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: Marmor, Stein und Eisen schlagen Schneisen

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Die Herausgeber haben so etwas wie ein transhistorisches Fachgespräch zwischen berühmten und weniger berühmten Namen destilliert, moderiert, kommentiert und der Übersichtlichkeit halber zu Themenblöcken geordnet. Als zeitlicher Rahmen dienen der Anbruch des Industriezeitalters, der die alten, über den schlichten ökonomischen Wert definierten Materialordnungen ins Wanken gebracht hatte. Die neuartige Textgattung der Ästhetiken hatte ja als Scharnier zwischen Kunst und Philosophie nicht zuletzt die Funktion, diese alte Übersichtlichkeit in die neuen Zeiten hineinzuretten oder wenigstens etwas Vergleichbares neu zu konstituieren.

Mit der Industrialisierung kamen auch fortwährend neue Materialien auf den Markt, die zwar die Phantasie der Ingenieure befeuerten, die Künstler und Architekten aber auffällig ratlos machten, zumal dann, wenn sie die Formgebung als Funktion von Material, Zweck und Technik begriffen. "Bei einer solchen Materie steht einem Stilisten der Verstand still", notierte Semper bekümmert über den Kautschuk. Dem Drang nach Befreiung aus den Fesseln des Materials stand immer eine regelrecht masochistische Sehnsucht nach dessen orientierenden Zwängen gegenüber. Das Gußeisen, über dessen Einfluß auf Schönheit oder Häßlichkeit der Architektur sich das neunzehnte Jahrhundert so ausführlich gestritten hatte, daß noch Albert Speer 1937 mit ästhetischen Argumenten der "Körperbildung" der Verwendung von Naturstein statt rüstungswichtigem Stahl das Wort reden konnte, hatte am Ende wenigstens eine statisch begründete Ingenieurästhetik wie die des Eiffelturms hervorgebracht, die man sich, wie Cornelius Gurlitt das beschrieb, über die Zeit gewissermaßen schönsehen konnte. Es sind die großen historischen Argumentationsbögen, die sich dank dieses Buches nun besser überblicken lassen. Die Karriere des Synthetischen durch alle Phasen der Anfeindung (vor allem im Nationalsozialismus) bis hin zu Roland Barthes' nun auch schon wieder mehrfach revidierte und recycelte Feier der "griechischen Schäfernamen" Polystyren und Polyethylen. Und die des Gegenteils, der natürlichen Materialien und Formen. In dem entsprechenden Kapitel erscheint dann Joseph Beuys "Gespräch über Bäume" wie ein Echo auf Goethe, der 1788 eine der ältesten und von der Antike sowie von der christlichen Kunst begeistert rezipierten Kunstformen der Menschheit kurzerhand zum Naturprodukt erklärte: "Es scheint mir sehr wahrscheinlich, daß die Ägypter zu der Aufrichtung so vieler Obelisken durch die Form des Granits selbst sind gebracht worden."

Es wird ein Diskurs verfolgt, der von der Befreiung der Form vom Material ausgeht und beim Informel und erst recht bei Robert Morris mit der Befreiung des Materials von der Form noch lange nicht zu Ende ist. Und die zum Teil abenteuerliche Verwendung von Materialfragen für nationalistische und rassische Diskurse sowie die ausführlich dokumentierte Für-und-Wider zu Materialimitationen und Surrogaten geben Diskussionen eine historische Fundamentierung, die heute aktueller sind denn je. Diese Quellensammlung läßt es leider ab den siebziger Jahren gut sein. Hans Haackes Erdaufschüttung im Reichstag, die Verwendung lokaler Gesteine beim Bau der Berliner Botschaften von Indien oder Mexiko, zu den marmorierten Blechsäulen im Ritz Carlton am Potsdamer Platz werden aber gewisser indirekt reflektiert, und es ist höchst aufschlußreich zu lesen, wieviel von dem, was dazu zu sagen wäre, in der Vergangenheit bereits gesagt wurde, und zwar von wem und zu welchem Zweck.

Dietmar Rübel, Monika Wagner, Vera Wolff (Hrsg.): "Materialästhetik". Quellentexte zu Kunst, Design und Architektur. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2005. 349 S., Abb., br., 29,90 [Euro].

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