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: Land unter - ein neuer "turn"

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Zu den Bildern und Imaginationen dessen, was nicht unmittelbar zu sehen ist, hat es die an der University of Chicago lehrende Kunsthistorikerin Barbara Stafford immer schon hingezogen. Bücher wie "Body Criticism" und "Kunstvolle Wissenschaft" zeigten die Autorin auf verzweigten Wegen, um der Funktionsweise von ...

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          Zu den Bildern und Imaginationen dessen, was nicht unmittelbar zu sehen ist, hat es die an der University of Chicago lehrende Kunsthistorikerin Barbara Stafford immer schon hingezogen. Bücher wie "Body Criticism" und "Kunstvolle Wissenschaft" zeigten die Autorin auf verzweigten Wegen, um der Funktionsweise von Bildern zwischen Wissenschaft, Kunst und Philosophie von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart nachzuspüren. Auch wer ihren Vernetzungkünsten dabei nicht immer zu folgen mochte, stieß auf viele interessante Bilder und Winke.

          Staffords neues Buch ist wiederum Grenzübergängen zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Terrains gewidmet ("Echo Objects". The Cognitive Work of Images. Chicago, London, University of Chicago Press 2007. 281 S., geb., 27,- £). Diesmal stehen auf der einen Seite die Neurowissenschaften und auf der anderen die Kunst von der Höhlenmalerei bis zum zeitgenössischen Video. Ihre Verschränkung findet im Zeichen der neurobiologisch vorangetriebenen "kognitiven Revolution" statt. Neurowissenschaftliche oder, vorsichtiger formuliert, neurowissenschaftlich und evolutionspsychologisch inspirierte Einsichten sollen dabei einerseits neue Sichtweisen für die Interpretation von Kunstwerken an die Hand geben. Andererseits soll vorgeführt werden, dass Kunstwerke auf erhellende, nämlich konzeptuelle Weise auf ebenjene Verarbeitungsmechanismen im Gehirn hindeuten können, die von der Wissenschaft ins Visier genommen werden.

          Im Wesentlichen läuft das darauf hinaus, dass Stafford die Interpretationen der Kunstwerke auf ihre ausgiebigen neurowissenschaftlichen Lektüren abstimmt. Nehmen wir gleich das erste Beispiel. Es handelt sich um ein Tischtuch, auf dem die Künstlerin Anne Wilson mit ihrem Haar und auch einigen Nadeln die Konturen von Flecken nachgezeichnet hat, die dort vielleicht ein Fest zurückgelassen hat, auf das der Titel der Arbeit anspielt. Für Stafford soll diese Installation erkennbar machen, was sie als Fragilität mentaler Objekte - nämlich von neuronalen Aktivitätsmustern, die mit Erinnerungsbildern korrelieren - versteht. Zu diesem Zweck wird zuerst aus den Spuren auf dem Tischtuch im Handumdrehen eine "topologische Untersuchung" - Mathematik ist kognitiv auch nicht schlecht -, die dem "Geheimnis der Beziehung von Phänomenen zur mentalen Welt" nachspürt. So weit ist das noch eine relativ bescheidene Phrasierung, die mancher Katalogtext offerieren könnte, und auf sachhaltige Nüchternheit im Genre des zeitgenössischen Kunstkommentars zu bestehen muss ohnehin als aussichtsloses Unterfangen gelten.

          Aber Stafford ist keine Autorin, die auf halbem Wege stehenbleibt. Zwei Sätze weiter ist sie schon bei Roger Penrose' spekulativer Verwendung der Quantentheorie zum Zwecke der "Erklärung" des Bewusstseins angelangt. Aus den markierten Spuren auf dem Tischtuch wird eine "wellenartige Organisation", die wie in Penrose' mikrotubularen Szenarien zusammengefügt sei aus vorbewussten Prozessen, welche mit diskreten oder selbstkollabierenden bewussten Ereignissen oszillierten. Kurz: Die Installation ist ein Echo von Penrose' "neuer Physik der objektiven Reduktion (OR), welche das Ordnungsgefüge des Universums auf fundamentalem Niveau behandelt".

          Der Physiker Penrose ist zwar ein besonders krasser Fall: Auf seine und andere quantenmechanische Hilfestellungen für die Hirnforschung münzte ein Kritiker einmal das giftige Bonmot, dass sich damit zumindest zum ersten Mal nicht die Philosophen durch sachfremde Ingnoranz auszeichnen würden. Aber das Strickmuster ist auch mit Autoren wie Pinker, Damasio oder Edelman oft ähnlich. Objekte der Kunst werden zum Echo. Was sie auf diese Weise zurückwerfen, sind freilich kaum Einsichten, die nur an ihnen zu machen wären, sondern die einschlägigen Lektüren der Autorin. Das Buch führt vor, wie lesbar ihr manche Objekte und Bilder vor dem Hintergrund von Neurobiologie, Entwicklungs- und Evolutionspsychologie wurden.

          Auf den ersten Blick scheint das kein ungeschickter Zug. Lässt sich denn bündiger davon handeln, dass es in der betrachteten Kunst um Kognitives geht, wenn Letztere mit Einsichten oder zumindest Vermutungen der Neurowissenschaften in ein Wechselspiel gebracht werden? Aber selbst wenn dabei durchaus interessante Aspekte ins Spiel kommen können, macht Staffords Emphase skeptisch. Zum einen deshalb, weil sie sich für ihre Zwecke oft an recht luftige Konstruktionen und Spekulationen auf neurowissenschaftlichem Terrain halten muss, die durch die beherzte Spiegelung in der Kunst nicht gerade an Solidität gewinnen. Vor allem aber, weil die damit anvisierte "kognitive Arbeit der Bilder" nie ganz den Beigeschmack der Indienstnahme der Kunstwerke für Einsichten verliert, die letztlich auf dem Feld der Wissenschaften erfüllt werden (oder auch nicht). Beiläufig ist übrigens bei Stafford vom "cognitive turn" die Rede. Ausschließen kann man wohl nicht ganz, dass eine in "turns" aller Art verliebte Kulturwissenschaft da noch auf den Geschmack kommen könnte.

          HELMUT MAYER

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