Vernachlässigung Teil seiner Geschichte ist. Daß sich Materialfragen nicht als banales Nebenthema ausklammern lassen, sondern im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert tatsächlich mit fast noch größerer Leidenschaftlichkeit diskutiert wurden als die Stilfragen, die hier praktisch den Charakter eines Folgeproblems bekommen, das ist nur eine der Erkenntnisse, die sich aus diesem Band gewinnen lassen. Es ist vor allem eine Kompilation der materialbezogenen Textstellen bei den üblichen Verdächtigen, also einerseits natürlich bei Semper und andererseits bei denen, die sich an Sempers Materialismus rieben; hinzu kommen aber auch tagesaktuelle Einlassungen zum Thema aus zuweilen recht apokryphen Quellen.

          Weitere Themen

          Maßregeln hilft nicht weiter

          FAZ Plus Artikel: AfD-Debatte : Maßregeln hilft nicht weiter

          Jetzt mischt sich sogar der Bundespräsident ein: Steinmeiers Angriff auf Gauland trifft auch das Wahlvolk, aber der moralisierende Kampf gegen die AfD befördert die Auszehrung der Traditionsparteien.

          Die Realität der Zwickmühle

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Topmeldungen

          Vor der Wahl in Israel : Zusammenprall der Temperamente

          Bei der Parlamentswahl an diesem Dienstag in Israel tritt der frühere Generalstabschef Gantz gegen Amtsinhaber Netanjahu an. Doch selbst wenn er gegen den Ministerpräsidenten gewinnen sollte – einen fundamentalen Politikwechsel gäbe es nicht.

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Mit dem Bagger gegen die Algen: Arbeiter am Strand von Tarifa.

          Algenplage im Mittelmeer : Der asiatische Eindringling

          Laut spanischen Fischern spielt sich unter der Meeresoberfläche um Gibraltar und Mittelmeer eine Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes ab. Fische gehen nicht mehr viele ins Netz – stattdessen tonnenweise braune Algen.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.