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: Malen wir uns das Unsagbare aus, das in der Luft liegt

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Der Begriff gilt als Triumph der Vernunft. Als Stellvertreter sinnlicher Erreichbarkeit, so Hans Blumenberg, ersetzt er die unmittelbare Anschauung. So können wir uns über einen Gegenstand wie einen Baum oder auch eine Epoche wie den Impressionismus verständigen, ohne diese jeweils vor Augen zu haben oder über eine abgeschlossene Vorstellung von diesen zu verfügen.

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          Der Begriff gilt als Triumph der Vernunft. Als Stellvertreter sinnlicher Erreichbarkeit, so Hans Blumenberg, ersetzt er die unmittelbare Anschauung. So können wir uns über einen Gegenstand wie einen Baum oder auch eine Epoche wie den Impressionismus verständigen, ohne diese jeweils vor Augen zu haben oder über eine abgeschlossene Vorstellung von diesen zu verfügen. Die zwangsläufige, höchst praktikable Vereinfachung im Begriff geht allerdings genauso zwangsläufig mit der Gefahr einher, den Gegenstand, die Epoche oder auch die Idee nicht nur aus den Augen zu verlieren, sondern zu verflachen oder zu verfälschen.

          Einer solchen Verflachung unterlag der Begriff der "Stimmung", der in den letzten gut einhundert Jahren einem buchstäblich zu verstehenden Wechselbad der Gefühle ausgesetzt war. Am Anfang standen die Versuche, Stimmung als ästhetische Kategorie unter den Vorzeichen von Einfühlung, ontologischer Daseinsbegründung oder als Merkmal moderner Malerei zu etablieren. Parallel dazu häufte sich der sprachkritisch bedingte Überdruss, der den inflationären Gebrauch eines zunehmend unscharfen Beschreibungsinstruments für jeglichen Zustand geißelte.

          Von der um 1800 gepriesenen ästhetischen Stimmung war Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr viel übrig. Ausgerechnet der vielschichtige Begriff der Stimmung, dessen Skala der sinnlichen Erfahrung von Klängen und Tönen, von Räumlichkeit und Temperatur, von Hell, Dunkel und Farben bis hin zu Gefühlen und Affekten reicht, verkam im Sprachgebrauch zum Schlagwort. Jeder Allgemeinplatz wurde mit kollektiver Stimmung belegt und individuelles Erleben drohte im dumpfen Gemeinschaftserlebnis aufzugehen. Stimmung, so schien es jedenfalls, hatte im ästhetischen Diskurs jegliche Relevanz verloren.

          Seit einigen Jahren aber erlebt die "Stimmung" ihre ästhetische Wiedergeburt. Nachdem sich anfänglich die Literaturwissenschaft das Thema auf die Fahnen geschrieben hatte, ist inzwischen auch in der Kunstgeschichte buchstäblich ein Stimmungswechsel zu bemerken. So hat Kerstin Thomas im Rahmen ihrer Dissertation Stimmung als Erkenntnismittel und Weltzugang in den Werken von Pierre Puvis de Chavannes, Georges Seurat und Paul Gauguin herausgearbeitet. Zeitgleich ist unter ihrer Herausgeberschaft ein Band erschienen, der auf eine Konferenz am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris zurückgeht und eine Reihe von lesenswerten Beiträgen zur Stimmung als "ästhetischer Kategorie und künstlerischer Praxis" versammelt.

          Bereits auf der ersten Seite ihrer Studie "Welt und Stimmung bei Puvis de Chavannes, Seurat und Gauguin" greift die Autorin auf Michel Foucaults "Die Ordnung der Dinge" zurück. Wie Foucault die in der Wissenschaft geltenden Ordnungsmuster provokativ befragt, so zwingt auch sie die drei französischen Maler des späten neunzehnten Jahrhunderts auf eine Weise zusammen, die bisheriger Epocheneinteilung und Werkeinordnung zuwiderläuft.

          Ihre Zusammenstellung scheint nicht so "unmöglich zu denken" zu sein, wie Foucault dies in dem berühmten Beispiel "dieser gewissen chinesischen Enzyklopädie" seiner Neuordnung der Dinge vorschlug. Offenbar hält es die Autorin für ein Ding der Unmöglichkeit, innerhalb des Wissenschaftsdiskurses jenseits etablierter Muster und Kategorien zu denken. Und in diesen war Stimmung als "ästhetische Strategie" und "Weltzugang" bis dato nicht vorgesehen. Dabei gab es bereits 1899 den wegweisenden Aufsatz "Die Stimmung als Inhalt der modernen Kunst" des Kunsthistorikers Alois Riegl, in dem "Stimmung", zumal in romantischer Landschaftsmalerei, über "Ruhe und Fernsicht" als einfühlungsästhetischer "Entlastungserfahrung" (Thomas) eine wichtige Rolle in moderner Lebensbewältigung zugewiesen wurde. Kerstin Thomas geht mit einem erweiterten, kognitiven Stimmungsbegriff über Riegl hinaus. Als Erkenntnismittel vermag dieser, so Thomas, das "jahrhundertealte dualistische Modell durch die Vorstellung eines zwischen Subjekt und Objekt angesiedelten Bedeutungsrahmens" zu überwinden. Die drei dafür exemplarisch ausgewählten Künstler wollten, so lautet die These, weder objektivierend die Umwelt schildern, noch subjektivistisch Innenwelten darstellen, sondern gerade im Unterlaufen dieser Kategorien die Welt erschließen.

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